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Rutte Gin: die neue Ananas

Myriam Hendrickx leitet die Destillerie Rutte, die derzeit in aller Munde ist. Denn mit dem Wechsel zu DeKuyper ist auch die Aufmerksamkeit gestiegen.  Reinhard Pohorec hat die charismatische Brennerin auf dem Bar Convent Berlin getroffen und mit ihr über Tradition, Innovation und den neuen Besitzer gesprochen. Und dann ist da ja noch die Sache mit dem Sellerie.

„Damals, 1689, haben wir Engländer Wilhelm von Oranien eingeladen, unser Land zu besetzen und zu übernehmen“, philosophiert Simon Difford. „Mit ihm kam Dutch Jenever, und so nahm die britische Liebesaffaire mit dem Gin ihren Lauf.“ Bekanntlich gräbt auch der moderne Bartender gerne in den Geschichtsbüchern. Die kolossale Entwicklung des Gins während der letzten Jahre in Verbindung mit eben dieser Neigung musste früher oder später auch der Ur-Interpretation dieser Spirituosenfamilie neuen Auftrieb geben.

So schlägt der Jenever elegant eine Brücke zwischen der Tendenz hin zu charaktervollen, aromatischen Spirituosen und der Wacholder-Euphorie unserer Zeit. Es eröffnen sich neue Pfade in der Mixologie, wenngleich man in den Niederlanden immer noch „pur“ präferiert – ein bisschen Tradition muss wohl sein dürfen.

Auf eine wahrlich reichhaltige Geschichte blickt auch das Haus Rutte zurück. 1872 hebt Simon Rutte in Dordrecht nahe Rotterdam eine Destillerie aus der Taufe, die nunmehr seit fast 150 Jahren besonderen Wert auf höchste Qualität und bestes Handwerk legt. Für diese Geschicke ist heute in achter Generation Master Distiller Myriam Hendrickx verantwortlich.

Distilled with passion

In den Augen der studierten Lebensmitteltechnikerin funkelt ein lebendiger Mix aus seriöser Fokussiertheit und verschmitzter Spitzbübigkeit. Wie man den Begriff doch nur adäquat „gendern“ könnte, mag man sich wundern – denn in der Tat ist Myriam eine der wenigen weiblichen Master Distiller der Spirituosenbranche. Doch ihre Präsenz und Ausstrahlung macht von der ersten Sekunde an klar, dass diese Frau keinerlei Emanzipations-Diskussion nötig hat. Die ruhige und konzentrierte Gestik wird begleitet von einem hellwachen Blick, die Energie und Leidenschaft, mit der sie spricht, ist ansteckend. Natürlicher scheint man das bis heute hochgehaltene Motto Ruttes nicht verkörpern zu können: „distilled with passion“.

Doch es braucht immer eine Balance und Ausgewogenheit, eine Harmonie in der Spirituose sowie im gesamten Business, unterstreicht sie. Schon der Gründer Simon Rutte war bekannt für sein Feingefühl und die Expertise rund um Kräuter, Gewürze und Früchte ferner Länder. Im nahen Umland Rotterdams ging man sogar selbst auf die Suche nach heimischen Gewächsen und Pflänzchen – lange bevor man eine neue „nordic cuisine“ oder „Foraging“-Trends zu proklamieren gedachte.

Heute wie damals vertraut Rutte auf größte Sorgfalt bei der Auswahl botanischer Grundstoffe, deren Herkunft zu hundert Prozent natürlich sein muss. Die gesamte Bandbreite der Produkte verzichtet auf Zugabe von Aromastoffen, Ölen oder Farbe.

Die Vermählung und Komposition des Blends ist quasi Chefsache, und so liegt es in den Händen von Myriam Hendrickx aus diversen Destillaten – sogenanntem Moutwijn, neutralem Getreidealkohol und natürlich Botanicals – ein Ganzes zu formen. Hier treffen die Verpflichtung hin zu traditionellen Werten sowie modern kreative Aufgeschlossenheit aufeinander, eine Melange, die allen Erzeugnissen innewohnt.

Während man immer noch im Gründerhaus in Dordrechts Zentrum produziert und sich auf alte Rezepturen beruft, hat man bei Rutte stets nach ungewöhnlichen Rohstoffen gesucht um innovative Ideen zu realisieren.

Die „Neue Ananas“

So ist auch der Celery Gin eine kreative Neuinterpretation, mit der man neben dem klassischen Dry Gin ein Ausrufezeichen gesetzt hat. Dabei mutet Sellerie in der Barbranche ja mittlerweile gar nicht merh so ungewöhnlich an. Unweigerlich denkt man dabei an ein kümmerliches Grünwerk welken Charakters, das, lieblos und vom Zweck her irgendwo zwischen Stirrer und Dekoration angesiedelt, in einem Savoury Drink sein Dasein fristet. Doch die unterschiedlichen Teile dieses Doldenblütlers scheinen prädestiniert für eine Wiederentdeckung hinter dem Tresen.

Während an jeder Ecke die Renaissance der Ananas gefeiert wird und von Tattoo, über goldenes Trinkgefäß bis hin zu Branding-Floskel nahezu kein Marketingwerkzeug der Frucht ausgelassen wird, muss man doch eigentlich schon nach dem nächsten Trend-Pferdchen Ausschau halten. Als Knolle, Samen, Blatt oder frisch lebendiger Stängel mit einer gemüsigen Vielfalt gesegnet, die ihresgleichen sucht, muss man dem Sellerie schon regelrecht eine große Zukunft vorhersagen.

