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Das Savoy Hotel in London schafft seinen Head Bartender ab: ein Paukenschlag ohne Echo?

Es ist ein heiliger Ort der Cocktailkultur und ein Muster an Kontinuität: In seiner knapp 130-jährigen Geschichte hat die American Bar des Savoy Hotels in London nur elf Head Bartender in seinen Diensten gehabt, die bekanntesten davon Harry Craddock und Ada Coleman. Nun soll dieser Posten abgeschafft werden. Maxim Schulte hat seine Stelle bereits verlassen, dem Vernehmen nach soll sie nicht nachbesetzt werden. Eine singuläre Entscheidung oder ein Beispiel mit Symbolcharakter?

Manchester United entlässt den gesamten Trainerstab samt Kader. Den Besitzern des Clubs ist aufgefallen, dass die ja alle ziemlich viel Geld kosten. Und wofür eigentlich? Ein bisschen Ballspielen halt. Das geht bestimmt günstiger, und Regionalliga ist ja auch schön. Wem soll das auch groß auffallen. Eine Wiese, elf gleich angezogene Typen und ein Ball. Da merkt doch eh keiner den Unterschied. Weswegen man sich auch nicht groß die Mühe machen muss, diese Entscheidung nach außen hin zu kommunizieren.

Undenkbar?

Nun, einerseits schon. Andererseits passiert so etwas Ähnliches gerade in der American Bar des Savoy Hotel in London. Declan McGurk verlässt nach sieben Jahren als Bar Manager das Haus, ebenso wie Maxim Schulte, der erst 2018 zum Head Bartender ernannt wurde. Das sind personelle Veränderungen jenseits einer gewöhnlichen Rotation, und sie erfolgen mit einer beunruhigenden Beiläufigkeit.

Die American Bar im Savoy ist ein Hort der Cocktailkultur
Verzichtet das Savoy Hotel in Zukunft auf bekannte Bar-Qualität?

Was passiert im Savoy Hotel?

Die öffentlichen Statements beider sind so freundlich wie knapp und legen nahe, dass da kein sonderlich langer Weg der Entscheidungsfindung zugrunde lag. McGurk betont im Drinks International, völlig im Reinen mit sich und den Entscheidungen zu sein, die sich aus der momentanen Situation gezwungenermaßen ergäben. Maxim Schulte bedauert bei der Bekanntgabe seines Abschieds auf Instagram vor allem, unvollendet auf seinem Weg geblieben zu sein – nach nur zwei Jahren auf dieser Position ein nachvollziehbarer Gedanke.

Ein Statement des Savoy selbst ist nicht vorhanden. (Ironischerweise stammt die letzte Pressemitteilung vom 18. Februar und verkündet die Karte der American Bar per 31. März. Deren Name: The Savoy Intermission. Ironischer geht es wohl kaum.) Nachfragen bleiben unbeantwortet. Und das ist, gelinde gesagt, respektlos. Nicht gegenüber einem Journalisten aus Deutschland – wohl aber gegenüber den Angestellten, die ausnahmslos in ihrem Arbeitsplatz mehr als einen bloßen Broterwerb gesehen haben. Aber vielleicht hat man ja auch das Pressebüro aufgelöst, und der letzte Öffentlichkeitsarbeiter ist der Azubi, der hübsche Bilder von Luxussuiten auf Facebook stellt.

Gut, zugestanden: Diese Krise ist massiv, und ein Koloss wie das Savoy ist eben nicht nur reich und prächtig, sondern auch mit astronomischen Kosten behaftet. Und London mit seiner einzigartigen und vielfältigen Barkultur ist mit einer Lockdown-Lockerung nur bedingt geholfen – eine derartige Dichte von absoluten Top-Bars lebt nicht von den durstigen Engländern. Nicht einmal die Pubs der Metropole leben nur von durstigen Engländern. Gerade das so hochklassige wie hochpreisige London ist auf den ständigen Zustrom von Besuchern angewiesen, und der nahezu vollständige Wegfall von durchschnittlich etwa 20 Millionen Touristen jährlich ist natürlich nicht zu kompensieren. Bei 267 Zimmern im oberen Preissegment bräuchte es auch im Savoy schon weit mehr als nur einen Udo Lindenberg, um einen sinnvollen Betrieb zu rechtfertigen. Dementsprechend hat das gesamte Hotel seit dem 23. März geschlossen. Nachvollziehbar.

