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Shake it till you make it: der Ramos Gin Fizz

New Orleans. Wiege des Jazz und Ragtime. Bekannt für seinen Sazerac und die jährlichen „Tales of the Cocktail“. Und natürlich den Ramos Gin Fizz. Eine Annäherung an einen Drink, der so lange geschüttelt werden muss wie kein zweiter. Und der in seiner Rezeptur theoretisch so nicht funktionieren kann, es aber praktisch hervorragend tut.

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Es gibt wohl kaum einen Drink, der sich derart über die Zubereitungsmethode definiert wie der Ramos Gin Fizz. Ein Cocktail, den man minutenlang shaken muss? Das hat ihn zum Mysterium gemacht und gleichzeitig zu Ruhm verholfen. Der am längsten geschüttelte Cocktail der Welt? Das macht sich heute auch gut in jeder Google-Suche.

Ramos Gin Fizz

Zutaten

5 cl Dry Gin (im Original Old Tom Gin)
1,5 cl frischer Limettensaft
1,5 cl frischer Zitronensaft
2 cl Zuckersirup
2 cl süße Sahne
1 Eiweiß
3 Dashes Orangenblütenwasser (»Fleur d’Orange«)
Soda
2 Tropfen Vanilleextrakt (optional)

Ramos Gin Fizz als früher Signature Drink

Aber zuerst zurück in das New Orleans des ausgehenden 19. Jahrhunderts. 1888 kehrt ein gewisser Henry Charles Ramos, der zuvor Saloons in den Städten Baton Rouge und Birmingham betrieben hat, in seine Heimat zurück und erwirbt, gemeinsam mit seinem Bruder, den Imperial Cabinet Saloon. Im ersten Stock liegt das Restaurant The Old Hickory, wo Ramos erstmals die berühmte Version seines Fizz kredenzt haben soll.

Der Fizz ist zu jener Zeit bereits eine beliebte Erfrischungsgattung in Louisiana, auch der Silver Fizz – ein Gin Fizz mit Eiweiß – ist in New Orleans bekannt. Ihn erweitert Henry C. Ramos – von seinen Freunden meist „Carl“ genannt – um die Zutaten Sahne und Orangenblütenwasser und schafft so einen frühen Signature Drink. Dieser wird vor allem in seiner nächsten Adresse zum Gassenhauer: 1907 erwirbt Ramos den Stag Saloon in Sichtweite seiner alten Wirkungsstätte. Es ist der Laden, um den sich die Mythen ranken, wenn man vom Ramos Gin Fizz spricht.

„Zeitweise war das The Stag so voll, dass Kunden eine Stunde oder länger (so hat es zumindest den Anschein) warten mussten, um bedient zu werden“, schreibt etwa Stanley Clisby Arthur in seinem 1938 erschienenen Famous New Orleans Drinks and how to mix ’em. „Die Armada schwer beschäftigter Shaker Boys hinter der Bar war während des Karnevals eine der Attraktionen der Stadt, und 1915 zum Mardi Gras schüttelten sich 35 Shaker Boys die Hände krumm, aber waren immer noch nicht in der Lage, die Nachfrage zu bedienen.“

Ramos Gin Fizz schmeckt wie ein eiskaltes Atmen mitten im Sommer

Kein Wunder. Minutenlang soll der Ramos Gin Fizz geschüttelt worden sein, um der ungewöhnlichen, aufwendigen Kombination aus Gin, Limettensaft, Zitronensaft, Sahne, Eiweiß, Orangenblütenwasser und Soda diese cremige Textur zu verleihen, die einen perfekten Ramos Gin Fizz ausmacht. Erst wenn die perlweiße Schaumkrone über den Glasrand hinausragt wie bei einem frisch gezapften Bier, darf man von einem gelungenen Ramos Gin Fizz sprechen.

Das kostet Zeit und vor allem Kraft. Exakte zeitliche Vorgaben des Shake-Vorgangs variieren bis heute. Es gibt Angaben, die in der Originalversion von zwölf Minuten sprechen. Aber das mag als übertrieben gelten. Selbst bei der Annahme, dass Spirituosen oder auch Sahne vor 150 Jahren eine andere Beschaffenheit hatten als heute, lässt sich mit relativer Sicherheit davon ausgehen, dass ein derart langer Shake-Vorgang dem Resultat nicht mehr zuträglich sein kann. David Wondrich etwa, immer eine gute historische Quelle, belässt es bei zwei Minuten. Erik Lorincz, noch in seiner Zeit im The Savoy, reduziert das Ganze in seinem auf Effizienz getrimmten Birdy-Shaker auf 25 Sekunden.

