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Herzblut und Craft: Roger Breitenegger

Roger Breitenegger hat den Weg in die Hauptstadt gefunden. Der Vollblutbartender steht wie nur wenige für eine Auseinandersetzung mit der erblühenden Craft-Szene. Der vielbeschäftigte Projektleiter erzählt uns, wie man seine eigene Bühne auf die Beine stellt, die Industrie und Gäste bei Laune hält und am Ende noch alle Beteiligten in einem Projekt unterbringt.

Den unverkennbar charmanten österreichischen Akzent erkennt man sofort. Seine gemütliche Heimatstadt Wien steckt ihm in den Knochen. In seinem Fall wusste jemand schon früh, in welche Richtung der Wind für Roger weht. Ohne Vorahnung durfte er ab dem ersten Tag seiner Ausbildung zum Restaurantfachmann die hoteleigene Bar hüten.

Nach der Ausbildung im Wiener Hotel Stefanie ging es dann mit Sport und Prestige auf Sterneniveau ins Ausland. Wer auf Flavio Briatores Yacht zwei Konzeptbars betreut und in der McLaren F1 Box mixen durfte, kann auch nichts anderes behaupten. Für seine Frau beendete der Österreicher seine Reiselust durch 22 Länder und zog nach Berlin.

Liebe, Lust und Leidenschaft im dicken B

„An meinem ersten Tag war ich direkt bei Dr. Pong. Da steht halt einfach ein Ping-Pong Tisch in der Mitte und das ist das Konzept von dem Laden. Da liefen die Gäste den ganzen Abend Kringel drum und spielen Tischtennis. Zwischendrin noch ein paar Studenten, die Bier trinken. Herrlich!“ Im Gegensatz zum spröden Wien ein Paukenschlag, muss man sich vorstellen.

Roger entdeckte Berlin, mit all seinen charmanten Kanten und Ecken. Hier ein wenig Essen, da eine Bar, nochmal Essen und kein Ende in Sicht. „Dann merkst du erst mal, wie vielfältig und krass diese Stadt ist. Ich hab einfach Blut geleckt. Eine tolle Frau plus zwei wunderbare Kinder, in der geilsten Stadt der Welt. Mehr Glück gibt es doch fast gar nicht.“

Mehr geht nicht?

Erfahrung sammelte der Wiener in seinem ersten Jahr in Berlin besonders in der Indeed Bar. Barmann, Service, Putzfrau. Roger war alles in einem. Nachdem das Barprojekt keine Früchte trug, entschied sich Roger für drei Sterne am Wittenbergplatz. Die Erkenntnis, dass tolle Produkte auch mit einem entsprechenden Wareneinsatz einhergehen, brachten Roger in die Arm der Arcotel Gruppe. Im John F. Hotel besann er sich wieder auf die Kunst am Brett und erklomm gemeinsam mit Barchef David Cella weitere mixologische Stufen.

Auch die Neni-Crew ging in dieser Zeit nicht unbemerkt an dem leidenschaftlichen Barmann vorbei. Infolgedessen steigt Roger als Assistant Barmanager in die Monkey Bar mit ein. Mit Marco Weinhold geht es an Konzeption und Eröffnung. Ein gutes Stück Arbeit zahlt sich aus. Die Monkey Bar ist bis heute eine der bestbesuchten Baradressen in Berlin.

Man lernt nie aus

In der Monkey Bar fordert schließlich auch der Erfolg seinen Preis. Abstriche in Qualität sind für Roger nicht annehmbar. Ein enormer Umsatz fordert aber hohe Tribute. Man muss schnell sein und Abläufe müssen schnell funktionieren. „In der Monkey Bar ging es dann eben irgendwann in die Richtung Quantität mit Qualität anstelle von Qualität mit Quantität. Für mich sind schnelle, halb gute Sachen keine Aussage.“ In einem emotionalen Moment geht für Roger auch das Projekt Monkey Bar zu Ende. „Für mich ist das im Moment eine Touristen-Bar auf hohem Niveau. Von der Grundidee hat es sich verändert. Es hat nichts mehr mit hochklassiger Barkultur zu tun.“

Die eigenen Projekte

Roger ist ein großer Freund von „Craft“. Der motivierte Bartender hält nicht lange die Füße still und stampft sein neues Projekt „Popping Up“ aus dem Parkett. Mit seinem Konzept begrüßt er die Streetfood-Welle der Hauptstadt. Mit seinem ersten Versuch in der Neuen Heimat gibt er kleinen Marken einen repräsentativen Auftritt. Er fungiert als temporärer Markenbotschafter und hilft Craft-Spirits & Bieren bei ihren ersten Schritten in Richtung Verbraucher.

