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Singani und Pisco: Fünf Fakten zu südamerikanischen Weinbränden

Sie sind spannende Spirituosen, die allerdings teilweise die Gemüter spalten. Bei Pisco beginnt dies bereits bei der Frage der Herkunft, über die sich die südamerikanischen Nachbarländer Peru und Chile streiten. Singani wiederum ist in Europa nahezu unbekannt. Entsprechend können viele Barflys die Produkte nicht einordnen.

Das muss nicht sein, denn die Geschmackswelt ist spannend und die Mixbarkeit gegeben. Zeit für einen Faktencheck über die südamerikanischen Weinbrände.

» Singani und Pisco sind eng verwandte südamerikanische Spirituosen. Während Pisco in Peru oder Chile hergestellt wird, stammt Singani aus Bolivien. Wir liefern die fünf wichtigsten Fakten über die aromatischen Traubenbrände. «

Ein südamerikanischer Streit

Beginnen wir mit Pisco! Es ist leider wenig über die Beginne der Herstellung bekannt. Dafür sorgt ein seit hunderten von Jahren ausgetragenen Konflikt zwischen Chile und Peru für Aufmerksamkeit. Denn beide Länder nennen die Erfindung der Spirituose jeweils ihr Eigen.

Und tatsächlich, ganz so einfach scheint die Sachlage auf den ersten Blick nicht. Beide Lager haben vermeintlich schlagende Argumente.

Die Peruaner beispielsweise verweisen direkt auf die ca. 200 Kilometer von Lima entfernte Hafenstadt Pisco. Ob hier jedoch während der spanischen Kolonialzeit tatsächlich Wein angebaut wurde, ist nicht vollends geklärt. Ein peruanischer Mythos jedoch besagt, dass einst der notorische Seeräuber Sir Francis Drake die Stadt überfiel und spanische Kolonialherren als Geiseln nahm. Da die spanische Krone zu diesem Zeitpunkt nicht über die nötigen liquiden Mittel verfügte, einer entsprechenden Lösegeldforderung Drakes nachzukommen, boten sie dem Piraten dreihundert Krüge Weinbrand an. Drake akzeptierte.

Weniger auf Sagen denn auf scheinbare Fakten berufen sich die Chilenen, die sich frühzeitig den Begriff „Pisco“ haben patentieren lassen. Bereits in den frühen 1930-er Jahren setzten sie fest, dass die Trauben für das Destillat nur aus den Tälern von fünf Flüssen stammen dürfen. Die Tatsache, dass die Chilenen allerdings das Städtchen Unión in Pisco Elqui umbenannten, um nachträglich auch einen geographisch stichhaften Beweis zu erbringen, kann eher als gut getarntes Flunkern gewertet werden und stimmt jenen, der gänzlich von der chilenischen Herkunft überzeugt war, doch wieder skeptisch.

Was genau ist Pisco?

Bei Pisco handelt es sich im Grunde genommen um nichts anderes als einen Traubenbrand. Anders als bei klassischen Tresterbränden zum Beispiel werden die Trauben für seine Herstellung ausschließlich für die Produktion von Pisco kultiviert. Daher kann man die Spirituose nicht als Nebenprodukt der Weinherstellung ansehen. Für einen destillierten Liter der südamerikanischen Wunderwaffe bedarf es zwischen sechs und sieben Kilo Trauben. Der Alkoholgehalt des Pisco ist letztlich abhängig von seiner Qualitätsstufe.

Schauen wir uns peruanischen Pisco genauer an. Dieser darf nur nach ganz bestimmten Kriterien destilliert werden. Nur in fünf Regionen Perus darf seine Herstellung aus nur acht Traubensorten erfolgen. Für die Gärung des Mostes werden ausschließlich natürliche Weinhefen verwendet. Und Pisco wird lediglich in einstufiger Destillation destilliert.

Auch wird der Alkoholgehalt nicht durch Aufzuckerung erreicht, sondern nur aus dem reinen Zuckeranteil der Trauben. Anders als bei der Herstellung vieler bekannter Spirituosen wird Pisco nach der Destillation nicht auf Trinkstärke gebracht. Die Reduzierung des Alkoholgehalts nach dem Brennprozess ist nicht erlaubt, weshalb peruanischer Pisco grundsätzlich direkt auf Trinkstärke destilliert wird.

Pisco ist eine klare Spirituose, die keinerlei Holznoten aufweist. Dies resultiert aus der Bestimmung, dass die Spirituose niemals fassgelagert werden darf. Vor der Abfüllung muss peruanischer Pisco ca. drei Monate ruhen. Der Alkoholgehalt des peruanischen Produktes liegt zwischen 38 und 48 % Vol. Auch chilenischer Pisco hat ganz bestimmte Auflagen. Sein Traubenmost darf beispielsweise nur aus zwei Regionen stammen und chilenische Destillen müssen ihre eigenen Weinreben kultivieren.

Wie klassifiziert man Pisco?