„Das lange Shaken war sicher zum Einen ein Showeffekt. Da wird berichtet von bis zu zehn Barmännern, die sich die Shaker über die Schulter weitergereicht haben. Zum anderen wird aber auch von Shake-Sklaven berichtet, die hier zehn Minuten schütteln mussten. Und es gibt in der Tat einen Unterschied, wenn man so lange schüttelt. Die Wissenschaft scheint da an ihre Grenzen zu stoßen, denn eigentlich hat sich der Dillutionseffekt bei Erreichen von Minusgraden erledigt, aber der Drink wirkt gustatorisch nach zehn Minuten anders als nach einer Minute“, meint etwa Oliver Ebert aus dem Berliner Becketts Kopf zum Mysterium Ramos Gin Fizz. „Vielleicht löst die Aeration diesen Effekt der Leichtigkeit aus. Denn ein perfekter Ramos Gin Fizz schmeckt wie ein eiskaltes Atmen mitten im Sommer. Zudem gibt es Rezepte, bei denen der Ramos Gin Fizz auf Crushed Ice geshaked wird, was wiederum einen Unterschied der Flüssigkeitsdichte und damit des Mundgefühls zur Folge hat. Kurzum: Man schmeckt einen Unterschied, ich weiß nur nicht genau, wieso. Ob der nicht etwa schon nach fünf Minuten erreicht ist, habe ich ebenfalls noch nicht getestet. Nach einer Minute ist er aber definitiv nicht erreicht.“

Der ehrenwerte Mr. Ramos

Einigen wir uns also auf zwei bis fünf Minuten. Ohne Dry Shake. Zur exakten Länge des Shake-Vorgangs hat auch Henry C. Ramos keine genauen Angaben gemacht – im Gegensatz zur genauen Rezeptur. Diese soll er mit der Einführung der Prohibition in der örtlichen Zeitung Item Tribune publiziert haben. Und das nicht, damit sich die Bevölkerung zu Hause weiter betrinken kann. Ganz im Gegenteil: Historische Quellen beschreiben Ramos als einen Barbetreiber, der Gäste beim leichtesten Zeichen von Trunkenheit des Hauses verwies und seinen Laden täglich um acht Uhr abends abschloss. Er presste also nicht jeden Cent aus seiner attraktiven Erfindung, sondern achtete in seinem Saloon auf Qualität und Anstand.

Am 28. Oktober 1919 tat er das zum letzten Mal, mit dem Eintritt der Prohibition stieg er aus dem Geschäft aus. Er selbst starb am 28. September 1928. Das Patent des Ramos Gin Fizz wurde 1935, also bereits nach dem Ende der Prohibition, von der Sazerac Bar des Roosevelt Hotel gekauft, was zeitweilig zur Annahme führte, dass der Ramos Gin Fizz dort erfunden worden sei.

Ungewöhnliche Kombination an Zutaten

Heute weiß man natürlich längst, dass dem nicht so war. „Carl“ und sein Cocktail haben ihren Platz in der Geschichte sicher. Und die Kombination aus Gin, Zitrussäften, Sahne, Soda und Orangenblütenwasser mutet weiterhin so ungewöhnlich an wie vor 150 Jahren. Im Drink ist es jedoch genau diese Kombination, die zusammen mit dem Eiweiß eine locker cremige Emulsion entstehen lässt, die den Gin trägt und zu einem Geschmackserlebnis fernab eines üblichen Gin Fizz werden lässt.

Daher sollte man den Ramos Gin Fizz unbedingt mal ausprobieren. Ruhig auch in einer Bar – es muss ja nicht gleich eine Runde für 20 Freunde sein …

Auf MIXOLOGY Online wurde erstmals im Oktober 2012 ein Beitrag über den Ramos Gin Fizz veröffentlicht. Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen grunderneuerten Text, der mit einem aktuellen Bild versehen wurde. 

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

Comments (2)

  • Bluto Blutarski

    Ich kann nur jedem, der beim ersten Lesen die Nase rümpft, empfehlen diesen Drink einmal zu probieren.
    Du hast nichts zu verlieren als ein paar verbrauchte Kalorien für das unerlässlich lange Shaken (12 Min., laut Originalrezept!).
    Wenn ich den Rest meines Lebens auf einer einsamen Insel verbringen müsste und nur 20 Cocktails mitnehmen dürfte, gehörte der Ramos Gin Fizz auf jeden Fall dazu!

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