TOP
Prohibition

The Noble Experiment – Prohibition in den USA (Teil 2)

Krankheitsepidemien, ein mysteriöser Anstieg frommer Gläubiger und der Aufstieg des Ginger Ale: Die Prohibition in den USA trieb bunte Blüten. Im zweiten Teil unserer Serie über „The Noble Experiment“ wirft Peter Eichhorn einen weitläufigen Blick auf die Entwicklungen rund um das Alkoholverbot.

Ein Valentinstag ganz ohne Blumen. Der 14. Februar 1929 steht wie kein anderes Datum für die Brutalität des Gangstertums, die die Prohibitions-Ära hervorbrachte.

Das „Valentinstag-Massaker“

Es war gegen halb elf Uhr morgens, als zwei schwarze Limousinen an einer Autowerkstatt an der Clark Street in Chicago vorfuhren. Unter den Männern in den Autos trugen einige Polizeiuniformen, alles machte den Eindruck einer Razzia. Die Autowerkstatt zählte zu den Tarnadressen der berüchtigten „North Side Gang“ des Bandenchefs George „Bugs“ Moran.

Sieben Männer aus dem Umfeld der „Northsider“ waren anwesend und ließen sich widerstandslos an einer Wand versammeln, als die Maschinenpistolen los ratterten und das Gemetzel anrichteten, welches daraufhin als das „Valentinstag-Massaker“ in die Geschichtsbücher eingehen sollte.

Was es Al Capone?

Moran selbst, dem vermutlich das Mordkommando galt, war nicht unter den Opfern. Er war noch zum Frisör gegangen und hatte sich daraufhin verspätet. Bis heute kursieren verschiedene Thesen zu Tätern und Auftraggebern der Aktion, doch gilt Al Capone, Chef des konkurrierenden Gangster-Syndikats „Chicago Outfit“, als wahrscheinlicher Auftraggeber.

Das Gemetzel zählt zu den relevanten Faktoren, die dazu beitrugen, dass die Stimmung im Land sich zunehmend in allen Kreisen der Bevölkerung gegen das Alkoholverbot wandelte. 1929 wurde zum entscheidenden Wendejahr der amerikanischen Gesellschaft. Doch zurück zum Anfang.

Der legendäre Volstead Act

Es waren wohl nicht Szenen wie das Valentinstag-Massaker, das die Befürworter der Prohibition im Sinn hatten, als sie am 16. Januar 1920 mit dem 18. Zusatzartikel zur Verfassung das Inkrafttreten der Gesetzgebung feierten, die Herstellung, Transport und Verkauf von Alkohol fortan verbot.

Nicht verboten war der Konsum von Alkohol an sich, und so hatten zahlreiche Clubs, Wirte und Privatpersonen vor Inkrafttreten des Gesetzes eine ernsthafte Bevorratung vorgenommen, von der hintersten Farm in Missouri bis zum Weißen Haus in Washington. Der Name des Gesetzes geht auf Andrew Volstead zurück, der als Mitglied des Repräsentantenhauses und Vorsitzender des Justizkomitees des Senats die Formulierung des Gesetzestextes federführend verantwortete.

Zahlreiche Amerikaner zeigen sich dann doch äußerst verblüfft, als sie die Strenge des Gesetzes begreifen. Brauer und Winzer hatten darauf gehofft, dass das Alkoholverbot auf Spirituosen gemünzt sei und ihre Erzeugnisse von den Verboten ausgenommen wären. Ein Irrtum. Alle Getränke mit einem Alkoholgehalt von mehr als 0,5% Vol. standen mit sofortiger Wirkung auf der Verbotsliste.

Pflaumensaft, Dünnbier und Ginger Ale

Nun ist in zahlreichen Berufsfeldern Kreativität gefragt, schließlich möchte man ja im Geschäft bleiben und den Lebensunterhalt gewährleisten. Kalifornische Winzer bauten nun auch Pflaumen und Aprikosen an und verkauften Obst und Säfte.

Den Brauereien war es gestattet, ein Dünnbier mit niedrigem Alkoholgehalt zu verkaufen. So halten sie sich mit dem Verkauf von Eiscreme, Käse, Softdrinks oder Hefe über Wasser und produzieren jenes berüchtigte „Near Beer“. Diese alkoholarmen Malzgetränke erhielten Slogans wie „Es fehlt nur der Alkohol, um sie in die gute alte Zeit zu bringen“, doch das Publikum zeigt sich wenig begeistert von „Bevo“ von Anheuser-Busch oder „Vivo“ und „Milo“ der Miller Brewing Company. Es bleiben fade Bier-Imitationen, bei denen das Bier verdünnt oder der Alkohol zum Verdampfen gebracht wird.

Gut für Coca-Cola

Es gibt aber auch Erfolgsgeschichten. So verdoppelt sich innerhalb kürzester Zeit der Verkauf von Coca-Cola, das bereits bei seiner Markteinführung 1886 nicht nur als medizinisches und geschmackvolles Getränk angepriesen wurde. Der Erfinder John S. Pemberton aus Atlanta hat sogleich die Abstinenzler- und Temperenzlerbewegung als Zielgruppe im Blick und bewirbt sein neues Getränk auch gleich als „Temperance Drink“.

