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Sieben Fakten zum Fasten

Für viele Bartender steht der Januar als Entgiftungsmonat fix im Kalender. Der anstrengende, süffige Dezember mag schon fast Anlass genug sein.  Dass unser Beitrag zur Historie der Abstinenz ein wenig trockener ausfällt, liegt dabei in der Natur der Sache.

Generell sind so genannte Speiseverbote von einer persönlichen Fastenzeit zu unterscheiden. Die Ächtung der Bohnen durch Pythagoras, die „heilige“ Kuh der Hindus oder das Unreine der koscheren Lehre stehen für eine universale Konstante der Völkerkunde: Lokal geltende Tabus verbieten den Genuss bestimmter Speisen oder Getränke gänzlich. Auch Allergien und (lebensbedrohliche) Unverträglichkeiten gehen nicht als Fastenregeln durch, sondern sind individuelle Speiseverbote, in diesem Fall leider medizinisch induzierte. Fasten hingegen stellt einen (zeitlich beschränkten) Verzicht auf an sich dem Verzehr zuträgliche Lebensmittel dar – eben wie der „Dry January” als freiwillig gewähltes „trockenes“ Jahreszwölftel.

Ratzingers Regel: Sinn der Abstinenz

Der Katechismus der Katholischen Kirche hat den Sinn der Enthaltsamkeit in einem eigenen Gebot (abseits der bekannteren Zehn Gebote des Alten Testaments) begründet: Demnach sichert das Einhalten der Fasttage „die Zeiten der Entsagung und Buße“ und trägt dazu bei, „dass wir uns die Herrschaft über unsere Triebe und die Freiheit des Herzens erringen“. Darunter versteht der Katholizismus den Verzicht auf Fleisch an jedem Freitag (im Gedenken an den Tod Jesu) bzw. die einmalige Sättigung an Aschermittwoch und Karfreitag. In seiner 2005, dem ersten Jahr seines Pontifikates, veröffentlichten „Kurzversion“ des Katechismus unterscheidet der ehemalige Papst Benedikt XVI diese „Fast- und Abstinenztage“. Der Codex des Kanonischen Rechts präzisiert dazu, dass alle Volljährigen zu den beiden Fasttagen, alle Katholiken über 14 Jahre zum freitäglichen Fleischverzicht (Abstinenztage) verpflichtet sind.

Darauf einen Kakao! Verzicht muss weh tun

Einen tieferen Einblick in das christliche Fastenverständnis gab ein Vorgänger am Stuhl Petri: Pius V hatte über die Einschätzung eines neuartigen Getränks zu entscheiden, das Bruder Girolamo di San Vincenzo aus Mexiko in den Vatikan gebracht hatte. „Xocoatl“, so der Name des bitteren Tranks, schmeckte ihm so übel, dass der Papst ausgerufen haben soll: „Potus iste non frangit ieiunium“ (Dieser Trank bricht das Fasten nicht). Dass man den Kakao auch zuckern konnte, sollte er nicht mehr erfahren.

Nichts mit Schönsaufen: Die Libido ist weg!

Papst Pius kannte aber offenbar das 14. Buch des „Gottestaats“ des Hl. Augustinus und dessen Unterteilung der Menschen – jene, die „gemäß dem Fleisch“ (secundum carnem) und solche, die „gemäß dem Geiste“ (secundum spiritum) leben. Wer also die irdischen Bedürfnisse gering achtet, hebt seinen Blick zu Gott, lautet die sehr verkürzt wiedergegebene Logik.

Es soll nicht schmecken und behaglich sein, finden sich Argumente für einen trockenen Januar auch beim Hl. Thomas von Aquin. In der „Quaestio“ 147 seiner „Summa Theologiae“ bringt der Autor, für dessen Leibesfülle man ein Stück des klösterlichen Esstischs aussägen musste, zunächst ein Zitat des Kirchenlehrers Hieronymus zum Verzicht auf Brot und Wein: „Ohne Ceres und Bacchus friert die Venus“. Dass die Enthaltsamkeit ganzheitlich verstanden wurde, sieht man auch in der folgenden Aufzählung, die er Augustinus entlehnt: Fasten reinigt den Geist, hebt die Sinneswahrnehmung, macht das Fleisch dem Geist untertan, sorgt für ein ergriffenes und demütiges Herz, zerstreut die Nebel der Lüsternheit, löscht das Brennen der Begierden und steckt ein Licht der Keuschheit an.

Schweinehund von Sankt Hildegard: Fasten-Bremsen

Was dem Fasten nicht zuträglich ist, hat hingegen eine Landsfrau des bayrischen Alt-Pontifex schon Jahrhunderte zuvor aufgelistet. Hildegard von Bingen, der es nicht nur um die körperliche Reinigung (Fenchel-Einläufe inklusive!) ging, sieht folgende Eigenschaften als Fasten-Bremsen: Gier nach Reichtum, Unglückseligkeit, Maßlosigkeit, Seelenkälte, Hochmut, Unbeständigkeit, Weltschmerz.

