Mixology: Magazin fur Barkultur

Und was machst Du eigentlich sonst so?

3.5.2007 6 comments

Die Bar ist heute still. Viel ging nicht, viel wird auch nicht mehr gehen. Mein Gegenüber am Tresen trinkt langsam aber beständig und möchte sich unterhalten. Kann er haben, Konversation gibt es umsonst zum Bier dazu. So geht das eine Weile hin und her, bis er kleinlaut, fast entschuldigend und zögerlich diese Beleidigung vorbereitet. Diese Frage, die ich so regelmässig höre und die trotzdem eine Frechheit bleibt: "Du bist doch sehr begabt und intelligent, was machst Du denn sonst noch so, wenn Du nicht an dem Tresen arbeitest? Das kannst Du doch nicht ewig machen."

Ja! Recht hat er. Die Arbeitszeiten sind assozial, an eine feste Freundin ist kaum zu denken, die Bezahlung ist meistens mies, ich habe ständig Jetlag, kann mir schlecht Dinge merken, und meine Freunde, die paar die noch übrig sind, sehe ich nur, wenn wir uns sechs Wochen vorher verabreden. Was soll ich ihm also antworten, diesem Erfolgsmanager, Chefarzt, Medienirgendwas, Neunbissiebzehnuhrgewinner mit Golf und Deichmannlederschuhen?

Ich sage: "Wenn ich hier aufmache, dann fange ich bei Null an. Wenn ich zu mache, dann höre ich bei Null auf. Dazwischen bin ich Apotheker, bester Freund, Ratgeber, Beichtvater, Beziehungsstifter und Sexobjekt. Ich Arbeite sozial, kreativ, betriebswirtschaftlich. Ich kann an einem Abend sein, was ich will. Diese Bar ist Schutzwall und Bühne. Ich bin Maschine oder Schauspieler. Ob ich gut war oder nicht, sagt mir bei der Abrechnung die schwarze Zahl unten rechts. Alle Menschen wollen trinken, müssen trinken. Ausserdem schwitze ich gerne beim Arbeiten. Das zeigt mir, dass mein Körper funktioniert. Ich freue mich, wenn Leute ausgerechnet hierher kommen. Ich bin beliebt und für jeden Gast die Nummer eins, wenn es um seinen Durst geht. Trinken ist essenziell. Was ist denn überhaupt noch essenziell? Ich kann kommunizieren, beobachten, beurteilen. Dinge anstossen oder bremsen. Und dann, wenn ich hier abschliesse, und nach Hause gehe, dann kann ich ganz ich selbst sein." Gegenüber formt sein Mund ein tonloses "Oh!". Dann frage ich zurück: "Kennst Du einen Job, der das sonst auch noch kann?"

 

Text: Jan. (Vollständiger Name der Redaktion bekannt)

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