Sind sich Peruaner und Chilenen in vielen Dingen uneins, so unterscheiden beide bei der Herstellung auf gleiche Weise in aromatische und nicht aromatische Trauben. Destilliert wird dementsprechend in unterschiedlichen Kategorien. Der Pisco Puro wird ob seines Zusatzes „puro“, zu Deutsch also „rein“, nur aus einer einzigen Traubensorte hergestellt. „Mosto Verde“ ist ein Destillat, dessen Fermentation vorzeitig unterbrochen wurde. Durch das abrupte Abbrechen bleibt eine Restsüße. Pisco Acholado ist wiederum ein Blend aus unterschiedlichen Trauben, Traubenmost und fermentiertem Most.

Bei der Herstellung des chilenischen Pisco konzentriert man sich vor allem auf die Verwendung der Rebsorten Muscat d’Alexandrie, Pedro Ximénez, Moscatel Rosada und Torrontés Riojano. Das chilenische Produkt wird allerdings nach seinem Alkoholgehalt in Qualitätsstufen eingeteilt und erreicht mit dem „Gran Pisco“ bis zu 50%.

Traubenbrand Singani aus Bolivien

Wie häufig bei territorialen Konflikten der Fall, gibt es eine dritte Nation, die plötzlich auf die Bildfläche rückt. Als herrschte nicht bereits genügend Spannung zwischen den beiden Nachbarn, so kommt Bolivien in dieser Fehde wahrlich keine Schlichterrolle zu. Dessen „Singani“ ist ein Destillat, das Verwirrung stiftet, da es häufig mit Pisco in Verbindung gebracht und verwechselt wird. So abwegig ist dies jedenfalls nicht, lassen sich bei der Herstellung doch eindeutige Parallelen ausmachen: Verwendung der Rebsorte Muscat d’Alexandrie, Gärung in Stahltanks bis zu 21 Tage, Destillation im Alambic.

Unterschiede liegen jedoch vor allem in den Herstellungskriterien, die laxer sind als jene in Peru oder Chile. So wird das Destillat anschließend ein oder zweimal destilliert und erst nach der Destillation auf Trinkstärke herab gesetzt. Geschmacklich weist es jedoch eine frappierende Ähnlichkeit auf, da es sowohl aus nicht aromatischen als auch aromatischen Trauben destilliert wird.

Singani ist hierzulande weitaus unbekannter als sein Cousin Pisco. Da es jedoch das Nationalgetränk Boliviens darstellt, sollte es sich keinesfalls vor dem peruanischen oder chilenischen Äquivalent verstecken. In die Cocktailkultur hat Singani nicht im selben Ausmass Eingang gefunden wie Pisco. Natürlich kann man Singani in allen bestehenden Pisco Cocktails als Spirituose einsetzen.

In Bolivien wird er aber vor allem in Form von Longdrinks serviert. Mit Ginger Ale aufgegossen, heisst die Mischung „Chuflay“. Mit Organgensaft und Zucker gemischt, wird Singani in Form eines „Yungueñito“ genossen. Letzterer ist im Ursprungsland ein beliebter Aperitif.

Singani kam kürzlich ein wenig in die Schlagzeilen, weil der amerikanische Regisseur Steven Soderbergh die Spirituose beim Dreh seines Films „Che“ in Bolivien entdeckt hatte. Dies inspirierte ihn zu seiner eigenen Marke „Singani 63“.

Der Türöffner Pisco Sour Cocktail

Piscola und Pisco Sour. Die wohl bekanntesten Kreationen mit Pisco, die durch das Tor zur Welt als südamerikanischer Export bekannt wurden. Leider wird die ambivalente und nicht selten überraschende Spirituose oft auf diese Exportschlager reduziert. Keineswegs stellen sie die einzigen Cocktails und/ oder Longdrinks dar, denen Pisco ein angenehmes Aroma verleiht. Auch der Pisco Punch, der nach Ananas-Sirup und Orange Bitters verlangt sowie der El Capitán, dessen Abwandlung an dieser Stelle erst kürzlich vorgestellt wurde, sind moderne Klassiker, die ihre Erwähnung auf dem ein oder anderen Cocktail-Menü gehobener Bars durchaus verdienen.

Die Tatsache jedoch, dass Pisco nicht über ein Arsenal an klassischen Rezepten wie Gin oder Bourbon verfügt, sollte unter keinen Umständen auf die Qualität zurückgeführt werden. Die bereits im 19. Jahrhundert florierende Barszene in Europa und den USA sowie die nicht einfache Vermarktung des peruanisch-chilenischen Nischenproduktes sollten vielmehr als Gründe angeführt werden. Außerdem sollte Pisco auch nicht als Massenprodukt gesehen werden, ist es doch streng mit der Kultur seiner beiden Länder verwurzelt und traditionsbeladen.

Bleibt zum Abschluss nur die Aufforderung an unsere Leser: Ran an Pisco und Singani! Lasst Euch einen Pisco Sour zubereiten. Oder mixt Euch einen Chuflay! Euer Gaumen wird es Euch danken!

Dieser Artikel von Phlipp Gaux erschien erstmals im Mai 2016. Die letzte Überarbeitung durch die Redaktion erfolgte im Juli 2019.

Credits

Foto: Pisco via Shutterstock; Postproduktion: Tim Klöcker

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