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Sarah Madritsch hat gut lachen. Die Widder Bar in Zürich auch.

Sarah Madritsch ist nicht die erste weibliche Bartenderin in der Widder Bar in Zürich. Aber sie ist die erste seit sehr langer Zeit. Erst seit 2019 in der Schweiz, hat die gebürtige Thailänderin im Sommer auch die „1. Swiss Cocktail Open“ gewonnen. Wie ihr Weg sie hinter die Bar geführt hat und was sie noch vorhat, erzählt uns die Rum-Liebhaberin bei einem „Three Dots and a Dash“.

Der Three Dots and a Dash ist ein klassischer Tiki-Drink, den Donn Beach während der Zeit des Zweiten Weltkrieges kreiert hat. Der Drink ist eigentlich nach seiner Garnitur benannt, die aus drei Cocktailkirschen am Spieß besteht und quer über das Glas gelegt wird. Sie symbolisiert den Morsecode aus drei Punkten und einem Bindestrich, der wiederum für „V“ steht – und das Zeichen für „Victory“ bedeutete, also den Sieg der Alliierten.

Sarah Madritsch am Tresen der Widder Bar

Die Schweiz kann Barfrauen gut vertragen

Sarah Madritsch serviert den Three Dots and a Dash zum Gespräch am hölzernen Tresen der Zürcher Widder Bar. Hier sorgt die gebürtige Thailänderin aus Bangkok seit rund einem Jahr als erste Bartenderin in der traditionsreichen Trinkstätte für frischen Wind. Abends zuvor stand die Widder Bar im Zeichen der „Swiss Allstars“ der Gastgeber Wolfgang Mayer, Barmanager der Widder Bar, und Peter Roth, der 40 Jahre lang die Kronenhalle Bar gemanagt hatte. Ein Cocktail-Food-Pairing mit Gerichten von Haus- und Sternekoch Stefan Heilemann, kreiert zu den Cocktail-Rezepten bekannter Bar-Persönlichkeiten der Deutschschweiz wie Thomas Huhn (Les Trois Rois), Markus Blattner (The Old Crow), Christian Heiss (Kronenhalle), Wolfgang Bogner (Tales Bar), Dirk Hany (Bar am Wasser) sowie Lukas Hostettler (Abflugbar).

Ein Abend von Freunden und seit Jahrzehnten aktiven Bartendern, die die global florierende Barkultur der vergangenen Jahre auf Schweizer Terrain vorangetrieben haben. Damit aber auch ein wenig Spiegelbild des klassischen Geschehens am Barparkett, das erst neuzeitlich einen Geschlechtermix erfährt und weibliche Bar-Persönlichkeiten auf Titelseiten bringt. „Frauen im Service, Männer hinter der Bar. Daran hat sich noch nicht allzu viel geändert“, findet Sarah Madritsch, ganz ohne Missmut und voller Vertrauen in sich selbst. „Ich möchte keine Startenderin sein, sondern weiterhin viel lernen, gute Drinks machen und zeigen, dass ich Frau und zugleich eine großartige Bartenderin sein kann. Kämpfen ist der falsche Weg, man muss sich den Respekt erarbeiten. Dazu möchte ich mich weiterhin und auch andere Frauen motivieren“, beschreibt sie ihren Antrieb.

Trendspirituose Gin? Nicht in Thailand

Eigentlich wollte Sarah Madritsch eine juristische Laufbahn einschlagen, doch fehlender Kontakt und Austausch mit Menschen ließ sie umdenken. Und so hing sie nach einem zweijährigen Studium an der juristischen Fakultät der niederländischen Universität Groningen das angedachte Rechtsgenre an den Nagel. 2016 geht sie zurück nach Bangkok, wo sie geboren und aufgewachsen ist, und findet dort ihr Glück im Metier der Barkultur. „Learing by doing“ fasst sie als Quereinsteigerin Fuß in Tropic City, einer vielfach ausgezeichneten Bar. Tiki-Trinkkultur mit mannigfaltigen Rum-Qualitäten, klassische wie ausgefallene Drinks auf Basis frischer Zutaten, Früchte und Ingredienzien prägen Madritschs erste Erfahrungen mit Cocktailkultur. In der Bar im Herzen des lebendigen Kreativviertels Charoen Krung bestätigt sich auch ihre Berufsleidenschaft: Gastgeberin sein, hohe Ansprüche an sich selbst wie an Service, Qualität und Kreation von Drinks stellen, sich unter völlig unterschiedlichen Menschen bewegen und ihnen wunderschöne Momente bescheren. Und: nie zu wissen, was ein Abend bringen wird.

Vor zwei Jahren kommt Sarah Madritsch, die väterlicherseits Schweizer Wurzeln besitzt, nach Zürich und arbeitet an der Seite von Marco Colelli als Bartenderin in der Raydgrodski Bar. „Marco ist ein talentierter Bartender, der mir als Mentor sehr hilfreich zur Seite gestanden ist und mir sehr viel beigebracht hat. Als ich in der Schweiz angekommen bin, musste ich zuerst mein in Bangkok erworbenes Wissen über Barkultur zur Seite packen. Die asiatische Trinkkultur unterscheidet sich nämlich stark von der europäischen. Ich habe viel über Spirituosen und ihre Verwendung gelernt. Über Gin, den wir in Thailand selten trinken, Obstbrand, den wir gar nicht haben, über unzählige Wermuts und Agavendestillate. Italienische Amari habe ich erst hier kennengelernt“, erzählt die heute 26-Jährige.

