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Der Rose Cocktail ist der beste Drink, von dem man nie gehört hat

EEr ist ein Klischeesprenger in Zartrosa: der Rose Cocktail. Seine Zutaten Kirschwasser, Wermut und Himbeersirup mögen Assoziationen an einen fruchtig-leichten Drink wecken. Tatsächlich hat es der Rose Cocktail aber in sich. Und das nun schon seit 100 Jahren.

Comicfans der alten Schule kennen sie noch – Daisy Duck. In zartes Pink gekleidet, mit verführerischem Wimpernschlag der Inbegriff weiblicher Zartheit. Nur, um im nächsten Moment ihren Verlobten mit einer Backpfeife abzustrafen, die diesen nicht selten im Rückwärtssalto zu Boden streckt. Wäre die Dame zwanzig Jahre älter, vielleicht hätte der Rose Cocktail ihren Namen getragen.

Rose Cocktail als komplexer Drink

Denn auch dieser kommt in Rosa gewandet daher. In der Coupette, mit knallroter Kirsche. Auch die Zutatenliste lässt an seichte Süße denken – Kirschwasser, trockener Wermut und ein Hauch Himbeersirup. Klare Sache bei stereotypem Denken – Mädchenkram. Doch Vorsicht, der Rose Cocktail hat es in sich. Denn was nach einem weichen Drink mit viel Frucht klingt, ist einer der komplexesten Cocktails, wie er aus nur drei Zutaten überhaupt entstehen kann.

Und das nun schon seit glatten hundert Jahren. Als Erfinder des Drinks gilt Bartender Johnny Milta. In seinen Händen erblickte der Drink in der Pariser Chatham Bar das Licht der Welt. Die Spirituose, ein Kirschbrand, war damals wie heute ein seltener Gast im Mixgeschehen. Nach seiner Erfindung verbrachte der Rose Cocktail illustre zehn Jahre im Pariser Nachtleben, um dann langsam den Rang eines pinkfarbenen Underdogs anzunehmen. Ohne jedoch jemals in vollkommene Vergessenheit zu geraten.

Embury dreht an der Kirsche

Denn niemand Geringeres als David A. Embury erwähnt den Drink in seinem 1948 erschienenen Buch The Fine Art of Mixing Drinks gleich in vier verschiedenen Ausführungen. Während No. 3 und No. 4 aufgrund ihres hohen Gin-Anteils (sowie der Verwendung von Cherry Liqueur bzw. Grenadine) fast schon als eigener Drink durchgehen könnten, ist vor allem Version No. 1, das Pariser Rezept, interessant. Hier heißt es zwar im Original nach Johnny Milta „1 Part Kirsch, 2 Parts Noilly Prat Vermouth“, doch hat Embury – stets ein Freund von kräftigen Rezepturen – selbst vermerkt, dass der Drink um einiges verbessert werden könne, wenn nur ein Teil Wermut zu drei bis vier Teilen Kirsch zum Einsatz kommen.

Dieser große Unterschied in der Aufteilung könnte zum einen an einer Liebe der Pariser für wermutlastige, leichte Drinks liegen, während die Amerikaner etwas mehr Würze bevorzugten. Zum anderen dürfte auch die Qualität des Alkohols eine Rolle gespielt haben. Ein typischer Fehler beim Übernehmen alter Rezepte, der auch heute noch durchaus begangen wird, ist die konsequente Umsetzung der Mengenanteile nach Angaben des letzten (oder manchmal auch vorletzten) Jahrhunderts. Denn was dabei vergessen wird, ist die unterschiedliche Beschaffenheit der Brände im Laufe der Zeit. Während vor hundert Jahren das Brennequipment noch um einiges rustikaler war, werden unter den heutigen Bedingungen vollkommen andere Destillate gewonnen.

