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Eine Spirituose, die es eigentlich nicht gibt: Zur Definition und Lage von Spiced Rum

Spiced Rum ist aus Bar-Perspektive eine Art Phantom. Zwar existieren zahllose Marken, große wie kleine. Und es kommen immer mehr dazu. Doch gleichzeitig findet die Kategorie, die gar keine ist, an den Cocktailbars so gut wie gar nicht statt. Sie hat sich andere Fahrwasser erschlossen. Woran liegt das?

 

Das Wichtigste zuerst: Spiced Rum gibt es gar nicht. Zumindest nicht in der Europäischen Union. Dort ist er de iure zunächst einmal nicht existent. Denn Anhang II der EG-Verordnung Nr. 110/2008, gern schlicht Spirituosenverordnung genannt, verzeichnet ausdrücklich: »Rum darf nicht aromatisiert werden«.

Bedeutet das somit, dass eine Etikettierung und der Verkauf eines aromatisierten Rums als »Spiced Rum« innerhalb der Europäischen Union womöglich in einer rechtlichen Grauzone angesiedelt ist? Es wäre gut vorstellbar, labeln doch etwa die Großsegler von Bacardi oder Diageo ihre Produkte clever als »Dark Spirit Drink« (Bacardi Oakheart) oder »Spiced Gold« mit dem Zusatz »Spirit Drink« (Captain Morgan) – der Begriff Rum auf dem Frontetikett wird elegant umschifft. Anders etwa im Falle von Sailor Jerry aus dem Hause William Grant & Sons, auf dessen Etikett steht: »Caribbean Rum blended with natural spices«.

Spiced Rum, darfst du eigentlich hier sein?

Nun ist es natürlich so, dass man Rum mit Gewürzen und/oder Süßungsmitteln versetzen und anschließend verkaufen darf. Die eigentliche Frage ist indes, ob und wie der Verkauf von aromatisiertem Rum als »Spiced Rum« (oder mit ähnlichen Bezeichnungen) auch in der EU letztlich legitimiert wird. Eine Antwort darauf kann z. B. Dr. Christofer Eggers erläutern. Der Rechtsanwalt aus Frankfurt am Main ist einer der führenden deutschen Juristen in den Bereichen Lebensmittelrecht und Markenrecht, als Bevollmächtigter vertritt er etwa den Schutzverband der Spirituosen-Industrie e.V.

»Die Frage, ob Produkte der Kategorie Spiced Rum mit dieser Bezeichnung vertrieben werden dürfen, hat mich bereits mehrfach beschäftigt, zuletzt im Jahre 2016«, leitet Eggers ein. »Tatsächlich ist die Richtlinie eindeutig, wenn sie besagt, dass aromatisierter Rum grundsätzlich nicht als solcher vermarktet werden darf. Zumindest nicht mit Blick auf die Verkehrsbezeichnung«, stellt der Jurist klar.

Denn was wo in welcher Form auf einem Produkt und dessen Etikett zu stehen hat, ist ebenfalls klar geregelt: »Wir unterscheiden u. a. im Fall von Spiced Rum zwischen den beiden juristischen Begriffen ›Verkehrsbezeichnung‹ und ›Anspielung‹«, gibt Eggers an. »Die offizielle Verkehrsbezeichnung eines Spiced Rum ist durch seine Aromatisierung automatisch ›Spirituose‹, nicht ›Rum‹. Dennoch darf der Produzent das Wort ›Rum‹ verwenden, aber eben mit erläuterndem Zusatz wie z. B. ›Spiced‹ – das meint der Begriff der Anspielung.«