Ein gutes Match in der Widder Bar

So ist sie in der Limmatstadt bereits aufgefallen. „Sie ist ein sehr offener, sympathischer Charaktermensch“, beschreibt Wolfgang Mayer, Barmanager der Widder Bar, der sie vor einem Jahr ins Team geholt hat. „Als ich sie kennengelernt habe, war sie gerade ein Jahr in der Schweiz und hat kaum ein Wort Deutsch gesprochen. Wir sind schnell ins Gespräch gekommen. Da sie auch sehr an Whisky interessiert ist, war das ein gutes Match mit der Widder Bar. Weil es einfach gepasst hat, und wir natürlich auch Frauen pushen wollen“.

Sarah Madritsch ist nicht die erste Dame an der Hotelbar des Schweizer Fünf-Sterne-Hauses. „Auch zu Beginn meiner Zeit gab es Damen in Rochade zwischen Service und früher oder später der Bar, die dann aber gegangen sind“, erinnert Markus Blattner als ehemaliger und langjähriger Widder Bar-Chef. Danach blieben die Damen aus. „Nicht, weil ich, wie mir oft angelastet wird, keine Damen wollte. Es ist einfach schwierig, die passende Person zu finden“. Zu wenige Bewerberinnen und die Entscheidung nach der besseren Qualifikation seien Gründe gewesen. Madritsch ist somit die erste Bartenderin mit neuem Format, die als solche „gepusht“ und auch von zwei weiteren Kolleginnen im Service wie schrittweise hinter der Bar begleitet wird. Im Juni dieses Jahres gewann sie zuudem die 1. Swiss Cocktail Open und reihte sich unter die Finalisten der Diageo World Class 2021, die aber ihr Widder Bar-Kollege Matteo Moscatelli gewinnen sollte.

„Es ist eine Ehre, und ich bin sehr stolz darauf, hier Bartenderin zu sein. Ich respektiere Wolfgang und Matteo sehr dafür, dass ich zeigen darf, was ich kann. Ich habe im Service begonnen und hart für dieses Level gearbeitet, das ich weiter ausbauen möchte“, sagt sie. Ihr Traum wäre, vielleicht einmal Headbartenderin zu werden. „Das wären Big News für die hiesige Barkultur, im Speziellen für die Widder Bar oder auch Kronenhalle Bar“, so ihr rein spielerischer Gedanke. Das wäre dann ähnlich wie bei Shannon Tebay, die es zur ersten Headbartenderin in der American Bar des Londoner Savoy gebracht hat.

Widder Bar

Widdergasse 6
8001 Schweiz

So - Mi 18 - 01 Uhr, Do - Sa 18 - 02 Uhr

Sarah Madritsch ist Rum-Liebhaberin

Eine eigene Bar zu führen, wäre eine schöne Idee für die Zukunft, doch derzeit setzt Sarah Madritsch andere Vorhaben um. Weil sie Wein liebt, stürzt sie sich gerade in eine zweijährige Sommelière-Ausbildung. „Ich könnte mir vorstellen, später eine eigene Drinks-Linie zu entwerfen. Mit Cocktails, die ausgewählte Noten eines Weines, seinen Charakter, sein Aroma oder seinen Geschmack widerspiegeln, ohne ihn tatsächlich zu beinhalten. Like a mind-play“, verrät sie.

Gerade forciert sie das Spiel mit Aromen und tüftelt gerade an einem vergleichbaren Cocktail zu ihrem „A Tale of two Cities“, mit dem sie die 1. Swiss Cocktail Open gewonnen hat. Darin vermengt die Rum-Liebhaberin ein junges Schweizer Rum-Produkt, Wermut als für sie neu entdeckte Kategorie und viel selbstgemachtes Cordial aus Limette und Kokosnuss. Im abgewandelten Drink als Bestandteil der neuen Barkarte verwendet sie mit Kokosnuss fatwashed Ceylon Arrack anstelle von Rum, Bananen-Cordial, Sherry und Pandan. Beide Varianten sind Ausdruck ihrer persönlich favorisierten Trinkphilosophie: leicht, aromatisch, mit fruchtigen, tropischen Noten und exotischen Früchten als Ausgangsbasis für einen Drink

Heimweh in Getränken vermixt

„Die meisten werfen zuerst einen Blick auf die Spirituose als Basis. Ich wähle lieber erst die Ingredienzien aus und baue darauf auf“, schildert sie ihre Herangehensweise. Die Einflüsse ihrer Heimat, deren Lifestyle, Gerichte und warmes Klima, sie manchmal sehr vermisst, versucht sie in ihre Wirkungsstätte einfließen zu lassen, Tiki-Kultur zum Beispiel als hochwertige, aromatische Flavour-Reise darzustellen.

„Mit Tiki assoziiert man Sex on the Beach und billige Cocktails. Eine Piña Colada oder ein Mai Tai werden hier ganz anders begriffen. In Tropic City habe ich gelernt, elegante, komplexe Tiki-Drinks zu kreieren. Wie eine Piña Colada mit frischer Kokosmilch, unvergleichlich. Diesen Ausdruck und Charakter der Drinks versuche ich zu vermitteln. Auf diesen Erfahrungen baue ich auf. Bevor ich eine Frau bin, versuche ich, ich selbst zu sein.“

Credits

Foto: via Sarah Madritsch; Mia Bavandi

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