Strafzölle

The Battle of Bourbon: Welche Auswirkungen Strafzölle auf American Whiskey haben könnten

News 23.6.2018

Die USA trompeten zum Handelskrieg. Mitten im Getümmel findet sich auch American Whiskey, wofür besonders symbolisch Bourbon steht. Die EU verhängen ab Juli Strafzölle gegen die USA und versuchen, diese nicht pauschal, sondern gezielt einzusetzen. So soll Donald Trump der eine oder andere Leberhaken verpasst werden, aber die Lage ist kompliziert. Schließlich könnten Strafzölle auf Bourbon Whiskey sogar mit der Migrationsdebatte in Europa zu tun haben.

Werden sich dank Donald Trump die Liebhaber von American Whiskey ihren edlen Tropfen bald kaum noch leisten können? Werden in den Bars Cocktails mit dem beliebten Kulturgut richtig teuer, wird dadurch der Boom dieser Kategorie an sein Ende gebracht und wie profitieren etwa einige deutsche Brenner davon? Wie reagieren die deutschen Ableger der großen Produzenten, werden etwa Marketingausgaben eingefroren? Am 1. Juli will die EU Gegenzölle auf verschiedene amerikanische Waren erheben, nachdem die USA seit dem 1. Juni Strafzölle auf Stahl und Aluminium aus Europa ins Werk gesetzt haben. Zeit, den Sachverhalt zu beleuchten und ein wenig zu sortieren.

Strafzölle für American Whiskey: Die Schlacht beginnt

Im Moment stellt sich die Lage folgendermaßen dar: Die USA haben ein gewaltiges Handelsbilanzdefizit zu Europa, speziell Deutschland, China, Kanada, Japan und einigen anderen Staaten. Darin sieht Trump die nationale Sicherheit bedroht, will dagegen vorgehen und überzieht die Welt mit Zöllen.

Seit dem 1.Juni ist auch Europa davon betroffen. Er bewegt sich auf dem Boden amerikanischen Handelsrechts noch aus Zeiten des Kalten Krieges. Die Rechtmäßigkeit (Bedrohung der nationalen Sicherheit) wird allerdings von der EU angezweifelt und es ist Klage bei der Welthandelsorganisation WTO eingereicht worden.

25 Prozent also erheben die USA auf Einfuhren von Stahl und 10 Prozent auf Aluminium aus der EU. Diese hat am 20. Juli ihre Gegen- oder Strafzölle scharf geschaltet, die dann am 22. Juli faktisch in Kraft treten. Etwa hundert Produkte aus den USA fallen darunter und werden mit Gegenzöllen von 25 Prozent sanktioniert. Neben Jeans, Harley Davidson, Orangensaft, Tabak und Erdnussbutter auch Bourbon Whisky. Klingt erst mal putzig, ist aber schlau und wirkungsvoll. Während sich die USA und China in eine 50 Milliarden-Schlacht – für den Anfang – geworfen haben, sind die Summen, um die es zwischen Europa und den USA geht, beinahe putzig – bisher! Allerdings haben sie auch eine politische Dimension, über die in den Medien selten oder gar nicht gesprochen wird.

Mit Bourbon Trump aushebeln

Bereits in Interviews aus den 1970er und 1980er Jahren moniert Trump den Niedergang der heimischen Autoindustrie durch die Massenimporte japanischer, besonders aber deutscher Karossen. Dass hier auch Qualitätskriterien eine Rolle spielen, blendet er aus. Inzwischen argumentiert er politisch und beklagt, die Amerikaner würden mit gigantischen Verteidigungsausgaben für die Sicherheit Europas eintreten und zum Dank würden dieses nicht nur seine Wehretats nicht wie versprochen anheben, sondern durch unfaire Handelsdeals die Wirtschaft der USA belasten und dort die Menschen arbeitslos machen.

Und genau die haben ihn massenhaft gewählt. Dazu später mehr.

