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Fakten über Slivovitz

Slivovitz hat nicht den besten Ruf, langsam aber sicher erarbeitet sich der Zwetschgenbrand seinen festen Platz im Rückbüffet. Ein intensiver Blick auf den Stolz des Ostens – bei dem sich der Teufel ins Fäustchen lacht.

Slivovitz oder Sliwowica? Zugegeben, auf den ersten Blick mag es verwirrend erscheinen. Dabei ist des Rätsels Lösung – mal wieder – viel einfacher, als zunächst vermutet. Egal, ob man nun von Slibowitz, Slivovic, Slivovitz oder Sliwowica spricht, gemeint ist in jedem Fall das Gleiche: Ein Obstbrand aus Zwetschgen. Dieser erfreut sich jenseits des Balkans und der Wolga einer solch enormen Beliebtheit, dass er schlicht über die Jahre zum Nationalgetränks einer jeden Nation wurde. Ob in Kroatien, Polen, Tschechien oder Serbien, sie alle lieben das Zwetschgen-Destillat so sehr, dass der Staatshaushalt in ihm eine willkommene Geldquelle sieht (dazu später mehr). All diese doch sehr ähnlichen Namen leiten sich übrigens von slawischen „sljiva“ ab, was nichts anderes bedeutet als – richtig – Zwetschge.

Alles Zwetschge oder was?

Nun werden in Tschechien zwar sportliche 70% der nationalen Zwetschgenproduktion für die Destillation des Slivo verwendet, doch hängt – wie eigentlich bei jedem vernünftigen Obstbrand – die Qualität nicht einzig und allein von der Frucht ab. So sind die klimatischen Bedingungen, die Bodenbeschaffenheit, die regionale Lage ebenfalls entscheidende Faktoren für einen guten Jahrgang und wirken sich auf die Güte der Zwetschge aus. Diese sollte vor der Destillation einen optimalen Reifegrad haben und über ein hohes Aroma verfügen. Wichtig ist ebenfalls der hohe Zuckergehalt vor der Einmaischung. So können aus 100 Kilogramm gerne einmal sechs bis acht Liter Slivo gewonnen werden. Destilliert wird dieser entweder ein- oder zweistufig.

Zunächst wird die Maische zum Rohdestillat mit etwa 30 Prozent destilliert, bevor man sie der zweiten Destillation unterzieht und daraus das Endprodukt gewinnt. Dies wird Rektifikation genannt, bei der ein sogenannter Vor-und Nachlauf entsteht, der ebenfalls ein weiteres Mal destilliert werden kann. Das Endprodukt weist meist einen Alkoholgehalt zwischen 65 – 70 Prozent auf und wird mit demineralisiertem Wasser auf Trinkstärke verdünnt. Slivo gibt es in zwei Farben, weiß oder gold.

Die goldene Farbe resultiert aus einer Fasslagerung, bei der das verwendete Holz seine speziellen Aromen mitgibt. Am häufigsten werden zwecks Farbe hierbei Eichenholzfässer oder Robinienfässer benutzt. Weiß ist der Zwetschgenbrand, wenn er in Flaschen gelagert wird. Slivo zeichnet sich als deutlich milderer Obstbrand aus, liegt sein Mindestvolumen doch bei 37,5%.

Slivo, das Getränk der armen Leute?

Stehen Teile Osteuropas und des ehemaligen Jugoslawiens noch heute als Symbole für das ländliche, teils in Krisen verfallene Armenhaus Europas, so wird auch der Slivo von jenen Gerüchten schnell eingeholt. Zum Getränk des armen Mannes wurde er vor allem durch die zahlreichen Schwarzbrenner, die munter ihr Wesen trieben und alleine in Tschechien die Regierung Milliarden Kronen Verlust im Staatshaushalt kosteten. Verlust? Ja, denn die Praxis der Lohnauftragsfertigung ist nicht nur in unseren heimischen Gefilden gang und gäbe, sie erfreut sich auch in Osteuropa einer regen Zunahme.

So gibt es in Tschechien beispielsweise mehr als 300 kleinere Destillen, die einzig und allein durch dieses Geschäft überleben. Obstlieferer können so einfach und vor allem sauber ihre Zwetschgen brennen lassen und müssen im Gegenzug „lediglich“ eine Verbrauchssteuer an den Staat leisten. So romantisch und heimatliebend dies auch klingen mag, die staatlichen Auflagen und Reglementierungen sind alles andere als das. So werden Destillieranlagen streng überwacht und mit einem Messgerät versehen. Die hierauf zu zahlende und eben erwähnte Verbrauchssteuer ist eine wichtige Finanzierungsgrundlage des Staates und willkommene Geldquelle des Haushalts. Um dieser Zwangsforderung der Regierung zu entgehen, brennen viele Familien ihren Schnaps ganz einfach selbst und übernehmen seine Vermarktung sowie den Verkauf. Ob das Endprodukt dann allerdings mit professionellen Destillaten mithalten kann, ja, das weiß am Ende vor allem der Geschmack.

Geschmackssache

Und da wären wir auch bei dem für uns entscheidenden Punkt. Können wir mit Slivo arbeiten und wenn ja, dann wie? Nicht selten erdrückt einen das Destillat mit seiner schier erdrückenden Reminiszenz an Gummibärchen-Weingummi-Abende im Kreise unserer Liebsten. Der intensiv-süße Geruch lässt den Slivo zunächst minderwertig erscheinen. Und ja, dass Slivo nicht per se eine hochwertig hergestellte Spirituose ist, dürfte wohl bekannt sein. Dennoch und vielleicht gerade aus diesem Grund, dem Slivo eine neuartige Daseinsberechtigung zu geben, gibt es mittlerweile auch Hersteller, an dessen Zwetschgenbrand sich so manch Bartender von Süd nach Nord zunehmend erfreut. Der kroatische Tesla zum Beispiel hat es durch sein interessantes Geschmacksprofil in das Herz der Bartender-Gemeinde geschafft.

Gelungen werden hier die süßlich-zimtartigen Aromen elegant durch eine scharfe und leicht bittere Note im Abklang gekontert. Dies verleiht dem Brand einen doppelten Boden und macht ihn interessanter als viele seiner „lieblos“ gebrannten Mitbewerber. So gilt es beim Mixen eigentlich nur, das süßliche Aroma nicht zu sehr in den Vordergrund kommen zu lassen. Interessant ist durchaus die Vermählung mit anderen Obstbränden (Williams, etc.) aber auch Kompositionen mit süßem Wermut, Sherry und dem Einsatz von Bitters.

Fazit

Sicherlich kein Crowdpleaser, sollte ein guter Slivo jedoch nicht aus der modernen und versierten Bar von heute verbannt werden. In ihm steckt Handwerk, Tradition und Lebensgefühl pur. Oder wie ein altes bosnisches Sprichwort besagt: „Wenn eine Flasche von dem Zeug auf dem Tisch steht, sitzt der Teufel in der Ecke und lacht sich ins Fäustchen“.

Credits

Foto: Lupe & Glas via Shutterstock. Postproduktion: Tim Klöcker.

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