Die Grenzen zwischen der entschlackenden, medizinischen Wirkung und der spirituellen Reinigung werden aber auch bei anderen Religionen als fließend angesehen. So bezeichnete 1928 die von Nahum Goldmann in Berlin begründete „Encyclopaedia Judaica“ den Sinn des ganztägigen Nahrungsverzichts am Jom Kippur-Tag als Zeichen der „Unabhängigkeit von irdischen Bedürfnissen“. Das gilt wohl auch für modernes „Detox“ wie den Alkoholverzicht.

Esoterische Frage: Kein Getreide oder nur Licht?

Die radikalste Form des Fastens, der komplette Nahrungsverzicht, wurde in den letzten Jahren vermehrt zum Gegenstand von Diskussionen. Sich nur von Luft (Aerophagie) oder Licht zu ernähren, wie es 2012 der Film „Am Anfang war das Licht“ propagierte, gilt der Wissenschaft schlicht als unmöglich. Die geistige Basis, wenngleich deutlich überinterpretiert, bildet die taoistische „Bigu“-Lehre, deren erste schriftliche Zeugnisse in der Han-Dynastie (ca. 200 vor bis 25 nach Christus) entstanden.

Wörtlich sieht sie „Getreide-Verzicht“ vor. Konkret soll man sich nur von Früchten, rohem Gemüse, Nüssen und wildem Honig ernähren. Der Verzicht auf „Gu“, also kultiviertes Getreide und zubereitetes Essen, ginge dafür mit einem Anstieg der kosmischen Energie „Qi“ einher. Diese wird von den Befürwortern auch als kosmische Nahrung bezeichnet – was man wörtlich nehmen kann oder eben als Metapher. Dann wären die Bigu-Vorschriften nur als frühe Form des Frutarismus anzusehen. Allerdings bedeutet diese Ernährung auch eine Art Aussteigertum, einen Rückschritt hinter die „moderne“ Welt des Ackerbaus. Kampfsportler und Zen-Buddhisten praktizierten sie deshalb gerne, um keine Zeit mit Essenszubereitung zu vergeuden.

Frei von der Zivilisation und ihrer Nahrung lässt sich der Einklang mit dem Göttlichen finden. Eine Vorstellung, die sich in den Beschreibungen von Nahrungsverzicht („Inedie“) bei katholischen Protagonisten – etwa Nikolaus von der Flüe, Therese Neumann – genauso findet wie in der von Christian Kracht in „Imperium“ geschilderten „Kokosnuss“-Diät des wilhelminischen Proto-Hippies August Engelhardt: „Nackter Kokovorismus ist Gottes Wille. Die reine Kokosdiät macht unsterblich und vereinigt mit Gott.“

Freud’sche Abstinenz: Fummel-Verbot

Auch bei den Psychoanalytikern steht Abstinenz übrigens hoch im Kurs – und das nicht nur im Januar. „Die Kur muß in der Abstinenz durchgeführt werden“, hat es der Wiener Säulenheilige Sigmund Freud formuliert und dabei eine ganz andere Form des „Genusses“ gemeint als den Alkohol. Intime Beziehungen mit den Patienten sind nämlich Tabu. Dieser „Abstinenzgebot“ genannte Ehrenkodex hat eine interessante Begründung. Der Patient liebt den Therapeuten nämlich nur als Surrogat – „da die Kranke infolge ihres Zustandes, solange ihre Verdrängungen nicht behoben sind, einer wirklichen Befriedigung nicht fähig ist.“ Frei nach Freud: auch das Bier bleibt im Abstinenzmonat zu!

Protestantische Streiche: Basler Ausnahmen

Dass auch in unseren Breiten Fasten früher wesentlich weiter verbreitet gewesen ist, zeigt ausgerechnet der bekannteste Schweizer Karneval. Denn die Basler Fasnacht findet dann statt, wenn die Jecken im Norden längst ihre Kostüme eingemottet und die Räusche ausgeschlafen haben. Grund dafür ist, dass die protestantischen Basler nicht nur bis heute am „katholischen“ Brauch des ausgelassenen Treibens vor der Fastenzeit festgehalten haben. Sie ließen sich schon zuvor von der Änderung nicht beirren, welche die Synode von Benevent einführte: Die Sonntage vor Ostern waren ab dem Jahre 1091 nicht mehr Teil der Fastenzeit. Damit verkürzte man den Zeitraum, in dem Fleisch, Eier, Butter und Milch verboten waren (Papst Julius III beließ es dann beim fleischlosen Fasten). Denn sowohl Moses als auch Jesus sollen der Bibel zufolge 40 Tage gefastet haben.

Damit kam es also zu zwei sechs Tage auseinanderliegenden Terminen: der Bauernfasnacht und der Herrenfasnacht. Statt am Aschermittwoch traurig zu sein, hat der Basler den Beginn seiner „drey scheenschten Dääg“ noch vor sich; am Montag nach Aschermittwoch startet um vier Uhr Früh der 72-stündige Trubel. Und am Ende sieht manch ein Alemanne aus „wie die alte Fasnacht“ – eine Anspielung auf den verspäteten Fasching der Schweizer. Hoffen wir, dass wir nach dem trockenen Januar eher wie das blühende Leben aussehen!

Credits

Foto: Mann mit leerem Tablett via Shutterstock.

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