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„Es ist zwar ein Dorf, aber sie trinken wie die Großen.“ In der Schwyzerhof Bar in Küssnacht

Über viele Jahre diente das Schwyzerhof Haus im Schweizer Küssnacht als Gasthaus. Jetzt ist es eine Cocktailbar. Mit der „Schwyzerhof Bar“ wagt der gebürtige Dresdener David Gandert den Sprung in die Selbstständigkeit. Für den Betrieb der Cocktailbar im ländlich-alpinen Raum bezieht er das ganze Dorf ein – und diese Liebe beruht auf Gegenseitigkeit wie Mia Bavandi herausgefunden hat.

„Endlich können wir so tun, wie wir wollen, und sind ungebunden. Wenn ich heute Bellini zubereiten will, gehe ich los, hole frische Pfirsiche aus der Bodega und mache Bellini“, sagt David Gandert.

Anfang April dieses Jahres hat der gebürtige Dresdner, der seit fünf Jahren in der Schweiz lebt, seine erste eigene Bar, die Schwyzerhof Bar, im denkmalgeschützten Schwyzerhof Haus eröffnet. Über Jahre befand sich an deren Stelle im Ortsteil Küssnacht der gleichnamigen Gemeinde ein Gasthaus, als letzter Gastronomiebetrieb residierte dort eine Pizzeria. In den vergangenen zwei Jahren wurde der Altbau in zentraler Lage in der Nähe des Vierwaldstättersee-Ufers und am Fuße des Hausberges Rigi kernsaniert, sein Fundament neu gegossen und die Grundstruktur in Holzbau errichtet.

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Schwyzerhof Bar: Das ehemalige Gasthaus erstrahlt im Cocktailbar-Glanz

Das Trio der Schwyzerhof Bar

Der Schwyzerhof befindet sich im Eigentum eines ortsansässigen Bauunternehmens, das mit der Neuverpachtung auch Mehrwert für den Ort schaffen wollte und an den Wahlschweizer Gandert herangetreten ist. „Hätte ich dieses Angebot von der Firma nicht erhalten, hätte ich wahrscheinlich nicht ausgerechnet in Küssnacht nach Inseraten gesucht“, gesteht der Wahlschweizer. Denn auf mannigfaltiges Bargeflüster wird man im Herzen der schweizerischen Alpin-Idylle des Kantons Schwyz eher nicht stoßen. Und selten scheinen Einheimische, Berg- und Wintersportler oder Badegäste des Vierwaldstätter Sees oder des ebenso nahen Zuger Sees dort Großstadtgelüsten hinterher zu jagen. „Voll besetzte ,Ami-Busse‘ und auch Touristenscharen sind mir bis jetzt noch nicht untergekommen“, meint David Gandert.

Doch die Vorstellung von Unterhalt und Miete für den Bar-Betrieb seien realistisch gewesen, das Angebot inklusive Inventar habe einfach rundum gepasst. „Die Einzigartigkeit war verlockend, und mit dem Netzwerk der Firmeneigentümerin im Rücken läuft es. Wir haben ein cooles Publikum. Es ist zwar ein Dorf, aber sie trinken wie die Großen. Das hätte ich mir so niemals gedacht und macht wirklich Spaß“, freut sich der Barbetreiber über die Entscheidung, die er fortan im Trio perfektionieren will.

An seiner Seite stehen seine Partnerin Laura Delgado und Barnabas Kiss aus Ungarn, mit dem Gandert die letzten drei Jahre im Luzerner Art déco Hotel Montana zusammengearbeitet hat. Für diese Stelle, wo er zuletzt als stellv. Barchef agierte, war der in Dresden ausgebildete Restaurantfachmann nach Stationen im Frenchman’s Creek Beach & Country Club in Florida oder dem Hotel Montana Oberlech von Patrick Ortlieb im tirolerischen Lech am Arlberg erst ins schweizerische Luzern gezogen.

„Wir stehen zu hundert Prozent und mit Herz und Seele in unserer Bar und sind drei coole, unterschiedliche Charaktere. Ich bin der Tüftler, Laura wirkt als Gastgeberin, und Barnabas ist unser Charmeprinz. Eine super Kombination“, schwört Gandert auf gegenseitiges Vertrauen und die Stütze eines auch geschlechtergemischten Teams.

Schwyzerhof Bar

Bahnhofstrasse 27
6403 Schweiz

Die Nachfrage von Anfang an hoch

Mit der Schwyzerhof Bar erfüllt sich der Wahlschweizer seinen Wunsch nach der angestrebten Selbstständigkeit. Nach einjähriger Vorbereitungszeit, Betriebsgründung und der Anschaffung jeglichen Bar-Zubehörs von Schankanlage bis zum Shaker, will Gandert langsam das nächste Projekt, den Umzug von Luzern in Richtung oder nach Küssnacht, ins Auge fassen.