Wenn schon kein Alkohol, dann wenigstens Aroma. Dieses Ansinnen begleitet eine weitere Erfolgsgeschichte jener Tage, nämlich Ginger Ale. John McLaughlin gründet 1890 eine Soda-Water-Firma in Toronto und beginnt bald darauf, mit Aromen zu experimentieren. Daraus entsteht 1904 eine Rezeptur, die er als „Pale Dry Ginger Ale“ vermarktet und 1907 als „Canada Dry Ginger Ale“ patentieren lässt.

1923 eröffnet McLaughlin eine Limonadenfabrik. Ginger Ale dient im Laufe der Prohibitionsjahre gerne als aromatische Limonade, aber auch als Zusatz zu dem teilweise fragwürdigen Alkohol, der in Amerikas Flüsterkneipen ausgeschenkt wird, dessen Fehlaromen die Ingwerlimonade gut verdeckt. Zahlreiche internationale Spirituosenmarken wollen auf dem US-Markt präsent bleiben und bieten dann gleichfalls Limonaden unter ihrem Label an. So existierte Ginger Ale beispielsweise von Angostura, Gordon’s oder Old Crow.

Churchill trickst die Prohibition aus

Zunächst kann das Alkoholverbot in Teilen des Landes und der Gesellschaft tatsächliche Erfolge erzielen. Teilweise geht die Kriminalität bei bestimmten Delikten zurück, und etliche Amerikaner geben voller Überzeugung das Trinken auf. Grape Juice Highballs und alkoholfreie Juleps zieren die Bartresen.

Andere wollen nicht auf einen gepflegten Schluck verzichten und nutzen Gelegenheiten und Gesetzeslücken. So darf Alkohol zu medizinischen Zwecken ausgegeben werden. Alle zehn Tage wird ein halber Liter Whisky genehmigt. Ganze Familien werden epidemieartig krank und Ärzte stellen Millionen von Rezepten aus. Bekanntestes Beispiel ist wohl jenes Rezept, das Winston Churchill sich anlässlich einer USA-Reise 1932 ausstellen ließ. Sein Hausarzt empfiehlt dabei eine Menge von 250 Kubikzentimetern, einzunehmen zu jeder Mahlzeit.

Seltsamer Anstieg an Gläubigkeit

Auch zu Glaubenszwecken bleibt Alkohol für Christen und Juden gestattet. Der Bedarf an Messwein nimmt stetig zu, die Zahl an jüdischen Familien verzehnfacht sich. Zum Alkoholkauf benötigen sie eine Bestätigung eines Rabbiners, und auch deren Zahl wächst. Neue Rabbis mit Namen wie Kelly, MacDougall und O’Shannahan bevölkern die Gemeinden.

In den Wäldern und Schluchten der Südstaaten und des Mittleren Westens setzen die Farmer die alte Tradition des Schwarzbrennens fort. Man spricht von „Bootlegger“ und „Moonshiner“. Ein einfaches Destillationsgerät ist für sieben Dollar zu bekommen, dazu stellen Brauer einen legalen Malzextrakt her, der mit wenig Aufwand alkoholisiert werden kann.

Auch die Preise für die Trauben der Winzer gehen in die Höhe, da die Nachfrage steigt. Und Amerika importiert eine Rekordzahl an Cocktail-Shakern. Die Strafverfolgungsbehörden zeigen sich überfordert. In den frühen 1920er Jahren streiten sich die Bundesstaaten mit der nationalen Regierung darüber, wer denn für die Durchsetzung des Volstead Acts zuständig ist. Die Zahl der Agenten ist zunächst gering, und die örtlichen Sheriffs gehen ungern gegen ihre Gemeindemitglieder und somit ihre Wähler vor. Korruption bildet den Nährboden für die zunehmende organisierte Kriminalität.

The Noble Experiment – Prohibition in den USA

Eine Lagerhalle mit konfisziertem Schnaps.

Ein Schmuggler kommt in der Prohibition selten allein

Der Alkoholschmuggel erweist sich zunehmend als lukratives Geschäft. Oft sind die Ordnungshüter bestochen, um wegzuschauen, in der öffentlichen Wahrnehmung tritt eher ein Robin-Hood-Gefühl zu Tage. Viele schmunzeln über jene, die ein Gesetz brechen, das man selbst nicht einsieht und respektiert.

Die Wasserwege erweisen sich dabei als überaus nützlich, und über den Lake Michigan nach Chicago, über Lake Huron nach Detroit, über den Pazifik nach Seattle oder über den Golf von Mexiko und den Atlantik landet allerhand Alkohol an den Stränden und Häfen.

