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Sembo Amirpour über den Neuanfang nach Corona: „Die Bar wird digitaler werden.“

Sembo Amirpour setzt in seinem The Old Jacob in Bonn komplett auf eine digitale Karte. Mit dieser Vorgehensweise ist er nicht alleine, aber er möchte das Rad in der Interaktion mit dem Gast aber noch ein Sütck weiter drehen. Über einen Barbetreiber, dem die Corona-Zwangspause gut getan hat.

Der Moment, an dem ich die ersten Worte mit Sembo Amirpour gewechselt habe, hätte unglücklicher kaum sein können. Es war am 26. September letzten Jahres zum Finale der Diageo World Class in Glasgow. Vor wenigen Minuten waren die acht Finalisten bekannt gegeben worden. Die spätere Gewinnerin, Banny Kang, stand auf der breiten Bühne und performte unter Gejohle, Moderatorengeschrei und Technogewumme einer vollen Halle.

Im hinteren Bereich saß Soroush „Sembo“ Amirpour, nun ausgeschiedener deutscher Vertreter, vor einem Rum Manhattan. Oder vielleicht tat ich das, und er trank Wasser. Ich weiß es nicht mehr. Aber eines war augenscheinlich: Nach tagelangen Challenges, Zwischenprüfungen und Dauerbeschallung, war die Luft raus. Hier saß ein enttäuschter Mann. Ein ausgepowerter Mann. Einer, der weg wollte. Und das letzte, was er wollte, war sprechen.

Runter vom Gaspedal

Dieser Augenblick ist nun fast ein Jahr her. Ein Jahr, das seit März völlig über den Haufen geworfen ist, vieles auf diesem Planeten für verrückt erklärt hat, sich das Zeitgefühl der Erdbevölkerung einverleibt hat; das Jahr von Corona, das erstaunliche Zweckgemeinschaften gegründet und überraschende Gräben aufgerissen hat, ein Jahr wie aus dem Bilderbuch für Bevormundungsparanoiker und Berufsverschwörer. Vor allem aber ein Jahr, das für die meisten Gastronomen die Hölle war – und nach wie vor ist.

Und hier steht Sembo Amirpour an einem sonnigen Tag vor seinem The Old Jacob in Bonn und sagt: „In gewisser Weise war es das beste, was mir passieren konnte. Ich musste vom Gaspedal runter, es gab keine andere Möglichkeit. Mein Jahr 2019/2020 war sehr intensiv. Ich hatte die Trennung von meiner Frau – zwar friedlich, aber dennoch. Dann die Strapazen, die es mit sich bringt, nationaler World Class Gewinner zu sein, und natürlich den Betrieb einer Bar. Am Ende habe ich festgestellt, dass ich zu meinen Schichten auch Alkohol getrunken habe. Das hatte ich zuvor nie. Wer weiß, vielleicht wäre ich abgedriftet, wenn es nicht so gekommen wäre.“

Zwischen Umbruch und Umbau

Nun schreiben wir also August 2020, beinahe ein Jahr nach dem Showdown in Glasgow. Corona war für die meisten ein brutaler Bremsblock, für Sembo Amirpour war es in gewisser Weise ein sinnvolles Tempolimit. Weswegen hier nicht ein gehetzter Pilot mit durchgetretenem Gaspedal sitzt. Sondern ein Cruiser, der über die Zukunft der Bar spricht.

Oder zumindest seiner Bar.

Und die ist, da ist er überzeugt, digital. „Ich habe verstanden, dass ich die Situation als Neufindungsphase für mich als Gastronom begreifen muss. Was kann ich mitnehmen? Als erstes: Unsere neue Karte ist komplett digital. Das wird auch nach Corona so bleiben“, so der gelernte Graphiker. „Ohne Corona hätte ich wahrscheinlich noch fünf Jahre an einer Print-Karte festgehalten. Ich liebe ja auch Papier und die Haptik davon. Aber eine digitale Karte bietet viel mehr Möglichkeiten.“

