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Im Namen der Rauke: der Rasta Roquette

Der Rasta Roquette Cocktail ist ein gekonnt würziger Vertreter der Liquid Kitchen. Ersonnen hat ihn Sacha Molodskikh in Montpellier. Nach beinahe zwei Jahrzehnten London hatte der russische Bartender nämlich genug von der britischen Metropole – jetzt genießt er die Mittelmeerküste und bearbeitet Eisdiamanten mit Akku-Bohrern.

Provinzielle Besuche hinterlassen bei mir oft einen faden Beigeschmack. Die Schönheit der Landschaft sowie der kulturell-angehauchten und geschichtsträchtigen Stätten formen mich zum Zeitzeugen der Vergangenheit. Der ländlich-verschlafene Charakter voller Romantik täuscht selten hinweg über eine kleinstädtisch-hinterwäldlerische Attitude der Citoyens. Besonders schwierig in mittelgroßen Städten wird jedoch die Frage nach einer adäquaten Bar, um die malerischen Bilder und die Schönheit jener Erlebnisse mit qualitativ-hochwertigen Drinks zu untermalen – oder wegzuspülen.

Oft gerät man nach unbefriedigender Suche in eine unmotivierte Trinkstätte mit Kampfpreisen und Sweet & Sour-Mixen. Dass die Reise durch kleine Gassen und über verlassene Plätze jedoch auch ergiebig sein kann, zeigt Le Parfum, eine Bar der besonderen Art in Montpellier an der französischen Mittelmeerküste.

Da haben wir den Salat

Betreiber Sacha Molodskikh, mit klangvollem Namen bedachter Russe, ist kein Unbekannter in der Szene. 17 Jahre lang arbeitete er für die Hakkasan-Gruppe in London an unterschiedlichen Bar-Konzepten, bis er sich dazu entschied, seine eigene Bar in Montpellier zu eröffnen. „Ich wollte einfach Pionierarbeit in einer Stadt leisten, in der das Bar-Thema noch völliges Neuland war“, erklärt er seinen Schritt. Der chinesisch angehauchte Stil und der sich im Dekor widerspiegelnde Flair – ein Überbleibsel des persönlichen Hakkasan-Erbes – hat es thematisch auch in das Le Parfum geschafft. Die mit zahlreichen Lampions dekorierte Decke, die klassisch-puristisch gehaltenen Möbel sowie der baumreiche, als Garten angelegte, jedoch überdachte Innenhof geben einem das Gefühl, in Shanghai und nicht in Montpellier zu dinieren. Gleichermaßen im asiatischen Gewand gehalten sind auch die Cocktails, die nicht nur ob ihrer Ingredienzien zu überzeugen wissen, sondern auch optische Akzente setzen.

Rastafari und Rauke

Molodskikh und sein Team arbeiten aber auch sehr viel mit regionalen Kräutern und fremden Gewürzen. So sind auch in seinem Rasta Roquette Kontraste das Programm. Die Komponenten des Cocktails greifen landeseigene Stereotypen auf und schaffen eine Annäherung der karibischen Kultur mit südeuropäischen Merkmalen. So wird ein italienischer Charakter beispielsweise durch mit Vanille infundierten Limoncello und Rucola unterstrichen, während das jamaikanische Lebensgefühl der West Indies durch Verwendung von Wray & Nephew-Rum und Vanille-Zucker hervorgehoben wird. Die Vermählung fördert nicht nur kontrastreiche Ingredienzien zutage, sie spiegelt sich ähnlich ambivalent und hocharomatisch im Geschmack wider. So wird der erfrischende Limoncello in seiner Säure leicht durch den Vanille-Zucker gedämpft, der Cocktail durch den leichten Rum und den Zitronen-Anteil auf die Daiquiri-Schiene gebracht.

Besonders überraschend mag zunächst die Verwendung von Rauke erscheinen. Zwar wird sich bei dem einen oder anderen das Gefühl einstellen, einen liquiden Salat zu trinken, der Genießer frei von Vorurteilen wird diesem Drink jedoch die Chance geben, die er verdient. Der senf-ölige Geschmack des Rucola, sein würzig-herbes Aroma und die leicht scharfe Note stimulieren nicht nur gleich zwei weitere Geschmackssinne, sie geben dem Cocktail auch den besonderen Kick und rechtfertigen das Prädikat der Liquid Kitchen.

Mit Bohrer zum Cold Drip

Molodskikh indes stapelt tief. Oder so ähnlich. „Ich mache einfach, was mir Spaß macht. Das ist ja nur der Standard …“, so der Wahl-Franzose mit Hut. Wenig später schreitet er mit Akku-Bohrer zur Tat und bohrt kleine Löcher in einen von ihm vorab geschnitzten Eis-Diamanten. „Diese füllen wir dann mit selbst angesetzten Likören und bohren auf der anderen Seite des Eisblocks noch einen kleinen Schlitz, so dass die Essenz Cold Drip-artig und eisgekühlt langsam in den Cocktail übergehen kann.“

Auch arbeite er mit seinem Team noch an einer eigenen Bloody Mary mit grünem Tomatensaft, Soja, Smoked-Salt, rosa Salz und Zitronen-Abrieb. „Für die Gäste, denen das nicht reicht, haben wir auch noch die Trüffel-Margarita für 50 Euro“, grinst Molodskikh. So beweist Le Parfum nicht nur eindrucksvoll die Verbindung von Küchenelementen in der Barszene, sondern räumt ein weiteres Mal mit dem Irrglauben auf, hervorragende Bars würde man nur in Großstädten finden. Man muss eben nur suchen wollen. Der Rasta Roquette jedenfalls ist einfach reproduzierbarer Drink für zu Hause. Passend zum Sommer wertet Rauke den Cocktail enorm auf und fügt ihm eine weitere Ebene hinzu. Mitnichten trinkbarer Salat – viel eher liquider Genuss!

Rasta Roquette

Zutaten

Eine Handvoll Rucola-Salat mit einem Teelöffel Vanille-Zucker in einen Blender geben.
4 cl Vanille infundierter Limoncello
2 cl Wray & Nephew
2 cl Zitronensaft
1 Dash Zucker

Credits

Foto: Montpellier & Rauke & Glas via Shutterstock. Postproduktion: Tim klöcker.

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