Myriam Hendrickx schmunzelt bei dem Thema nur und verweist kurzerhand darauf, dass die Urrezepturen Ruttes stets auf Sellerie vertrauten, und zwar sowohl beim „Old Simon“ als auch einem eigenen Gin. Stolz blättert sie in alten Büchern und stöbert in Verkaufs- und Preislisten der frühen 1930er Jahre. Eine dieser Handschriften zeigt ganz klar, dass man damals schon mit Dry Gin experimentiert hatte, obwohl man doch immer klar als Produzent von Jenever tituliert war. „Botanical distiller“ wäre eigentlich treffender, fügt die Destilliermeisterin an.

Es muss nicht immer neu sein…

Es sind gerade diese tradierten Rezepte, die Hendrickx hegt und pflegt wie einen besonderen Schatz – ganz abgesehen davon, dass sie heute wie damals relevant für die Produktion sind. „Warum soll ich gewisse Dinge ändern, wenn sie doch so großartige Resultate erbringen?“. Nach der Übernahme durch DeKuyper, war dies auch die einzige, leise Sorge eines sonst sehr harmonischen Zusammenschlusses – den Charakter der Produkte unbedingt bei zu behalten. Ebenfalls ein Familienunternehmen mit generationenüberspannender Tradition, bringt De Kuyper eine neue Dimension und globale Komponente mit, die Rutte bislang ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, gerade auch im Bar- und Mixing-Segment.

Mit den Qualitäten Old Simon, Dry und Celery Gin sowie Vodka ist man nun international sehr erfolgreich unterwegs, unterstrichen durch zahlreiche Auszeichnungen und Medaillen. Das Entscheidende jedoch ist die positive Resonanz der Bartender und Gäste, welche die Produkte verkosten, damit arbeiten und somit eine Ahnung bekommen von der Liebe zum Detail, der Sorgfalt und Leidenschaft, die in jeder Flasche stecken.

Der diffizile Spagat zwischen Tradition und Moderne gelingt auf eine charmante und ungezwungene Art und Weise. Rutte untermauert einmal mehr die besondere Stellung der Niederlande auf der „geistigen“ Weltkarte, auch im 21. Jahrhundert. 300 Jahre nach der ersten amourösen Annäherung der Briten an den Wacholder bekommt die Beziehung neuen Schwung, wie Simon Difford abschließend nochmals festhält: „I’m delighted that we are about to enjoy another Dutch invasion. Thankfully our monarchy will be spared but the Dutch are ‘shaking up’ English gin conventions.”

Darauf eine schöne Ananas, in der festen Überzeugung, dass Alt und Neu eine wunderbare Harmonie ergeben können, Sellerie hin oder her. Und am Ende sind halt doch die Holländer schuld…

Credits

Foto: M. Hendrickx via Rutte

Comments (2)

  • Joerg Meyer

    Vor gut drei Monaten hatte ich das Vergnügen, Rutte und Miriam Hendrickx das erste mal zu besuchen

    Die Produkte aus Ihrer und Ad Vermeij’s Hand haben mich allesamt überzeugt. Wer es einmal nach Dordrecht schafft, sollte unbedingt den CUBAN COFFEE Likör probieren.

    Im Stammhaus findet man neben den drei internationalen Produkten eine unglaubliche Vielfalt an unterschiedlichen Genevern und ins besondere Likören.

    Die Aromen, die hier mit jeglichem Verzicht an Geschmacksstoffen etc. aus Früchten und Pflanzen gewonnen werden, sind beeindruckend. Es spiegelt viele Jahrzehnte an Destillations Erfahrung wider.

    Nach meinen zweiten Besuch bei Rutte bin ich bekennender Fan von Rutte und Genever. Erst der Besuch von Rutte hat mich die Vielfalt der Kategorie Genever verstehen lassen (und ich bin tatsächlich ein zweites mal dorthin gefahren, da der erste Besuch und ein langes Gespräch über Genever zunächst mehr Fragen als Antworten aufwarf – Sehr interessante, sehr komplexe Spirituose, wenn man von den mir früher eher bekannten weißen, langweiligen, Vodka-ähnlichen jungen Genevern absieht)

    Was den Gin angeht: Seit gut zwei Monaten ist Rutte Dry Gin unser „offizieller“ Gin Basil Smash Gin. Eine derzeit immerhin ca. „5 Paletten pro Jahr“ Entscheidung. Die Qualität hat mich überzeugt. Der Dry Gin überzeugt mit elegantem Zitrus und Wacholder, die Spielart als CELERY BASIL SMASH ist fantastisch.

    Freut mich zu lesen Reinhart, das Dir die Produkte und die Macher ebenso sympathisch sind.

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  • Joerg Meyer

    Oh, hätte ich fast vergessen. Hier ein Interview mit Myriam Hendrickx, welches ich bei unserem ersten Gespräch aufnahm – https://soundcloud.com/jrgmyr/a-genever-talk-with-myriam-hendrickx-masterdistiller-at-rutte-zn

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