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„Sake ist wie Techno: kleine Universen mit eingeschworenen Gemeinschaften, getragen von der Hingabe an eine Sache.“ Richie Hawtin im Interview

Richie Hawtin ist einer der bekannteste DJs der Welt. Weniger bekannt ist seine Leidenschaft für Sake, die nun zur Gründung eines Sake-Shops in Berlin geführt hat: Sake 36. Im Interview spricht er über sein Erweckungserlebnis, wie er zum Sake Samurai ernannt wurde und warum in jedem Kühlschrank eine Flasche Sake stehen sollte.

„Hi, I’m Rich.“ Richie Hawtin wirkt jünger als die fünfzig Jahre, als die ihn sein Geburtsdatum ausweist. Wasserblaue Augen, asymmetrischer Haarschnitt, ganz in Schwarz gekleidet; auf seinem linken Unterarm ist das Logo eines seiner vielen Pseudonyme tätowiert, fünfzehn sind es insgesamt. Wenn er das Wort Techno benutzt, dann mit in die Luft gezeichneten Anführungszeichen, bemerkenswert für jemandem, der als einer der wichtigsten zeitgenössischen Technokünstler gilt.

Neben seiner Tätigkeit als DJ und Producer ist der in der Nähe von Detroit aufgewachsene Hawtin bekennender Fan der japanischen Nationalspirituose Sake. Unter dem Label Enter.Sake importiert er seit 2013 handwerklich hergestellten Sake. Jetzt hat er gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Laura Käding und dem bereits zuvor im Sakevertrieb tätigen Maximilian Fritzsch in Berlin-Kreuzberg den Shop Sake36 eröffnet. Ein eleganter Raum mit viel Holz und einer, wie der Fotograf findet, instagrammable Wandbemalung. Die gegenüberliegende Seite wird dominiert von Kühlschränken voller Sake. Bei unserer Ankunft begutachtet eine Gruppe Japaner das Sortiment, dabei ist dienstags eigentlich Ruhetag.

Richie Hawtin spricht ein Englisch, das seine britischen Wurzeln nur erahnen lässt. Nur einmal im Interview wechselt er kurz ins Deutsche: Um mit dem Begriff „Gänsehaut“ auszudrücken, was er bei seiner ersten Japanreise erfunden hat.

MIXOLOGY: Einer ihrer Tracks heißt Substance Abuse. Vielen ihrer Partygäste geht es vermutlich weniger um den Genuss einer Premiumspirituose als den Rausch. Sake und Techno, wie geht das zusammen?

Richie Hawtin: Oh, ganz wunderbar! Beides sorgt dafür, dass Menschen eine gute Zeit haben. Es geht um eine bestimmte Art von beautiful vibe, von Spaß und Zugehörigkeit. Schon bei meinem allerersten Sake habe ich das gespürt.

MIXOLOGY: Erzählen Sie uns davon.

Richie Hawtin: Anfang der Neunziger hatte ich in Kanada mal Sushi und Sake, eine eher seltsame Erfahrung. Wirklich gekickt hat es mich dann 1994. Ich war für einen Gig nach Japan gekommen, und auf Anhieb überwältigt. Einerseits ist alles dort wahnsinnig technologisch, andererseits wird so viel Wert gelegt auf Tradition und uraltes Handwerk. Bei einem Abendessen habe ich Sake getrunken und sofort diese wunderschöne Verbindung mit den anderen gespürt, obwohl niemand wirklich Englisch gesprochen hat. Er wirkt ganz anders als anderer Alkohol, beschwingend und ist sozialen Situationen sehr zuträglich. So warm und kribbelnd… Meine Tischnachbarn tranken an diesem Abend übrigens Bier und Jim Beam.

MIXOLOGY: Es heißt, Sake hat in seiner Heimat heute das Image eines Altherrengetränks hat? Ist das noch zutreffend? Wikipedia zufolge macht der Anteil am landesweit verkauften Alkohol gerade mal vier Prozent aus.

Richie Hawtin: Ja, aber es wird besser. Viele Traditionsbetriebe werden gerade an die nachfolgende Generation übergeben. Diese jungen Leute haben die Welt gesehen, haben in Italien und Frankreich Wein getrunken und in Mexiko Tequila, und bringen nun ihr Wissen und ihre kreative Energie in ihre Arbeit mit ein. Abgesehen davon hat die Atomkatastrophe von Fukushima zu einer Rückbesinnung auf die eigenen Produkte geführt.

MIXOLOGY: Wie ging es nach Ihrem Erweckungserlebnis weiter?