Betrachten wir zunächst die Causa Bourbon Whiskey. Seit einer Dekade erlebt diese Kategorie in den USA und global einen wahren Boom an Konsumenten und Bargängern. Der Wendepunkt wurde geschaffen mit neuen Qualitätsabfüllungen weg vom Billig-Image, geschicktem Marketing zwischen Spinnweben und Lifestyle sowie massiven Investitionen. Allein Louisville, Nukleus des Bourbon und größte Stadt in Kentucky, hat den Standort mit über einer Milliarde Dollar an Investitionen aus der Versenkung katapultiert. Laut „USA Today“ vom 14.6.2018 arbeiten 17.000 Menschen in der Whiskeyindustrie nur in Kentucky alleine, die insgesamt sagenhafte 8,5 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Fast die Hälfte davon trägt der Riese Brown Forman mit seinen bekanntesten Produkten Jack Daniel’s und Woodford Reserve bei. Die amerikanischen Bourbon-Destillerien haben 2017 für fast 790 Millionen Dollar (Kentucky 154 Millionen) nach Europa exportiert.

Der Bürgermeister von Louisville und die Branche fürchten durch die europäischen Strafzölle nun drastische Einbußen. Experten beziffern Gewinn und Verlust von Arbeitsplätzen in den USA durch die Folgen von Trumps Handelspolitik negativ saldiert auf eins zu achtzehn. Genau hier setzen die kleinen Nadelstiche der EU an: Trump hat bei den Wahlen in Kentucky satte 62,54 Prozent eingefahren. Allerdings finden im November Kongresswahlen statt und Mitch McConnell, sein Mehrheitsführer im Senat, vertritt dabei Kentucky. Der Mann muss also freie Bahn für Trumps Politik organisieren und sich gleichzeitig für die Konsequenzen vor seinen Wählern verantworten. So hoffen die Europäer, den Hebel gegen den Abstinenzler Trump anzusetzen, und genehmigen sich schon mal einen Schluck.

Die Gelassenheit der Connaisseure

Doch wie geht es weiter, welche Szenarien sind noch zu erwarten? Obwohl im Hintergrund, verborgen von der Öffentlichkeit, weiter zwischen der EU und den USA verhandelt wird, gilt als sicher, dass die Sanktionen der EU am 1.Juli in Kraft treten. Liebhaber teurer Bourbon-Abfüllungen sollten sich ebenso auf Preissteigerungen einstellen wie Gastronomie und Einzelhandel.

Allerdings ist noch völlig unklar, wie die Aufschläge an den Kunden weitergereicht werden. Im Einzelhandel wird es wahrscheinlich die heftigsten Ausschläge geben, da die Margen hier gering sind. Die Bourbon-Connaisseure betrachten die Entwicklung mit der Gelassenheit des „Ol‘ Man River“, des Mississippi. „Man spricht darüber im Laden und die Leute schütteln als USA-Fans eher mit dem Kopf. Ich rate auch zum Abwarten, was da kommt“, sagt Thomas Kochan, Betreiber des Kleinods besonderer Spirituosen, „Kochans Schnapsladen“ in Berlin-Prenzlauer Berg. Er betont auch den Unterschied zu Fans des japanischen Whiskys oder schottischer Single Malts: “Die kaufen ja eher mal zwei Flaschen. Eine wird geöffnet, andere als Wertanlage in den Schrank gestellt. Bourbon-Liebhaber sind pragmatischer, die Trinken den dann auch. Ich habe selbst auch schon überlegt, bin aber auch noch nicht tätig geworden.“

Strafzölle und die deutsche Szene

Könnten denn nicht deutsche Produzenten von der Verunsicherung profitieren? Bastian Heuser von den Spreewood Destillers ist vorsichtig: “Die Nachfrage wird nicht exponentiell steigen. Eher wird es hier und da eine punktuelle Belebung geben, das geben unsere Mengen gar nicht her. Das eine oder andere Produkt von uns spielt auf Augenhöhe mit Woodford Reserve. Da könnte der Vergleich interessant sein. Und vielleicht interessiert sich manch ein Bartender mehr für uns.“

Lakonisch und souverän antwortet Oliver Ebert aus dem „Becketts Kopf“ auf seine Einschätzung nach den Auswirkungen auf die Bars: „Medienthemen, nun denn: Durch hohe Steuern und Zölle ist noch nie jemand vom Trinken abgehalten worden. Vielleicht erhält der überteuerte, deutsche Whisky dadurch seine Chance in Bars. Becketts Kopf ist aber auch hier unabhängig: Wir führen nur den Rye von Sasse für das Freimeisterkollektiv. Und der ist hochwertiger, preiswerter und kommt aus dem zollfreien Münsterland.“

