TOP

That’s the spirit: Robin Lühert legt gerade erst los

Der Göttinger Robin Lühert landete 2021 bei der Teilnahme an seinem ersten Cocktail-Wettbewerb auf Anhieb auf Platz Zwei der „Made in GSA Competition“. Das hat den bodenständigen Barmann auf die Cocktail-Landkarte gebracht – und dort möchte er auch bleiben. Wir haben den Senkrechtstarter in seinem Café Esprit besucht.

Werbung
ITA BarConvent Banner

Im Finale der Made in GSA Competition im September vergangenen Jahres belegte er den zweiten Platz, außerdem war er der inoffizielle „Rookie“-Sieger – so nennt man einen im Profisport noch unerfahrenen Sportler. Auch wenn es diese Kategorie bei der Made in GSA nicht wirklich gibt – Robin Lühert aus dem Göttinger „Café Esprit“ wurde definitiv Rookie des Jahres, weil er vorher noch nie bei einem Wettbewerb dieser Natur mitgemacht hatte.

Eine Unerfahrenheit indes war schwerlich zu bemerken; viel eher war die Performance eine Kombination aus gelöst und gekonnt. „Ich hatte das komplett unterschätzt, wie schön es sein würde, sich als Teil eines Netzwerks zu begreifen, sich auf Augenhöhe auszutauschen. Zu sehen, dass alle etwas nervös sind, dabei aber jeder sein Handwerk beherrscht und doch völlig verschiedene Ergebnisse entstehen, verbindet ungemein“, erzählt der bescheidene, aber den Schabernack in den Augen blitzende Blondschopf am Tresen der Bar in der Göttinger Altstadt.

D.A.CH. hieß sein Drink als Antwort auf das Veranstaltungsformat selbst, also in Referenz auf die deutschsprachigen Regionen mitteleuropäischer Gefilde. Obendrein hieß auch die Aufgabenstellung „Heimat im Glas“. Und wann fühlen sich viele Einwohner:innen von Deutschland, Österreich und Schweiz besonders an Heimat erinnert? Exakt, wenn sie den Geschmack von einer Schwarzwälder Kirschtorte auf der Zunge spüren. Die gehört in besagten drei Ländern immerhin zu den meistverkauften Torten aller Zeiten. Weil die Made in GSA Competition sich nun aber einmal Cocktails vorgeknöpft hat, kredenzte Robin Lühert eine flüssige „Schwarzwälder“ – und offenbar geriet auch die Jury ins Schwelgen.

D-A-CH

Zutaten

4 cl Hardenberg Dreikorn
3 cl Burschik’s Dry Vermouth
1 cl Humbel Nr. 22 Brenzer Kirsch
1 cl Mozart Dark Chocalate
1cl Schwarzwald Maraschino

Zeitlosigkeit im Café Esprit

Was Robin Lühert am gastronomischen Angebot seiner Heimatstadt schätzt? „Von peruanisch-japanischer Fusionsküche bis zum Döner morgens um 5 Uhr gibt es alles, was man sich wünscht. Bei den Bars wird es ein klein bisschen spartanischer. Im Grunde gibt es drei Bars, die ein sehr breites Spektrum abbilden. Das Herbarium im Freigeist Hotel mit Fokus auf die Pflanze, das Esprit mit breitem klassischen Angebot und die Monster Bar, die mit ausgefallenen Kreationen auftrumpft. Mir persönlich fehlt eine Bar, in der ich unerkannt und wild über die Stränge schlagen kann – aber wozu gibt es Berlin?“

Die schwarzen Beschilderung und die Schwarz-Weiß-Kacheln am Eingang lassen das Esprit Café + Bar an Twin Peaks erinnern. Der gekachelte Boden zieht sich über die gesamte Bar und verleiht dem Ort nicht nur in Anklang an David Lynchs surreale TV-Serie eine angenehme Form der Zeitlosigkeit, sondern hält diese auch qua Angebot ein. Gefrühstückt wird bis zehn Uhr abends, Linseneintopf mit Chorizo gibt’s den kompletten Tag, getrunken wird von 43er-Orange bis zum 80. Drink auf der Karte, Uhrzeit beinah egal.

Weniger ist mehr für Robin Lühert

Robert Vogel, Inhaber des Esprit und stellvertretender Vorsitzender von „Pro City Göttingen“, erzählt, dass die stadtälteste, nämlich 1983 gegründete Bar Göttingens zugleich eine der Bars ist, in der man auf diesem Niveau am längsten trinken kann. Und das sind relativ viele Superlative auf einmal. Denn lange trinken kann man sicherlich auch in so manch anderen Etablissements des Studentenstädtchens, wie etwa dem sagenumwobenen „Déjà“, Kosename für „Déja-Vu“, wo man sich nach der Schicht gerne noch auf ein finales Bier trifft und bei aufgehender Sonne gen Bett radelt.