Richie Hawtin: 2007 machte ich in Japan eine Ausbildung zum Sake-Sommelier, zum Glück wurde sie auf Englisch angeboten, mein Japanisch ist nämlich leider nicht besonders gut. Nicht nur war ich dort der einzige DJ, sondern auch der einzige, der beruflich nichts mit Schmecken zu tun hatte. Während die anderen vom blumigen Abgang sprachen, blieb mir nichts anderes übrig als zu sagen: I like this stuff! (lacht)

»Mit dem Titel Sake Samurai werden Menschen geehrt, die sich um die Verbreitung von Sake verdient machen. Ich bin wahnsinnig stolz, ihn tragen zu dürfen. Es hat den Verantwortlichen wohl gefallen, dass ich diese jahrtausendealte Tradition mit etwas so Gegenwärtigem wie Techno zusammengebracht habe.«

— Richie Hawtin

MIXOLOGY: … und zwar so sehr, dass Sie anschließend mit Enter.Sake ein eigenes Label gegründet haben.

Richie Hawtin: Wie der Name schon sagt, soll Enter.Sake ein Türöffner sein für die faszinierende Welt dieses so facettenreichen Getränks. Momentan gehören, je nach Edition, sieben bis acht Brauereien zum Portfolio, das sehr stark von meinem persönlichen Geschmack geprägt ist. Mein Traum ist ein Kühlschrank, in dem neben Wein und einer Flasche Champagner immer auch ein ordentlicher Sake liegt.

MIXOLOGY: Ein Video zeigt Sie und Ihre Partnerin in einem Tempel in Kyoto in traditionellen japanischen Gewändern: die Zeremonie zur Ernennung zum Sake Samurai. Für Nicht-Japaner eine große Ehre.

Richie Hawtin: Definitiv. Mit diesem Titel werden Menschen geehrt, die sich um die Verbreitung von Sake verdient machen. Er setzt eine umfassende Kenntnis der japanischen Kultur voraus und natürlich von Sake. Ich bin wahnsinnig stolz, ihn tragen zu dürfen. Es hat den Verantwortlichen wohl gefallen, dass ich diese jahrtausendealte Tradition mit etwas so Gegenwärtigem wie Techno zusammengebracht habe.

»Mich faszinieren die Menschen hinter den Flaschenetiketten, so wie die DJs hinterm Plattencover.«

— Richie Hawtin

MIXOLOGY: Davon müssen Sie noch ein wenig mehr erzählen.

Richie Hawtin: Ich sprach ja bereits vom Spirit, den Sake für mich hat. Schon früh habe ich begonnen, ihn bei meinen Partys zu verkaufen, zum Beispiel in den in Japan in jedem Convenience Store erhältlichen 180-Milliliter-Dosen, mit einem Alkoholgehalt von rund fünfzehn Prozent. Eine davon verleiht einen angenehmen buzz, perfekt zum Feiern. Angelehnt an eine Partyreihe namens Enter haben wir von 2013 bis 2015 auf Ibiza die damals größte Sake-Bar Europas betrieben. Es folgten Veranstaltungen in New York, Paris, Beirut, Barcelona…

MIXOLOGY: … aber niemals in Berlin?

Richie Hawtin: Nein. Dafür war mir klar, dass wir hier unseren Shop eröffnen wollen. Berlin hat für mich eine ähnliche Sprengkraft wie Ibiza. Menschen aus allen Teilen der Welt kommen hier zusammen, voller positiver Energie, und schaffen etwas Neues.

MIXOLOGY: Sake36, benannt nach der Lage im Bezirk Kreuzberg und der Hausnummer, gibt es seit sechs Wochen. Tastings können coronabedingt derzeit ja leider nicht stattfinden.

Richie Hawtin: Man könnte sagen, es ist verrückt, jetzt ein solches Business zu starten. Oder das Gegenteil: Leute suchen nach Mitteln, sich von ihren Sorgen zu befreien. Ähnlich wie Techno hat Sake da beinahe eine therapeutische Funktion. Und im Moment ist ein Getränk sicher die vernünftigere Alternative. Ich würde ungern sehen, dass Clubs zu früh wieder öffnen.

MIXOLOGY: Was genau ist das Konzept von Sake36?