Rabiates Vorgehen statt kreativer Resilienz

Die Besitzer des Savoy ist die Gruppe Fairmont Hotels & Resorts mit Sitz in Kanada, weltweit betreibt diese Gesellschaft 76 Luxusherbergen. Es ist nicht anzunehmen, dass sich irgendwo auf dem Planeten die Situation für die Firma auch nur annähernd rosig darstellt. So ist das nun mal zur Zeit.

Aber während weltweit Bars und Hotels mit den verschiedensten Konzepten, einer erstaunlichen Resilienz und einem bewundernswerten Erfindungsreichtum gegen das Desaster ankämpfen, wirkt das Vorgehen in London recht rabiat. Und schnellschüssig. Und mit Konsequenzen, die einen massiven Paradigmenwechsel in einer Form bedeuten, die irgendwie nahelegen, dass die Verantwortlichen die Möglichkeit einer wie auch immer gearteten Zukunft als abwegig betrachten.

Aber der Reihe nach: Von den Betroffenen selbst ist außerhalb der bereits erwähnten, kargen Äußerungen kein Wort zu vernehmen. Man schweigt. Aus Anstand. Und weil natürlich heutzutage schon jeder angehende Brezensalzer eine Verschwiegenheitsklausel im Vertrag stehen hat. Nun ist die Londoner Bar-Community aber recht gut vernetzt, und so kann es sein, dass jemand von jemandem was gehört hat, und vielleicht war da auch noch die Cousine vom Friseur des Elektrikers anwesend, und schon sind Gerüchte in der Welt… haltlose Gerüchte, selbstredend. Aber was soll man machen, wenn das Präsidium schweigt?

Also: Den besagten, völlig unzuverlässigen Quellen zufolge sind nicht nur McGurk und Schulte weg, sondern: alle. Der gesamten Belegschaft wurde gekündigt, wenn auch mit der Möglichkeit, sich erneut zu bewerben. Für weniger Geld. Für eine etwas andere Stellung, weil das englische Recht ansonsten keine Lohnminderung zulässt. Die Bewerbungen laufen; ob man genommen wird oder nicht, wird erst in einigen Wochen mitgeteilt werden. Weder fein noch englisch, auch angesichts des Umstandes, dass in der American Bar von jeher das Prestige des Arbeitsplatzes als Rechtfertigung für eine schlechtere Bezahlung herhalten musste und dementsprechend viele Mitarbeiter sich tief mit dem Ort verbunden fühlen. Wegen des Geldes ist keiner da.

American Bar at the Savoy

100 Strand
WC2R 0EU London

Mo - Sa 11:30 - 24 Uhr, So 12 - 24 Uhr

Wiedereröffnung ohne American Bar

Die für Herbst geplante Wiedereröffnung des Savoy wird vorerst ohne American Bar und Beaufort Bar erfolgen, deren Betrieb dann einen Monat später aufgenommen werden soll. Mit einem absoluten Rumpfteam; angeblich sollen nur etwa 15 Prozent der ursprünglich weit über 500 Mitarbeiter des Hotels den Neuanfang stemmen müssen.

Gut, wenn keine Gäste da sind, braucht man auch weniger Personal. Und weniger Bartender. Was aber vielmehr verstört, ist eher die langfristige Ausrichtung der Bars. Mit Maxim Schulte verließ der elfte Head Bartender der American Bar des Savoy seine Stellung. Elf Head Bartender in knapp 130 Jahren, das ist nicht so besonders viel. Die katholische Kirche verschliss im gleichen Zeitraum auch nicht mehr Päpste.

Und nun? Einen neuen soll es nicht geben. Gar nicht mehr. Und das ist nun schon ein Paukenschlag; zumindest sollte es einer sein. Wenn nur nicht alle so leise wären. Ein ohrenbetäubendes Schweigen in der Stadt. Harry Craddock, Ada Coleman, Erik Lorincz. Maxim Schulte. Und Feierabend. An sich hat es ja schon was, eine derart elitäre Reihe ein für alle Mal abzuschließen, aber auf diese Form von Ruhm hätte Schulte vermutlich gerne verzichtet.