Strafzölle treffen auf eine schweigende Industrie

An die Industrie stellen sich natürlich die meisten Fragen. Werden die Preissteigerungen eins zu eins weitergegeben? Wie sind die Umsatzprognosen? Versucht man die neue Unwucht preislich abzufedern, um den Boom nicht zu gefährden, und mit welchen Maßnahmen will man das tun? Besonders interessant sind die Auswirkungen auf Kommunikation und Marketing. Eine Quelle aus der Branche, die nicht genannt werden will, behauptet, dass die großen Player auf dem deutschen Markt zunächst alle Marketing-Budgets eingefroren haben. Keine Freiware, keine Warenkostenzuschüsse mehr? Was ist mit Wettbewerben? Das würde Bars und Bartender natürlich unmittelbar und hart treffen. Im Hause Diversa will man sich nicht äußern, da man die konkreten Auswirkungen noch beobachte und verweist auf andere. Brown Forman Deutschland lässt wissen: „Wir geben zu diesem Thema derzeit keine Interviews.“ Stattdessen stellen die Hamburger zwei Statements der Zentrale in Louisiana zur Verfügung. Finanzvorstand Jane Moreau: „So while it’s premature to comment on the potential impact on our business, we are on top of the situation and have undertaken measures over the last few months to mitigate risk such as increasing our inventory levels in non-U.S. markets where we own our own distribution.“ (Obwohl es noch zu früh ist, die möglichen Auswirkungen auf unser Geschäft zu kommentieren, haben wir in den letzten Monaten Maßnahmen ergriffen, um Risiken wie die Erhöhung unserer Lagerbestände in Märkten außerhalb der USA, in denen wir unsere eigene Distribution besitzen, zu reduzieren.) Auch der Leiter der operativen Abteilung, Lawson Whiting, spricht davon, dass man sich schon durch die Situation durchkämpfen werde. Es bleibt also nebulös und es steht zu hoffen an, dass dahinter ein Plan steckt. Immerhin generiert Brown Forman nach eigenen Angaben ein Viertel seines Umsatzes in Europa.

Don´t drink and drive

Und Deutschland. Hier könnte es nun wirklich dramatisch werden. Die Strafzölle oder Gegenzölle auf American Whiskey und Bourbon im Besonderen könnten der Beginn eines Handelskrieges werden. Dass europäischer Stahl in den USA nun teurer und weniger wettbewerbsfähig wird ist das eine, gravierender ist der indirekte Schaden, der entsteht. Da China ebenfalls mit Handelshemmnissen belegt ist, könnten sie in Folge des Trump’schen Agens ihre Stähle – die ohnehin in Überkapazität produziert werden – in Europa auf den Markt werfen. Das bedroht dann auch deutsche Arbeitsplätze. Daher schlägt der Präsident des Bundesverbandes der Industrie auch eher Schutzzölle als Gegenzölle vor, da es den deutschen Stahlkochern wenig helfen würde, wenn Bourbon teurer wird. Dann hat man zwar weniger Stress mit den USA, dafür aber zusätzlich mit China.

Um die Sache auf die Spitze zu treiben, ist auch folgendes Szenario vorstellbar: Trump reagiert auf die EU-Strafzölle mit weiteren Zöllen auf europäische Autos und Autoteile, ein Fiasko für die deutsche Autoindustrie. „Don’t drink and drive“ bekommt eine völlig neue Konnotation. In Brüssel weisen Diplomaten schon süffisant darauf hin, dass Deutschland dann besonders auf die Solidarität der anderen angewiesen sei. Das kostet. Frankreich hat schon angedeutet, dass es seine Reformvorstellungen mit der Zollfrage in Verbindung bringt. So wie die Debattenlage in der Flüchtlings- und Migrationspolitik ist, könnten sich manche deutsche Alleingänge in dieser Frage rächen. Gegner der Merkelschen Politik werden dort ihre Chance sehen, um einen anderen Kurs einzuschlagen.

Auf Strafzölle einen Sazerac!

Auch das ist Globalisierung. Was auch immer in der Welt geschieht, es wird weiter kräftig American Whiskey getrunken werden. Das zu verhindern, hat weder Gott noch die Prohibition vermocht. Wie so oft in der Weltgeschichte gilt: Herr, bewahre uns vor Fanatikern und Abstinenzlern. Lang lebe der Sazerac!

Photo credit: Shutterstock

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