Natürlich sind viele Bars durch Corona-Auflagen und Kontaktvermeidung notgedrungen auf digitale Karte und QR-Codes umgestiegen. Sembo Amirpour möchte in seinem The Old Jacob das ganze aber ein Stück weiter drehen. Die neue Karte soll eine Art Interaktionsplattform mit dem Gast werden. „Mit Hyperlinks, die auch in die Geschichte von Drinks und Spirituosen weiterführen, wozu wir eine Datenbank anlegen. Wir spielen es auch auf eine Weise über Instagram, wie ich es so noch nicht gesehen habe. Unsere neue Karte hat beispielsweise den Schwerpunkt Beethoven, da in diesem Jahr in ganz Bonn die Feierlichkeiten zu seinem 250sten Geburtstag gewesen wären. Für unsere sechs Signature Drinks machen wir dazu kurze Instagram-Videos, die mit seiner Musik unterlegt sind, die uns zum Drink inspiriert haben“, so Sembo Amirpour. „Als Gast kann man sich das sofort oder auch später zu Hause zu Gemüte führen.“

Lillifee Cocktail

Lillifee

Zutaten

5 cl Lillet Blanc
2 cl Italicus
0,5 cl Suze
0,5 cl Zucker (1,75 : 1)
2 cl Zitronenwasser
4 cl Soda

Digitale Karte auch wirtschaftlich sinnvoller

Neben der digitalen Kreativität hat die neue Digitalität des The Old Jacob aber einfach auch sehr profane, ökonomische Gründe: Zum einen ist ein über QR-Code abrufbares PDF kostengünstiger zu gestalten. Wenn man beispielsweise die Preise der Drinks verändert, muss man nicht die ganze Barkarte neu drucken – und erspart sich erhebliche Druckkosten.

Den größten Vorteil sieht Sembo Amirpour aber in der raschen Reaktionszeit: „Wir können viel schneller auf Strömungen reagieren, Drinks innerhalb von einem Tag auf die Karte setzen. Man hat da wirklich unbegrenzte Möglichkeiten. Morgen mal einen Flight mit Mezcal, Gin und Whiskey? Das kostet mich zehn Minuten Arbeit“, so Sembo Amirpour, der den Einwand, dass er als gelernter Graphiker vielleicht einen nicht unerheblichen Kostenpunkt einspart, nicht gelten lassen will. „Jede Bar hat heute bereits einen Graphiker, oder hat einen als Stammgast. Coole Bars ziehen coole Leute an, so einfach ist das. Wenn ich es nicht selbst machen würde, kenne ich zehn meiner Gäste, die ich fragen könnte. Da findet sich eine Lösung.“

The Law of Attraction

Mit diesen Worten serviert er einen Lillifee, einen Aperitifdrink von der neuen Karte, mit Lillet Blanc, Italicus, Suze, Zitronenwasser und Soda. Der Drink bringt auch auf den Punkt, worum es ihm in seiner Bar geht: „Gute Qualität, einfach gemacht. Der Lillifee hat alles, was ein guter Drink braucht: Körper, Textur, Raffinesse. Er riecht wie ein Tag im Spa, ist Low-ABV, hat dabei aber extrem viel Geschmack. Der Drink läuft auch hervorragend, und jeder kann ihn nachmachen.“

Es tut gut, jemanden wie Sembo Amirpour sprechen zu hören; ein Gastronom, der nicht vom Untergang der Barkultur spricht, nicht von den dunklen Monaten, die der Szene in den Wintermonaten noch bevorstehen mögen. Vielleicht mag Zweckpessimismus dabei sein, vielleicht ist es aber auch einfach seine Einstellung: „Ich halte mich an das Law of Attraction, das Gesetz der Anziehung – wenn du Schlechtes denkst, passiert es dir auch. Und umgekehrt“, so der Hobbymusiker. „Es ist eine spezielle Situation, keine Frage, aber vielen Branchen geht es noch schlechter. Wir haben in der Barszene grundsätzlich ganz gute Margen, das darf man nicht vergessen. Man kann manche Theorie der Regierung in Frage stellen. Aber ich glaube, die Politik hat andere Probleme, als uns Nachtgastronomen das Leben zur Hölle zu machen. Ich habe in dieser Zeit keine wilden Theorien aufgestellt. Ich bin eigentlich ganz stolz auf mich.“

Sagt er, und grinst breit und schelmisch. Es ist jetzt beinahe ein Jahr seit dem Finale der World Class vergangen. Es steht ihm gut zu Gesicht.

Credits

Foto: Nadine Kuhn

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