Mit der Schwyzerhof Bar zieht eine Trinkstätte auf hohem Drink-Niveau ins Ländle und erweitert die in ländlichen Regionen meist spärlich vorhandene Bar- und Cocktailkultur, wie sie in Küssnacht unter anderen durch die Engel Bar des gleichnamigen Restaurants, das Tell‘s Pub und der Cheers Bar eingebürgert ist. In der kleinen Gemeinde scheint man auf Neues gewartet zu haben. „Dieses Gefühl habe ich manchmal, aber vielleicht legt sich das noch“, lacht der Neo-Barbetreiber. Das Interesse und der Zustrom nämlich seien bis jetzt so stark, dass man von anfänglich zwei geplanten Ruhetagen lediglich nur noch einen einlegen will. „Wir müssen jetzt schon eine neue Barkarte kreieren. Unsere Gäste haben fast alles durchprobiert und fragen bereits nach neuen Kreationen und Signature Drinks. Wir haben ein hohes Level an den Start gebracht, mussten uns erst beweisen, einfuchsen und Wurzeln schlagen. Nun wollen wir dieses Level halten.“

Das Trio vom Schwyzerhof: David Gandert, Laura Delgado und Barnabas Kiss (v.l.n.r.)

Schwyzerhof Bar: auch regional, klar.

Neben Negroni- und Martini-Varianten, alkoholfreien Drinks und Spritz-Getränken, einigen Gin & Tonics, Wein sowie Bier sind es vor allem Signature Cocktails, die das Publikumsinteresse der Nachbarschaftsbar wecken. „Unsere Drinks entstehen nicht im Labor oder sind ultrakomplex, aber man kann auch nicht über-crazy beginnen. Viele Menschen sind schon an der Grenze, wenn sie eine Barkarte lesen, kennen meist Gin & Tonic oder Piña Colada. Gerade hier muss man sie an Barkultur heranführen, Kostproben reichen und vieles wie zum Beispiel Milk Punches erklären. Nimmt man sich diese Zeit, werden Menschen neugierig und sind positiv überrascht. Das macht Spaß und bereitet einem selbst viel Freude“, so Gandert.

Freude bereitet ihm und dem Schwyzerhof-Trio auch, schon bald mit saisonalen Früchten arbeiten zu können. Noch spreche die Wetterlage nicht dafür, aber wenn die Bauern frische Erdbeeren, Kirschen und anderes Obst geerntet haben werden, werde man aktiv. Unter den Gins, die zu einer halben Hundertschaft durch den Schwyzerhof geistern, befinden sich einige regionale Kategorie-Vertreter. Auch viele Fruchtbrände, die in der Sommerkarte große Repräsentanz finden sollen wie Williams, Kirsch oder Aprikose, schöpft man gerne aus regionaler Quelle. „Wenn es Sinn macht und möglich ist, arbeiten wir gerne mit regionalen Produkten. Wenn man das Produkt kennt, lässt es sich auch gut verkaufen“, meint Gandert.

Mit Drinks wie Espresso Martini an Barkultur heranführen
Der Rum- und Whiskyfreund David Gandert hat in Küssnacht gut lachen

Das Dorf wird mit einbezogen

Seine Leidenschaft für Rum und Whisky will Gandert den Gästen in seiner Bar mit bis zu 40 Plätzen im Inneren und rund 35 Terrassenplätzen nicht vorenthalten. Eine relativ große Auswahl ziert daher das dem Tresen überlagerte, dicht besiedelte Bar-Regal. Darunter befinden sich fast 90 Single Malt Scotches, Blended Scotches, Bourbons wie auch Schweizer Whisky-Qualitäten. Rund 50 verschiedene Rums erweitern die Möglichkeit des hochprozentigen Trinkgenusses. In den Sommermonaten soll ein kleiner Humidor für den Zigarrengenuss auf der Terrasse eintreffen.

Für das Bar-Food mit Plättlis oder tagesabhängigen und spontanen Gerichten wird gleich „das ganze Dorf miteinbezogen“. Wurst und Fleisch stammen von der Metzgerei in der Nachbarschaft, das Brot von der Bäckerei nebenan, der Käse von regional ansässigen Sennereien, und die Nüsse für die Nussmischung werden im Tessin gekauft.

Das nur am Rande – für die Nüsse pilgert in Küssnacht schließlich sicher niemand in die Schwyzerhof Bar …

Credits

Foto: MelpicPhotography; Bild Espresso Martini: Joey Timmann Media

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