Aber eben nicht so. Nicht mit diesem massiven Menü sowohl in flüssiger wie fester Façon und nicht mit einem Robin Lühert. Der hat eine klassische Ausbildung zum Hotelfachmann gemacht, und zwar im Flux Biohotel, mit kurzer Zwischenstation im Herbarium, und landete dann im Esprit. Einem Ort, der jedweder Schnöselei entbehrt. Wie sieht gastronomische Gemütlichkeit für einen aus, der insgeheim sehr angetan von der Londoner Kwānt Bar ist? „Die liegt natürlich immer im Auge des Betrachters. Ich finde aber durchaus, dass man es nicht übertreiben muss. Wenn ein Drink erst erklärt werden muss, bevor ich ihn trinken darf, er aus neun Ingredienzien besteht von denen acht infusioniert, eingelegt und durch japanische Kohle gefiltert werden, geht mir das zu weit. Am Ende des Tages muss ein Drink schmecken. Die Gäste, denen ein Drink erst schmeckt, wenn er bei Vollmond gezupfte Löwenzahnblütenblätter enthält, gibt es natürlich, empfinde ich aber als recht anstrengend.“

Robin Lühert beim Finale der Made in GSA Competition 2021 auf Schloss Elmau

Nicht fertig sein mit dem Fertig-Sein

Auch wenn er sich vorerst nicht vorstellen kann, weiterzuziehen, hat er längst nicht den Eindruck, dass er mit irgendetwas fertig sei. „Ich hoffe, dass ich diesen Zustand nie erreichen werde, denn wenn man dieses Gefühl hat, ist man wirklich fertig mit dem Beruf, aber nicht im guten Sinne“, so Robin Lühert. Doch auch mit dem Fertig-sein ist er noch nicht fertig: „Es ist doch einfach kein hilfreicher Gedanke, das fertig sein wollen – gerade in Berufen, die Kreativität abverlangen, und in denen man sich auch ständig mit Kollegen, mit der Zeit und mit der besten Version seines selbst messen können sollte.“

„Dass der was auf dem Kasten hat und ein absoluter Glücksfall ist, war mir schon klar, wie er hier hereinreinschlappte,” wirft Robert noch ein. Es scheint ein gutes Verhältnis zu sein zwischen Barmann und Inhaber, und das liegt nicht an der plötzlichen, vor allem regionalen Aufmerksamkeit für Robin Lühert, sondern an seinem Typ: eine urige Unprätentiösität, die weder auf Teufel komm raus gefallen, noch Großstadtschnauze heraushängen lassen will.

Deswegen gehen wir auch nicht auf einen Food-Truck Market mit Fusion Food plus Craft-Beer-Pairing, sondern zum Italiener: auf Pasta und ein Glas Wein. Nämlich in der Trattoria Salvatore, so heißt der Ort zumindest offiziell, der Göttinger spricht von “Gigi und Angelo”, und Zweiterer läuft auch singend durch den Laden und macht mit seiner Begrüßung deutlich, dass man sich kennt.

Mehr Zusammenhalt in der Pandemie

Das erste Mal, allerdings, steckt man in einer Pandemie. Seit Mai letzten Jahres hat das Café Esprit wieder geöffnet, doch die Einbußen waren beträchtlich. „Gerade Bier, das eigentlich über alle Zeiten und Wetter hinweg gut geht, ist eingeknickt“, analysiert Robin Lühert. Dennoch hatte die Pandemie nicht nur Schlechtes: „Ohne die Pandemie hätte ich vielleicht gar nicht an der Made in GSA teilgenommen. Sie hat auch für einen noch größeren Zusammenhalt unter den Kollegen im Esprit geführt,” erzählt er weiter.

Und nun? Wie geht es weiter, worauf baut man im Café Esprit dieser Tage? Auf Low-ABV, also auf Drinks mit weniger Alkohol. „Einige haben in der Pandemie weniger getrunken und tasten sich gerade langsam wieder ran. Oder aber man hat herzlich viel getrunken und beschlossen, es nach der Pandemie etwas langsamer angehen zu lassen“, so der Barmann.

In beiden Fällen sind Cocktails mit nur wenigen Umdrehungen der Esprit der Stunde. Robin Lüherts Spirituose der Stunde wiederum ist alles, was die Agave herzugeben vermag, vor allem also Tequila und Mezcal. Leichte Drinks mit mexikanischem Flair, gepaart mit italienischen Tramezzini, paradiesischen Playlists und einem Außenbereich, in dem jeder Platz findet, der die jeweils gültigen Corona-Regeln einzuhalten vermag: perfekt für den Frühling.

Jeder Hit ein Treffer

In der Tat gibt es handfeste Gründe, weshalb Robin Lühert immer wieder nach der Playlist des Abends gefragt wird: jeder Punkt ein Treffer, aufs Ohr oder im Glas. Und sogar seine Rezepte verrät er, wenn man freundlich fragt; ebenfalls ein kostbares Kleinod unter all den Knausnern hinter dem Tresen.

Anstelle von „That’s the spirit“ in diesem Falle also: „C’est l’esprit!“

Credits

Foto: Robin Lühert

Comments (1)

  • Holger Rau

    Absolut verdient für Robin. Auch sehr zu empfehlen, sein “Game Changer” Cocktail. Das Espirt ist und bleibt die beste Bar-Location in Göttingen. Eine größere Auswahl an Spirituosen sucht seinesgleichen in Göttingen. Ein toller Artikel!

    reply

Kommentieren