Der Rose Cocktail ist ein Paradebeispiel eines aromatischen Dreiteilers

Rose Cocktail (adaptiert nach Nicolas Kröger)

Zutaten

5 cl Kirschbrand
2 cl trockener Wermut
1 Barlöffel Himbeersirup

Das Paradox von gutem Brand

Im Klartext: Das Zeug früher hat einfach mehr geknallt. Die Schnäpse hatten weniger komplexe Aromen, mehr Fuselöle, mehr alkoholische Schärfe und nicht selten auch mehr Alkoholprozent. Nicht umsonst war so mancher Tropfen pur überhaupt nicht, sondern erst in der Cocktailform mit Zucker und Bitters vermengt genießbar. Außer von hartgesottenen Seebären und Cowboys natürlich. Um die Ironie vollkommen zu machen, konnte es sogar passieren, dass sich qualitativ hochwertige Brände in dieser Zeit schnell den Vorwurf gefallen lassen mussten, sie hätten nicht genug Umdrehungen und seien womöglich gestreckt. Einfach, weil sie leichter runter gingen als der übliche Sprit.

Doch zurück zum Rose Cocktail. Denn richtig gemixt ist dieser eine wahre Explosion der Aromen. Die scharfe Frucht des Kirsch wird auf subtile Weise vom Himbeersirup unterstützt, während der weiße Wermut als Träger des Ganzen für eine cremig-trockene Gesamtkomposition sorgt. Knackig ohne Eis ins Glas. Ganz im Sinne dessen, was ein klassischer Shortdrink immer sein sollte – eine Spirituose, die von zwei Zutaten umkleidet wird, nichts von ihrem Charakter einbüßt, sondern – im Gegenteil – von diesen zusätzlich angefeuert wird.

Dabei spielt die Qualität der Zutaten natürlich eine tragende Rolle. Bei nur drei Ingredienzien muss jede auf astreinem Niveau sein. Sonst zieht sie die anderen beiden mir nichts, dir nichts mit nach unten. Einer der größten Fehler wäre es etwa, beim Himbeersirup zu sparen. Wenn dieser mit künstlichen Aromen produziert wurde, ersticken sie die feinen Kirschnoten sofort. Und verwandeln die seichte Komposition in einen süßen Shot chemischen Rosas.

Rose Cocktail mit Schnapsbrennertrick

Einen „Chemiebaukasten“ nennt das dann Nicolas Kröger, wenn der Rose Cocktail mit schlechten Produkten umgesetzt wird. Der Inhaber der Wagemut Bar ist ein überzeugter Fan des Cocktails, er sei sogar in seiner persönlichen Top Drei vertreten. Deshalb findet dieser sowohl auf seiner letzten als auch auf seiner kommenden Karte Platz. „Das liegt aber auch daran, dass ich ein alter Romantiker bin. Denn bestellt wird er eher selten!“, gesteht Kröger.

Sein entscheidender Tipp: den Drink trocken, also ohne Eis verrühren, und ihn anschließend kurz auf frischem Eis stehen lassen. Das so verlangsamte Abkühlen habe eine schonende Wirkung auf die Geschmacksentwicklung, da die Spirituose mehr Zeit habe, auf den Temperatursturz zu reagieren. Einen alten Schnapsbrennertrick nennt er das. Was dabei herauskomme, sei ein vollmundigeres, runderes Ergebnis. Ein Luxus, der bei vollem Betrieb natürlich nicht immer möglich sei.

Ein weiterer Nerdtrick, aufgrund des unterschiedlichen Ergebnisses fast eher eine Abwandlung, sei die Verwendung von Sauerkirschbrand. „Für mich ist Sauerkirsche sowieso einer der geilsten Obstbrände überhaupt. Im Rose Cocktail kommt er mit seiner besonderen mineralischen Säure so richtig zur Geltung!“, so Obstbrandfan Kröger.

Die Stärke des Rose Cocktail nicht unterschätzen

Doch ob mit Sauer- oder normaler Kirsche: Der Rose Cocktail ist ein besonderer Vertreter seiner Art. Sicherlich nicht jedermanns Sache, ist der Klassiker vor allem etwas für Freunde intensiverer Geschmäcker. Daher sollte man ihn eher den Gästen empfehlen, die starke Aromen zu schätzen wissen. Und aufgrund der doch eher fruchtig harmlosen Zutatenliste all jene warnen, die ihn unbedarft bestellt haben. Bevor es ihnen geht wie dem armen Donald, der nichts ahnend in die nächste Backpfeife läuft.

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

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