Der Doppelte-Markenbotschafter von Gin Sul und Pijökel weiß genau, wie er ein gutes Netzwerk zum wohl aller beteiligten Nutzen kann. Hingabe und Sorgfalt der Marken stehen für das aktuelle „The Tape Over“ Projekt im Vordergrund. Aus der Sicht eines Gastes „erwartet mich ein temporäres Ereignis über acht Wochen. Bei dem sich kleine, nicht so bekannte aber ganz tolle Marken vorstellen und präsentieren können.“

56 Tage Nachtaktiv

Donnerstag laden die Brands ihre Leute in Berlin ein. Freitag schließlich wird die jeweilige Marke den Entscheidungsträgern vorgestellt. Für alle, die das Produkt zu schätzen wissen oder kennenlernen wollen. Auch die generelle Idee der Craft-Spirits und Craft-Produkte steht im Vordergrund. Alle, die sich noch nicht weitergehend mit dem Thema beschäftigt haben, können hier tiefer eintauchen. In einer entspannten Atmosphäre ohne zu viel Ablenkung und Staffage. Der Samstag wird zum Fokustag für die Drinks der jeweiligen Marke. Jede bekommt ihre eigene Karte.

Platzt die Craft-Supernova?

Roger ruft den Begriff „Craft“ auf, weil ihn jeder kennt. Für ihn persönlich bedeutet Craft jedoch mehr die Liebe und Sorgfalt zum Produkt. Das heißt nicht, dass jemand alles von Hand pflücken, anrühren oder selbst im Mund kauen muss. Ihm geht es um Akribie und den Gedanken nachhaltig zu produzieren. Roger erklärt seine Idee an der Firma Bulleit, eigentlich eine Marke von Diageo. Das soll Craft sein? Ja, denn für Roger beginnt Craft dort „wo der Herr Bulleit noch hinten dransteht, durch die Welt jettet und seinen Trinkern sein Produkt erklärt. Obwohl die Marke jährlich millionen Hektoliter abwirft. Da gibt es Liebe, die transportiert wird.“

Die Interaktion mit dem Produkt spiegelt sich auch bei seinen Unternehmungen wieder. Der Normalverbraucher freut sich über Erzeugnisse, die er nicht kennt. Wenn er sie kennenlernt, sind es Sachen, die er nachvollziehen kann und die er gerne hat. Es beeinflusst besonders die Meinung und den Geschmack, wenn man mit einem Produkt so direkt umgehen kann.

„Die Craft-Hysterie wird derzeit ein wenig nach diesem Muster wahrgenommen: ich verkaufe mich an den, der verkauft sich weiter an eine Agentur. Das ist falsch. Es geht einfach um den Charakter der Produkte. Meine Meinung ist, dass jeder so weitermachen sollte wie gewohnt, und sich auf seine Arbeit konzentrieren. Dann entwickelt sich der Hype in erträglichen Maßen, kommt runter und wir machen einfach unsere Arbeit. Nur nicht auf unnötige Züge aufspringen und sich blenden lassen!“ Für Roger jedenfalls bleibt die Idee „Craft“ auch weiterhin ein fester Bestanteil seiner Arbeit.

Credits

Foto: Bild via Roger Breitenegger

Comments (2)

  • Tobias Schreiber

    Hallo Roger,

    Ich möchte direkt einmal vorweg schicken das dies das erste Mal ist, dass ich mich dazu berufen fühle auf einen online gestellten Artikel zu antworten.
    Ich hab das nicht so mit den „neuen“ Medien. Denen – die mich kennen – wird das aufgefallen sein. Kaum mal überhaupt eine Antwort auf WhatsApp oder
    alle halbe Jahre mal ein Facebook Post.

    Nur der Letzte ist grade 4 Tage alt.
    Tobias und seine Monkeybar Kollegen bei Roger im „Tape Over“.
    Hat mir übrigens sehr gefallen.

    Wer braucht schon sowas wie Freunde?

    Beste Grüße, Dein Freund Tobias,
    Assistant Bar Manager Monkey Bar

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