Legendär wird dabei William McCoy, der aus der Karibik sehr ordentliche Rumqualitäten herbeischafft. Unverschnitten und nie gepanscht, wurde „The real McCoy“ nicht nur zum Qualitätsmerkmal für seinen guten Rum, sondern ein geflügeltes Wort in der amerikanischen Sprache. Sein Alkohol kommt über die „Rum Runner“ und die „Rum-Row“ in die USA. Dabei gehen die Schiffe aus Kanada oder der Karibik außerhalb des Hoheitsgebietes der USA vor Anker und warten auf Abnehmer. 

Der Aufstieg des George Remus

George Remus aus Cincinnati war eigentlich Strafverteidiger. Als er merkt, wie selbstverständlich seine Alkoholschmuggler-Klienten das Geld zur Begleichung von Strafen zücken, wittert er sein Geschäft. Er kauft Destillerien und gründet Arzneimittelfirmen, um eine medizinische Legitimation vorweisen zu können. Der Alkohol fließt in Strömen, die Politiker sind bestochen und Remus beschäftigt an die 3.000 Mitarbeiter.

Auch Frauen steigen in das Geschäft ein. Als begnadete Autofahrerin transportierte Willie Carter Sharpe aus Franklin County, Virginia, zwischen 1927 and 1931 mehr als 830.000 Liter Whiskey in Richtung New York. Dabei führte sie die Transportkolonnen an oder lenkte die Ordnungshüter mit ihrer rasanten Fahrweise ab.

Aber insbesondere wächst die Macht des Mobs, der Mafia, Cosa Nostra, Kosher Nostra und all jener Banden, die unter die Kategorie der organisierten Kriminalität fallen. Allen voran New York City.

New York City – Stätte des Satans

Keine andere Stadt der USA erweist sich in jener Epoche als derart trinkfreudig: an die 32.000 Speakeasys schenken aus. Andere Schätzungen vermuten ein Anwachsen auf die dreifache Anzahl. Jazz, Cabaret, Frivolität und Alkohol gehören einfach zusammen. Kriminelle Banden teilen die Stadt auf und sorgen für den Alkoholnachschub. Gangster wie Lucky Luciano, Meyer Lansky, Bugsy Siegel, Frank Costello und Dutch Schultz kontrollieren den Untergrund der Stadt, die der Methodistenbischof und Prohibitions-Befürworter James Cannon Jr. als „Stätte Satans“ bezeichnet.

Der Schweizer Wissenschaftler Dr. Fred Neumann bereist 1923 die USA und veröffentlicht seine „Studien zum Alkoholverbot in den Vereinigten Staaten“. Akribisch sammelt er aktuelle Zahlen und Daten aus der frühen Phase der Prohibition und ergänzt diese mit seinen Eindrücken und Erlebnissen, insbesondere in New York: „Wenn der Fremde heute in New York landet, gewinnt er den Eindruck, New York sei „trocken“, „dry“, wie die Amerikaner sagen, d.h. alkoholische Getränke seien wirklich verschwunden. Im Saloon sieht man ausschließlich das Near Beer, einen alkoholfreien Bierersatz, der wirklich fade schmeckt und nur im Entfernten eine schwache Erinnerung an richtiges Bier wachruft. In den Restaurants trinkt man zum Essen Wasser und Sirup (ich erlebte die schöne Zusammenstellung Sauerkraut mit Grenadine-Sirup). In den Straßen haben sich die Stände für Sirup-Wasser und Icecream-Soda bedeutend vermehrt. Kurz, jeder Alkohol scheint dem Ankömmling aus dem Leben des Amerikaners verschwunden zu sein“.

Lieber Speakeasy als Nobelpreis

Doch der pfiffige Dr. Neumann taucht tiefer in die Speakeasy-Welt im Big Apple ab und berichtet von Gesprächsfetzen, die nach dem guten alten Stoff fragen. Wer die richtigen Leute kennt, kommt weiter, wie der Schweizer schildert: „In den ersten Tagen meines New Yorker Aufenthaltes trat ich in einen Saloon und verlangte dreist ein Gläschen Whisky. Es wurde mir höflich und doch sehr bestimmt abgeschlagen. Und doch schenkt dieser Wirt Whisky aus, wie ich mich tags darauf in Begleitung eines Freundes persönlich überzeugen konnte. Die Wirte verabreichen eben nur an ihnen bekannte Leute alkoholische Getränke, da die Alkoholpolizei, die sogenannten „dry-agents“ oder Trockenagenten … die Wirte ins Netz locken wollen.“

Und wie beklagte der Schriftsteller Sinclair Lewis die Situation: „Was nützt es mir, den Nobelpreis zu gewinnen, wenn er mich nicht einmal Zugang zu einem Speakeasy verschafft?“

New York bleibt im Fokus des gesellschaftlichen Wandels der USA, der „Roaring Twenties“ und einer veränderten Haltung gegenüber der Prohibition – einer Entwicklung, der wir im nächsten Teil der Serie „Prohibition in den USA“ auf den Grund gehen werden.

Credits

Foto: Library of Congress

Kommentieren