Richie Hawtin: Momentan haben wir etwa zwanzig verschiedene Hersteller im Programm, viele davon exklusiv außerhalb Japans. Wir wünschen uns, dass Leute ohne Hemmungen in den Shop kommen. Zwar haben wir auch Flaschen für über zweihundert Euro, aber die günstigste liegt bei etwa zwanzig und Cup Sake gibt es schon ab sechs Euro. Unsere Kunden sollen Sake aussuchen, wie sie es mit Bier oder Wein tun würden. Als Begleiter zum Essen oder für einen Tag im Park. Später im Jahr wollen wir dann Verkostungen abhalten und Tapas-Dinner. Außerdem gibt es Sake by the glass – ideal also, um mal kurz vorbeizuschauen und seine Hemmung vor diesem immer noch weitgehend unbekannten Getränk zu verlieren.

MIXOLOGY: Wie finden Sie Ihre Produzenten?

Richie Hawtin: Drei bis fünf Mal pro Jahr bin ich in Japan. Manchmal braucht es fünf Jahre, bis ich Zugang zu den Brauereien bekomme. Viele sind winzig, mit zwei, drei Tanks, und nicht mal in der nächsten Präfektur bekannt. Man erfährt deren Geschichte, probiert gemeinsam, und manchmal entsteht dabei diese Magie. Auch hier sehe ich eine Parallele zu Techno: Beide sind kleine Universen, eingeschworene Gemeinschaften, getragen von der totalen Hingabe an eine Sache. Mich faszinieren die Menschen hinter den Flaschenetiketten, so wie die DJs hinterm Plattencover.

Im Sake36 sind auch Tastings geplant

MIXOLOGY: Auf Instagram sieht man sie bei der Arbeit am Mischpult, neben sich eine Flasche Sake. Die Bildunterschrift lautet: This photo pretty much sums up my life, Music, Sake & Technology and connects my past, present and future. Trinken Sie bei ihren Gigs?

Richie Hawtin: Definitiv. Ich hatte meine Wodka- und Tequilaphasen. Jetzt ist es Sake. Wie gesagt: Techno und Sake haben für mich dieselbe frequency.

MIXOLOGY: Verraten Sie uns ihren liebsten Sake-Cocktail?

Richie Hawtin: Am liebsten trinke ich ihn pur. Meines Erachtens nach ist sein Geschmack zu delikat zum Mixen. Einen Weinliebhaber würden Sie schließlich auch nicht nach seinem Lieblingsweindrink fragen, oder? Aber gut, wenn es sein muss: Ein Junmai Ginjo mit einer Orangenzeste und ein, zwei Tropfen Orangensaft.

MIXOLOGY: Was ist mit Essen? Die Kombination von Sushi und Sake liegt nahe…

Richie Hawtin: … dabei ist so viel mehr möglich als das. Besonders gut schmeckt er zur levantinischen Küche, von Falafel bis Labneh, einer Art gehaltvollem Joghurt. Gleiches gilt für italienisches Essen. Eine Pasta mit deftiger Tomatensauce, bestreut mit Parmesan und Bottarga, also getrocknetem Fischrogen, ist schon für sich ein Umami-Kick, da passt Sake perfekt. Und schließlich erinnere ich mich gerne an jenes Beef Terriyaki aus Waygu zurück, das ich mit einem Junmai Ginjo kombiniert habe. Köstlich!

MIXOLOGY: Man spürt ihre Freude an Genuss. Sind Sie in einer kulinarischen Familie aufgewachsen?

Richie Hawtin: Nein, überhaupt nicht. Weder Essen noch Trinken hat bei uns eine große Rolle gespielt. Meine Eltern tranken nicht mal richtigen Wein, sondern etwas, das bei uns plonk hieß… Ich selbst habe erst in meinen Zwanzigern wirklich angefangen mit dem Alkoholtrinken, und dann mehr oder weniger direkt mit Sake. Dafür sind meine Eltern Entdecker und immer offen für Neues. Allein, dass sie sich getraut haben, Anfang der Achtziger in die Nähe von Detroit zu ziehen, das damals wirklich einen schlimmen Ruf hatte…

MIXOLOGY: Schmeckt den beiden denn inzwischen Ihr Lieblingsgetränk?

Richie Hawtin: Meine Mutter hat einen perlenden Sake für sich entdeckt, ähnlich einem Champagner. Mein Vater ist sich leider noch nicht ganz sicher.

MIXOLOGY: Richie, vielen Dank für das Interview.

Sake36, Reichenberger Straße 36, D-10999 Berlin

sake36.com, Instagram: @sake36_berlin

Öffnungszeiten: Mi – Do 14 – 20 Uhr, Fr – Sa 14 – 22 Uhr, So, Mo & Di geschlossen

Credits

Foto: Constantin Falk

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