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Sembo Amirpour World Class

Quereinsteiger mit gerader Linie: Sembo Amirpour

»Wir müssen uns doch einfach fragen: Warum machen wir Drinks? Um einen schönen Abend noch schöner zu machen. Nicht komplizierter.«

— Sembo Amirpour

Erst kürzlich zum deutschen World Class Bartender of the Year erkoren, nimmt uns Sembo Amirpour zurück in seine Vergangenheit. Mit MIXOLOGY spricht er über seine Anfänge, Karrieremodelle und die gesunde Life-Balance. Ein Porträt eines Quereinsteigers – und Querdenkers.

Auf zwei Hochzeiten tanzen ist nicht Sembo Amirpours Ding. Wenn er eine Sache angeht, dann verschreibt er sich ihr voll und ganz. „Keine halben Sachen“, so könnte wohl das unausgesprochene, doch selbstauferlegte Credo des 32-jährigen Bartenders aus Bonn lauten.

Sembo Amirpour wollte mal kurz nach L.A.

Doch so war es nicht immer. Er, dem seine Lehrer in der 12. Klasse nahelegten, die Schulform zu wechseln und die „kreative Schiene“ einzuschlagen, war schon im jungen Alter umtriebig. Während seines letzten Schuljahres arbeitete Amirpour bereits selbstständig als Graphiker, übernahm früh Verantwortung, arbeitete in einem Modelabel und wollte eigentlich nur zu seinem Cousin nach L.A.

Es kam anders. „Der erste Kontakt zur Gastronomie fand erst 2008 statt. Für ein Restaurantkonzept sollte ich die Website machen und war recht dicke mit den Besitzern. Eines Tages rief mich der Chef an, meinte, sie hätten Not in der Küche, und fragte mich, ob ich spülen helfen könnte. Ich bin hin, rein und habe Küchen-Business kennengelernt, gespült, bin erst einmal untergegangen und fand es ziemlich geil. Das war meine erste Berührung mit der Materie. Der Koch Alex, ein Russe, meinte so: ‚Ey, Sembo, ich glaub’, aus dir mache ich ’nen bombastischen Koch, im Sommer zeige ich dir ein bisschen was.’ Dann habe ich mir nichts dir nichts ein dreimonatiges Praktikum bei ihm gemacht, wo er mir in Kürze alles beibrachte. Nach den drei Monaten meinte er dann: ‚Ich bin jetzt ein dreiviertel Jahr in Russland, schmeiß bitte Laden!’ Da war ich gerade 23 Jahre alt und hatte die Leitung von einem Restaurant am Hals. Ich hab es gemacht, den kompletten Sommer und Winter, war Koch, musste gestandenen Köchen Ansagen machen. Das war schon krass.“

Angefixt von der Restaurant- und Gastronomiewelt stand Amirpour nun vor der schweren Entscheidung, umzusatteln, zwei Welten gegeneinander einzutauschen. Für ihn war von Anfang an klar: „Wenn ich das alles weitermachen würde, dann müsste ich noch viel tiefer eintauchen in die Materie.“ Ganz oder gar nicht eben. Zunächst entschied er sich jedoch für ein lukratives Angebot aus der Werbebranche. Zunächst.

» Ey, Sembo, ich glaub’, aus dir mache ich ’nen bombastischen Koch «

Die Spinnerei einer fixen Idee

Irgendwann, so beschreibt es Sembo Amirpour heute, gab es dann dieses eine Schlüsselereignis. Zusammen mit Sue Amirpour, der heutigen deutschen Markenbotschafterin für Lillet, war er in Berlin unterwegs. Als völliger Neuling in der Booze Bar lernte er zum ersten Mal Cocktail-Kultur kennen und schätzen. Ich war einfach fasziniert von dieser Welt. Das kannte ich in der Form nicht, es war neu und spannend. Da sagte ich zu Sue: „Wenn wir irgendwann mal eine Bar haben sollten, dann bringe ich diesen New York Sour und den Rhabarber-Vanille Daiquiri auf die Karte.’“

Bereits ein Jahr später sollte es soweit sein.

Das kam jedoch nicht von ungefähr. Sembo Amirpour war ein wenig unzufrieden mit seiner Stadt. „Damals ging es in Bonn irgendwie nicht vorwärts. Dabei ist die Kundschaft ja dort. DHL-Standort, UN-Ableger, große Unternehmen, alteingesessene, gutbetuchte Klientel. Bartechnisch war es aber mau. Sue und ich wollten eine Bar kreieren, in der wir uns selbst wohlfühlen würden, in die wir auch selbst gerne gehen wollten.“

» Wenn wir irgendwann mal eine Bar haben sollten, dann bringe ich diesen New York Sour und den Rhabarber-Vanille Daiquiri auf die Karte. «

Sembo Amirpour geht in autodidaktischer Manier vor

In autodidaktischer Manier lernte sich Amirpour alles selbst an. „Ich fing an zu lesen und bestellte massenweise Bücher, schaute Videos, beschäftigte mich Tag und Nacht mit der Materie. Zunächst kochte ich dann immer Sirups und machte Drinks für ein paar Freunde am Wochenende und stellte fest: ‚Da geht ja was’.“

Bereits im ersten Jahr nach der Bareröffnung wurde The Old Jacob, so der Name ihrer Bar, bei den MIXOLOGY Bar Awards unter die 10 besten Neueröffnungen gewählt. Ein Ritterschlag, so Sembo Amirpour heute. Bereits kurze Zeit später eröffnete das Team mit Jacob’s Playground einen Ableger, der von Sue Amirpour geführt wurde und sich vermehrt experimentelleren Drinks widmete. Was andere da vielleicht als größenwahnsinnig betrachteten, das war im schlimmsten Falle allein Sembo Amirpours Übereifer zu verdanken.

