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Saigon. Cocktailtour auf Vietnams Schattenseite.

Wenige Städte verkörpern die verschiedenen Seiten Südostasiens so augenscheinlich und schillernd wie Ho Chi Minh Stadt. Ein Name – Ho Chi Minh Stadt – als revolutionäres Make-up. Ein Name unter welchem sich Geld und Religionen, Massenmord und Armut, Prostitution, Opium und Dreck verstecken. MIXOLOGY taucht ein in die Nacht Saigons – die Nacht Sin Citys.

Die Sonne ist schon vor einer Stunde untergegangen und es sind trotzdem noch 31 Grad. Wir kommen gerade zurück von unserer historischen Widerstandskämpfer-Dschungeltour. Zwanzig Jahre Kampf, Bombenhagel, Panzer und Agent Orange haben sich tief in unser Gedächtnis gegraben. Dagegen brauchen wir erst einmal Drinks.

Die empfohlene Bar Apocalypse Now erschien aufgrund des Namens passend, ist aber wider die Beschreibungen nur eine Kneipe. Also hasten wir nüchtern weiter zur Bar SaigonSaigon. Vorbei an Hotels, in welchen sich schöne junge Vietnamesinnen alleine Doppelzimmer über das Wochenende mieten, finden wir unseren Weg in das Etablissement im 9. Stockwerk – eine Dachterrassenbar.

Gerne setzen wir uns an die frei stehende Bar, welche gute Blicke über das Häuserdickicht, als auch die Tanzfläche zulässt. Sidecar und Pina Colada sind schnell bestellt und so beobachten wir das Balzverhalten von einsamen Westlern und makellos aussehenden Vietnamesinnen. Zurück zum Wesentlichen. Der Sidecar ist leider mit Brandy zubereitet worden. Selbiger schmeckt zu schwach heraus, wie auch der Cointreau. Die Colada kommt wässrig in einem Glas, welches Tom Cruise schon in Cocktail verwendet haben könnte.

Insgesamt ist das Team flott, aber wir werden aufgrund der Getränke und der generellen Atmosphäre nicht ganz warm mit dem Laden. Dafür ist der Service aufmerksam. Inzwischen sind alle Sitze besetzt, es wird voll, wir wollen aber weiter. Nach entrichteten 10 Prozent Steuern und 5 Prozent Trinkgeld kommen wir auch auf 10 Euro pro Drink. Zusätzlich also auch noch ganz schön happig für eine Stadt, in welcher man allerorts Highballs für 1,50 Euro bekommt. Vorbei an der das langweilige Publikum aufpeitschenden Band geht es wieder ab in den Fahrstuhl, durch das Hotelfoyer und draußen quer über den Opernplatz.

Zwischen fernöstlicher Skurrilität und westlicher Dekadenz

Um eines der wenigen geschätzten Überbleibsel der Kolonialzeit scharen sich Hotels, Bars, Restaurants und Prostituierte aller Provenienzen. Über Müll im Rinnstein springend geraten wir in die Bar 2 Lam Son im Erdgeschoss des Park Hyatt. In dieser sehr schön orientalisch eingerichteten, deckenhoch verglasten Bar bedienen vor und hinter dem Tresen nur Frauen. Tadellos gekleidet oszillieren sie im silbernen Licht von Gast zu Gast. Nach dem gemächlich zubereiteten Tom Collins und einem Dubonnet würden wir uns jedoch seitens des Bartenders mehr Qualität denn Schönheit hinter der Bar wünschen: der Collins enthält Limetten- und Grapefruitsaft, der Dubonnet ist bereits abgelaufen. Also ergreifen wir auch aus diesem nur sehr schön gebauten Örtchen die Flucht und schieben uns durch die tropische Schwüle weiter.

Vier Blocks und ebenso viele Mordanschläge rasender Mopedfahrer weiter gelangen wir zur XuBar. Am Wochenende kann es hier zugehen wie in einem Kudamm-Club. Gäste definieren sich über die Größe der gekauften Flasche auf ihrem Tisch und die Tür lässt nur Lackschuhe rein. Den größten Teil der Zeit jedoch ist dies eine sehr gute Bar und heute genießen wir die gesamte Aufmerksamkeit des Barpersonals. Die aufwendige Karte beinhaltet auch eigene Infusionen und nutzt Flüssigwasserstoff – bisher ein Novum in Vietnam!
Wir bestellen einen Sticky Mulberry genannten Champagnercocktail und einen Old Fashioned mit Schlangen-Skorpion-infundiertem Reisschnaps. Dieser Schnaps ist in Vietnam in etwa das, was Obstler in Süddeutschland ist. Aufgrund seines trockenen Feuers und der 40% Vol. hebt er sich deutlich von herkömmlichem Sake ab. Dadurch kann er jedoch eine gelungene Brücke zwischen dem Original Old Fashioned und dieser fernöstlichen Version schlagen. Er hält eine wunderbare Balance aus leicht fruchtiger Süße und der Feurigkeit, welche wir vom Bourbon schätzen.
Der Maulbeerenchampagner ist leicht, erfrischend und aromatisiert den Schaumwein dezent. Eine angenehm anregende Kir Royal-Adaption mit der ursprünglich aus Südostasien stammenden Maulbeere.

Vom Rinnstein zur Skyline

Das Versprechen einer „Premium and ultra-sophisticated Lounge Bar“ erwartet uns in schwindelerregender Höhe in der 52. Etage des Bitexco Towers, das moderne Wahrzeichen Saigons. Leider entschädigen auch der zugegebenermaßen einmalige Ausblick und der hauseigene Helikopterlandeplatz kaum für die bestenfalls durchschnittliche Cocktailqualität. Der überraschenderweise auf der Karte zu findende Between The Sheets ist zu sauer und das Gleichgewicht zwischen den drei Spirituosen ist komplett unbalanciert.

Also schnell vom Expresslift nach unten geschossen werden und ein Taxi für drei Euro quer durch die Stadt ergattert. Die Nacht im Chill 100 Meter über dem Moped-Hupkonzert ausklingen lassend, freuen wir uns dank angenehmem Tom Collins und guter Bourbonauswahl über diesen tropisch-versöhnlichen Ausklang. Die Menge in dieser weiteren Dachterrassenbar ist entspannt und man kommt offensichtlich für die Cocktailauswahl hierher. Dies macht sich angenehm in Kenntnis, Geschwindigkeit und Qualität der Bartender bemerkbar.

Im Fazit soll festgehalten werden, dass Saigon bei weitem nicht Vietnam ist. Und sich hier einige der düsteren Seiten eines sonst sehr interessanten, faszinierenden und vielfältigen Landes vereinen. Bis zur nächsten Bartour sollten wir jedoch ein Jahrzehnt verstreichen lassen. Hoffen aber, dass die XuBar bis dahin die Fahne hoch hält!

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