Abwertung der American Bar wird in Kauf genommen

Der Umstand, dass diese Veränderungen wohl auf Dauer angelegt sind, lässt im Grunde nur den Schluss zu, dass eine Abwertung der American Bar in Kauf genommen wird – womit man seitens Fairmont die eigenen geschäftlichen Entscheidungen konterkariert: Rund um die Welt wurden in den letzten zehn Jahren Luxushotels durch die zugehörigen Bars aufgewertet. Kein Hotel mit einem gewissen Anspruch kann es sich noch erlauben, seinen Gästen eine auch nur mittelmäßige Alkohol-Abfüllstation anzubieten. Im Gegenteil: Hotelbars brillieren und florieren von Singapur über Barcelona bis New York.

Auch im Savoy sah man darin kein überholtes Relikt der Vergangenheit, sondern ein Zukunftsmodell, sonst hätte man seiner Bar-Ikone nach der großen Renovierung vor zehn Jahren nicht noch mit der Beaufort Bar ein opulentes Geschwisterchen beigesellt. Dessen Head Bartender Elon Soddu bleibt dem Unternehmen zwar erhalten, aber die genaue Position ist noch unklar. Zumindest den Außenstehenden.

Dem Vernehmen nach soll in Zukunft eine einzige Person für die mixologischen Konzepte beider Bars zuständig sein. Das kann schon funktionieren. Es gibt aber auch gute Argumente, so etwas für eine ausgesprochen blöde Idee zu halten. Zwei Top-Bars im selben Hotel, nur ein paar Schritte voneinander entfernt, leben von ihrer Profilschärfe, und selbige kam bislang von den besonderen Persönlichkeiten, die jeweils dafür verantwortlich waren. Schwer vorstellbar, dass auf diesem Niveau eine Person für beide Bars zuständig sein kann. Es sei denn, man verabschiedet sich von diesem Niveau.

Die Beaufort Bar steht der American Bar in Eleganz um nichts nach
Die Beaufort Bar wurde vor rund zehn Jahren neu etabliert

Profanierung eines Heiligtums

Es ist natürlich wahr: was da gerade geschieht, passiert in vielen Hotelbars, und im Rahmen des allgemeinen Siechtums dieser Tage wird kaum ein Wort darüber verloren. Beim Savoy wird halt darüber geredet, weil es das Savoy ist.

Freilich.

Es stellt sich die Frage, ob denn die Betreiber des Savoy nicht wissen, dass es das Savoy ist. Bei einem kürzlichen Wechsel im Management scheint ein Grundverständnis für die Historizität der betreffenden Räumlichkeiten aus der Führungsebene verschwunden zu sein. Wenige Orte weltweit sind auch nur annähernd so bedeutend für die Geschichte des Cocktails wie die American Bar des Savoy. Das von Harry Craddock 1930 veröffentlichte The Savoy Cocktail Book setzte Maßstäbe, nicht nur den Inhalt betreffend, sondern auch die Form. Wenn dieses Buch die Bibel ist, dann ist die American Bar der Tempel. Die momentanen Vorgänge deuten nicht darauf hin, dass das den Verantwortlichen bewusst ist. Es geht um nichts weniger als die Profanierung eines Heiligtums.

Es wirkt ein wenig so, als wollte man die momentane Krise nutzen, um da mal gründlich mit dem Stahlbesen durchzukehren und ein paar Altlasten en passant mit loszuwerden. Um dann, nach dem Durchschreiten der Talsohle, mit einem finanziell (und qualitativ) abgespeckten Rumpfprogramm weitermachen zu können. Sehr zweifelhaft, ob das Klientel des Savoy – nicht selten von krisenunabhängigem Reichtum – einen Luxus light im Angebot akzeptieren wird.

Immer nie wie früher

Ob das nun eine fatale Folge des anglikanischen Sonderwegs ist? Dabei hätte man von den Katholiken doch auch mal was lernen können, von wegen nicht immer gleich den Papst abschaffen. Man kann ja in Krisenzeiten auch vom apostolischen Palast ins Gästehaus ziehen und öfter mal mit dem alten Renault fahren. Und irgendwann, wenn sich der Sturm gelegt hat, dann holt man den guten Messwein wieder aus dem Tabernakel. Und alles ist zwar anders, aber dann doch wieder so wie früher.

Credits

Foto: The Savoy Hotel

Comments (1)

  • Peter Schütte

    Für mich wird hier das Ende der traditionellen Barkultur eingeläutet. Und ja, mit kaum hörbaren kleinen Glöckchen. Wir als „Community“ haben immer noch keine hörbare und einheitliche Stimme.
    Sehr, sehr schade.

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