Herz schlägt Kopf

Was den Bonner Bartender nämlich auszeichnet, ist die unbändige Leidenschaft. Der Wille, immer über 100 Prozent zu geben, und sich gleichzeitig professionell in den Hintergrund zu stellen.

„Ich habe den Vorteil, dass ich aus einer anderen Branche komme, Quereinsteiger bin. In der Medienbranche, da arbeitest du Zielgruppenorientiert, hast dementsprechend ein Ziel vor Augen. Die Kunst, im Gegensatz, die steht für sich selbst. Sie ist das Schönste, aber gleichzeitig auch das Arroganteste, was der Mensch je geschaffen hat. Der Unterschied zwischen Design und Kunst ist eigentlich einfach definiert. Design ist, wenn Funktionalität auf Ästhetik trifft. Der Kunst fehlt die Funktionalität als solche.“ Ein kleiner Ansatzpunkt, das Handwerk der Bar eben nicht leichtfertig als Kunst zu bezeichnen.

Crowdpleaser schlagen Mixologen-Drinks

Sembo Amirpour schätze es daher viel mehr, wenn er Drinks auf der Karte habe, die zwar per se nicht als Mixologen-Drinks glitzern, dafür aber 90 Prozent der Kundschaft abholen und an die Materie heranführen. „Erst wollte ich durchaus auch immer krassere Drinks zaubern, dann habe ich jedoch einfach mal eine Auswertung gemacht und betrachtet, wie welcher Drink so läuft. Da waren die Crowdpleaser immer ganz oben und die Mixologen-Drinks weit abgeschlagen.“ Es ginge daher viel eher darum, sich zurückzunehmen als Bartender. Nicht von sich auf andere zu schließen und deine Drinks selbst am liebsten zu trinken.

„Wir müssen uns doch einfach fragen: Warum machen wir Drinks? Um einen schönen Abend noch schöner zu machen. Nicht komplizierter. Wir vergessen manchmal, dass die Gäste auch ein stressiges Leben haben, einen Beruf, der sie fordert. Da möchten sie nicht in der Bar noch etwas vorgesetzt bekommen, was sie nicht verstehen, was sie zusätzlich stresst“, so Amirpour.

» Wenn ich irgendwann meine Ziele erreicht habe, dann stecke ich mir neue Ziele, so bin ich einfach, da kenn ich mich selbst zu gut. «

Höher, schneller; weiter?

Dass Sembo Amirpour rastlos ist, daraus macht er keinen Hehl. „Ich stecke immer unglaublich viel Energie in Sachen. Ob das immer so gut ist, weiß ich nicht. Ob du mich im Jacob begraben wirst? Ich glaube nicht. Momentan bin ich sehr zufrieden, aber wenn ich irgendwann meine Ziele erreicht habe, dann stecke ich mir neue Ziele, so bin ich einfach, da kenn ich mich selbst zu gut.“

Durch sein Vorleben außerhalb der Branche habe er einen anderen Blickwinkel auf Dinge. Als geselliger Mensch vermisse er Geburtstagsfeiern und Abende mit Freunden sehr und nehme sich manchmal den Luxus raus, auch einen Abend nicht am Brett zu stehen.

„Man darf Dinge, die einem wichtig sind, nicht aufgeben. Uns allen wird immer eingeimpft, funktionieren zu müssen. Ja, du solltest, aber du musst nicht funktionieren. Du musst in allererster Linie leben. Viele Kollegen versuchen dann, nach der Schicht ihr soziales Leben durch ein paar Feierabenddrinks noch zu kompensieren. Aber das ist nicht der Ansatz. Du musst deine Life-Balance anders regeln, sonst verfällst du in eine Abhängigkeit. Ich mache viel Sport und achte enorm auf meine Ernährung. Alle sind immer am meckern, dass der Körper nicht mehr funktioniert, man mental ausgelaugt sei. Aber am Ende liegt deine Glückseligkeit nicht in den Händen anderer – sondern in deinen eigenen.“

Sembo Amirpour und die Diageo World Class

Mit dem gleichen Mantra bereite er sich auch auf Competitions vor. Da reiche es einfach nicht, ein ganz gutes Konzept zu haben, wenn das Gehirn auf Reserve läuft. „Wenn du so eine Competition gewinnen willst, dann musst du auch mental am Start sein“, so der verantwortungsbewusste Bartender, der bereits Competitions von Jameson, Copperhead und nun schließlich die deutsche Diageo World Class gewinnen konnte.

Wo er in ein paar Jahren steht, das wisse Amirpour nicht. Zu unstet sei er da, zu viele Ideen habe er. Diese Ideen, so sagt er abschließend so schön, können sein Verhängnis oder aber auch seine große Chance sein. Bis jetzt zeigt der Bonner Bartender als einer der besten in Deutschland, wie Ideen-reichtum gepaart mit Passion und einer anderen Perspektive als Symbiose bestmöglich und effizient wirken können. Ehrlich. Authentisch. Und zielgruppenorientiert.

Credits

Foto: ©offenblende.de

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