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Wenn’s mal wieder schnell gehen muss: Shots

Mit Shots schließt man Freundschaften. Oder man macht sich erbitterte Feinde. Stehen die kleinen Schnäpse der ernsthaften Genusskultur entgegen? Das scheint oft der Fall, besonders in Shot Bars. Doch es geht auch anders: Gabriel Daun mit einigen Gedanken dazu, wie auch der Kurze zum durchdachten Labsal wird.

Sie gehören dazu. Auch wenn sie häufig wenig elegant sind. Eher solide Beschleuniger, Party-Katalysatoren, Schrittmacher. In der klassischen Bar sogar ein wenig verpönt, in der Disco ein Schnelldreher. In den meisten Bars zwar erhältlich, selten jedoch auf der Karte gelistet. Das Stiefkind, aber irgendwie auch der Rockstar: Der Shot.

Man könnte meinen, der Genuss und die Wirkung bei dieser Form des Alkoholkonsums stünden in keinem angemessenen Verhältnis. Andererseits kann gerade das gemeinsame Trinken eines „Kurzen“ als sozialer Akt bezeichnet werden — man trinkt ihn nie allein.
Fest steht: Er hat einen festen Platz in den meisten Bars. Egal ob 20 oder 40 Milliliter. Und das nicht ohne Grund.

Das Für und Wider

Aus Bartender-Perspektive hat der Shot einen nicht von der Hand zu weisenden Vorteil: er lässt sich schnell zubereiten. Gerade an den hektischen Wochenendschichten, in denen mehr als genug zu tun ist, freut sich der Bartender über Gästegruppen, die nicht neun unterschiedliche komplizierte Drinks ordern, sondern sich mit Bier und der einen oder anderen gelegentlichen Runde Shots begnügen. Eben diese Gruppen erlauben es uns, trotz einer vollen Bar noch auf die Wünsche jener Gäste eingehen zu können, die eben doch für zeitaufwändigere Getränke den Weg in die Bar gefunden haben.

Für durchaus fragwürdig halte ich jedoch Bars, die sich als „Shot-Bar“ definieren und vornehmlich diese Art der Getränke servieren — ein Konzept, in dem Ärger doch vorprogrammiert zu sein scheint! Meiner Erfahrung nach sind jene Gäste, die exzessiv einer Shot-Runde nach der anderen frönen, meistens identisch mit denen, die nicht nur sich selbst am darauffolgenden Tag sondern auch dem Bartender bereits im Laufe des Abends irgendwann Kopfschmerzen bereiten. Der Grund liegt auf der Hand: Zu leicht verliert man den Überblick, den wievielten Shot man denn da gerade eigentlich trinkt. Und ob man den nächsten wirklich noch trinken sollte. An dieser Stelle ist der Bartender gefragt, der dem Treiben dann hoffentlich rechtzeitig Einhalt gebietet.

Stil oder Suff? Die Kombination machts!

Ein Shot soll ein unkompliziertes Getränk sein. Was aber nicht heißen muss, dass man über das Servieren desselben nicht einmal länger nachdenken kann. Eine besondere, bemerkenswerte Kategorie ist für mich jene, bei der zu einem Destillat ein „Chaser“, also ein alkoholfreies oder schwach alkoholisches Getränk, à part gereicht wird.
Ein gutes Beispiel hierfür ist das in der Berliner Victoria Bar ersonnene Hildegard Knef-Gedächtnis-Gedeck. Es besteht aus einem eiskalten Vodka und einerebenso kleinen Einheit eisgekühlten Champagners, der separat dazu serviert wird. Diese Kombination macht daraus ein Erlebnis, da der Konsum einer „Hilde“ einem Ritual unterliegt.

Ähnliche Erfahrungen habe ich mit hausgemachter Sangrita gemacht, welche wir bei uns in der Bar — anstelle des Salz-Zitronen-Schreckens — zu jedem Mezcal und Tequila reichen. Auch der „Pickleback“, der sich aus einem Whiskey und pickle brine (der Lake, in welcher Essiggurken eingelegt wurden) zusammensetzt, folgt dieser Idee.

Das zum eigentlichen Shot gereichte zweite Glas macht das erste angenehmer, da der Chaser, der direkt im Anschluss an das Destillat getrunken wird, die Wucht des ersten Glases etwas relativiert.

Außerdem wirkt das Servieren jeweils zweier Gläser pro Gast auf viele durchaus großzügig — ein nicht zu unterschätzender psychologischer Faktor. Die häufig nötige kurze Erklärung dazu schürt zusätzlich die Kommunikation und sorgt für Gesprächsstoff.

Weniger Volumenprozente

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, kleine Miniaturen der in der Bar angebotenen Drinks zu servieren. Dies hat vor allem zwei Vorteile: zum einen besteht so die Möglichkeit, dem Gast eine Idee des von ihm eventuell noch nicht erschlossenen Angebots der Bar zu geben, zum anderen stößt diese im Allgemeinen etwas mildere Form des Shots verglichen mit einem puren Destillat häufig vor allem bei Damen auf positive Resonanz. Denn während die Herren der Schöpfung des Öfteren dazu neigen, kein Ende finden zu wollen, legt die weibliche Begleitung — auch wenn das etwas klischeehaft klingen mag — meistens etwas mehr Vernunft an den Tag. Schon oft wurde mir von ihnen ein „Danke!“ zugeflüstert, wenn ein geschmeidiger, auf Vermouth oder Sherry basierender kleiner Absacker oder ein mit Tee verlängerter Punch in einem winzigen Glas als Dank für den Besuch gegen Ende des Abends von uns serviert wurde. Ein Shot muss nicht zwangsläufig die große Keule sein.

Die Beschleunigung des Feierabends?

Shots gehören manchmal dazu. Solange kein Jahrzehnte lang gereifter Cognac oder Single Malt gedankenverloren hinuntergeschüttet wird oder unsägliche Mixturen wie etwa jene entsetzlichen Erdbeerlimes gereicht werden, kann das alles seine Richtigkeit haben. Spätestens am Ende des Abends, wenn Gäste „noch einen letzen Schnellen“ haben wollen, ist das die für den Bartender, der den Feierabend nach einer langen Schicht herbeisehnt, angenehmste Version – sie wissen schon: wenn’s mal wieder schnell gehen muss.

Credits

Foto: Shot-Bar via Shutterstock

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