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Revolte im Glas: der Santa Muerte

Der Santa Muerte von Jonas Hald ist ein Twist auf den Santa Marta, der wiederum ein Twist auf den Daiquiri ist. Und trotzdem beginnt die Geschichte in Worms. Von dort stammt nämlich Revolte Rum, der die Basis des im Stuttgarter Le Petit Coq entstandenen Cocktails darstellt. Und Jörg Meyer hat auch seine Finger im Spiel.

Vergleiche zwischen Barszene und Musikwelt zu ziehen ist eine Unmöglichkeit des Journalismus, habe ich mal gehört. Man trete mit der subjektiven Kundgabe im schlimmsten Fall nicht nur den Anhängern der einen, sondern auch den Fanboys der anderen Kunst zu Nahe. Viel zu groß seien die Unterschiede, von ähnlicher Größe die Empörung, die man damit auf sich zöge.

Doch sagte man mir auch, wir Journalisten sollten nicht Everybody’s Darling sein, daher also ein Versuch: Felix Georg Kaltenthaler ist im Brenner-Milieu so etwas wie Wizkid für den Afrobeat. Der junge, aus Nigeria stammende Ausnahmekünstler zeigt schließlich seit kurzer Zeit den Facetten-Reichtum jener durch Rhythmus geprägten und von Percussion lebenden Stilrichtung auf, rangiert mittlerweile auf Augenhöhe mit Drake & Co. und lässt die Altherren-Garde um Koffi Olomidé und Magic System vor Neid erblassen. Nicht anders verhält es sich mit dem jungen Wormser Kaltenthaler, dessen persönliche Neuinterpretation eines weißen Rums einen kometenähnlichen Start hingelegt und sich wahrlich raketenförmig in das Barback zahlreicher Bars Deutschlands katapultiert hat. Mit einem Rum, der die DNA klassischer Rums auseinandernimmt und um zusätzliche Moleküle modifiziert, ohne dabei den eigentlichen Zellkern zu verändern. Und so bleibt auch der heute vorgestellte Santa Muerte im Korsett ein Klassiker per se.

Jonas Hald aus dem Le Petit Coq in Stuttgart mag Musik. Kein Wunder, sieht der 24 Jahre alte Barchef aus jener Trendbar des badischen Landes doch glatt selbst aus wie ein verkappter Roadie von AC/DC oder Tourmanager von Axl Rose. Doch genug der Vergleiche. Während seiner Arbeit in den unterschiedlichsten Bars begegnete Hald immer wieder diesem verblichenen kubanischen Klassiker mit dem Namen Santa Marta. Was für ein Drink.

When in Hamburg

Dieser in der Wirkung spektakuläre, aber leicht umsetzbare Drink ist keine Erfindung von ihm. Wie so häufig war es kein geringerer als Cocktailguru und Bar-Networker Jörg Meyer persönlich, der im Jahre 2011 im Zuge seines Club de Cantineros-Projekts den gebleichten Klassiker aus Kuba aufpolierte und wieder salonfähig machte. So ist der Cocktail nichts anderes als ein interessanter Daiquiri-Twist und wurde im Gegensatz zum Original von den Cantineros auch erfunden. Doch stimmt hier vor allem die Zusammensetzung neugierig, verlangt er doch neben weißem Rum, Limettensaft und Rohrzucker auch nach einem Löffelchen Kirschwasser. Kirschwasser in Kuba? Respekt.

Genau das muss sich auch Hald gedacht haben, als er besagten Cocktail in sein Repertoire nahm. Als dann auch noch Felix Georg Kaltenthaler mit seinem im Familienbetrieb destillierten Revolte Rum auf die Bildfläche trat, war dies quasi ein „match made in heaven“.

„Als ich das erste Mal Revolte Rum probiert habe, kam mir sofort der Santa Marta in den Kopf. Eigentlich ein simpler Drink, aber der Rum spielt eben so großartig mit dem Kirschwasser. Da wollte ich noch ein wenig drauf aufbauen und habe mit Thymian gearbeitet, um noch eine Würznote hinein zu bekommen, und habe das ganze mit ähnlich aromatischen, selbst eingelegten Cocktailkirschen noch schön abgerundet.“

Eine Abwandlung vom Meyerschen Original erfährt Santa Muerte im Einsatz des Kirschwassers. Anders als beim Original, gibt Hald es nicht on top, sondern nutzt es in Verbindung mit Mezcal zu gleichen Teilen, um das Glas damit auszusprühen. „So hat man eigentlich nur eine gewisse Nasennote und nicht besonders viel im Drink. Die Würzigkeit erfolgt dann letztlich über die Kirsche beim letzten Schluck.“

Ist das noch Rum?

Doch zeichnet sich der eigentliche Twist auf den kubanischen Klassiker besonders bei der Verwendung einer charakteristischen Spirituose ab. Dieses Portfolio bringt Revolte Rum ganz einfach mit. Vor allem die belebenden Agricole-Noten in der Nase bestimmen das Bouquet und fördern die Erwartungshaltung. Die Komplexität des Rums, seine oxidativen Noten durch Lagerung, aber auch Anklänge von Kochbananen, Pflaumen und Rosinen verleihen Revolte Rum ein Alleinstellungsmerkmal, das viele weißen Rum-Spirituosen oft schmerzlich vermissen lassen.

So ist es kein Wunder, dass Santa Muerte, Halds Twist auf den Santa Marta, vollends ausgelegt wurde auf eine der wohl interessantesten Spirituosen der letzten Monate. Der rauchige, würzige und leicht fruchtige Daiquiri-Twist schlägt eine Brücke zwischen Karibik und der alten Welt, ohne dabei die Besonderheiten der jeweiligen Regionen zu vernachlässigen. „Die Gäste sind mittlerweile ganz verrückt danach. Das Ding geht durch die Decke!“, freut sich Hald.

Und liefert mal wieder einen Beweis dafür, wie klassische Drinks im Laufe der Zeit dem Geschmack des Publikums erfolgreich angepasst werden. Cheers!

Santa Muerte

Zutaten

6 cl Revolte Rum
3 cl frisch gepresster Limettensaft
1,75cl Zuckersirup
3 Zweige Thymian

Zubereitung

Alle Zutaten in einen Shaker geben und auf Eiswürfel 10-15 mal kräftig schütteln. Doppelt in eine mit 50% Kirschbrand und 50% Mezcal aufgesprühte, vorgekühlte Cocktailschale abseihen. Mit einer Cocktailkirsche und frischem Thymian garnieren.

* Abgewaschene Amarena-Kirschen eine Woche lange in einem Einmachglas mit Cognac, Overproof-Rum, Jägermeister, Maraschino, Kirschwasser, Zucker, Orangenzesten, Angostura und ein bisschen Pfeffer ziehen lassen.

Glas

Cocktailschale

Garnitur

Cocktailkirsche*

Credits

Foto: Frau & Kirsche via Shutterstock. Postproduktion: Tim Klöcker.

Comments (2)

  • Willi

    „wie ein verkappter Roadie von AC/DC oder Tourmanager von Axl Rose“ – ;D
    Schöner Artikel, danke dafür!

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