Auch ein Spiced Rum darf nur aus Rum bestehen

Aus Sicht der Gesetzgebung bzw. der aktuellen Rechtsprechung traut man also dem Verbraucher durchaus zu, selbstständig nachzuvollziehen, dass das ausgewiesene Produkt ein Rum mit Aromaten ist. »Diese Erlaubnis gilt aber nur dann, wenn zur Herstellung des Endprodukts auch wirklich ausschließlich Rum herangezogen wurde – und selbst dann muss die Verkehrsbezeichnung in größerer Schrift gedruckt sein als die Bezugnahme. Wir kennen eine vergleichbare Situation von Whiskylikören: Whisky darf per se nicht gesüßt werden, ein Likör darf diesen Begriff daher nur führen, wenn er komplett auf Basis von Whisky hergestellt wurde«, bringt der Frankfurter einen praxisnahen Vergleich und merkt an: »Insofern ist die Einschränkung sehr streng, denn wenn z. B. nur ein Bruchteil des für die Herstellung von Spiced Rum herangezogenen Alkohols wirklich aus Rum stammt, wäre auch die Anspielung nicht gestattet. Der Begriff ›Rum‹ dürfte dann nicht auf dem Label verwendet werden.«

Man will nichts Böses unterstellen, aber gerade im als tendenziell intransparent geltenden Rum-Business mit seinen vielen einzelnen Staaten und deren jeweiligen Regeln und Gepflogenheiten scheint die Annahme, dass hie und da ein Auge zugedrückt wird, zumindest nicht unbegründet. Und andersherum gilt natürlich: Wenn man das Produkt ohnehin nicht mehr Rum nennen darf und außerdem den Alkoholgehalt auf ein Niveau reduziert, das ebenfalls nicht mehr einem Rum entspricht – dann kann man auch beherzt zuckern, was bis zu einer Konzentration von 99 g pro Liter noch immer als »Spirituose« verkauft werden darf. Erst danach wird es zum »Likör«. Jedenfalls gilt, salopp gesagt, dass Spiced Rum auch immer eines bleibt: ein Unsichtbarer, nicht Fassbarer. Zumindest in Europa.

Die Bar pflegt keine Liebesbeziehung zu Spiced Rum

Spiced Rum ist jedoch auch jenseits der juristischen Welt in gewisser Weise unsichtbar, zumindest wenn man aus der Perspektive der Barszene nach ihm sucht. Wer sich in hochwertigen Bars umschaut, sieht hin und wieder eine Flasche von Marken wie The Kraken, Don Papa oder dem bereits erwähnten Sailor Jerry. Wirklich damit designte Drinks, gar Signatures bekannter Bars finden sich in den Cocktailkarten aber selten, außer vielleicht bei den Highballs, wo er meist im Verbund mit Zitrus und Limonaden sein angestammtes Terrain betritt.

»Braucht man Spiced Rum in einer Cocktailbar denn wirklich?«, fragt Marco Beier, Mitbetreiber der Bar Patolli in München und regelmäßiger MIXOLOGY-Gastautor. Beier meint die Frage rhetorisch, denn in seiner Bar findet man keine Flasche, auf die irgendwo das Wörtchen »Spiced« geschrieben wurde. »Singuläre Aromen, die einen Rum-Drink begleiten, sollten lieber individuell proportioniert werden. Ein Spiced ist da wenig zielführend«, meint der Münchner.

Ähnlich sieht es Thomas Stingl aus Nürnberg: »Für mich entspricht ein Spiced weniger dem Gedanken von Rum, so wie wir ihn bei uns in der Bar umsetzen«, nimmt er Bezug auf sein erfolgreiches und jüngst vergrößert neu eröffnetes Tiki-Refugium namens Die Blume von Hawaii. Stingl ist also sozusagen qua Amt ein Experte für die Kombination aus Rum und Gewürzen. »Wenn ich ein gewisses Rum-Aroma möchte, dann wähle ich schlicht den entsprechenden Rum. Sollen dann Gewürzaromen dazu, dann arbeite ich sie à la minute ein, sei es als Sirup, Likör oder frisch. Das Konzept eines vorgefertigten Spiced hat sich mir nie erschlossen«, meint Stingl und ergänzt: »Tatsächlich denkt man vielleicht bei Spiced Rum gern an Tiki, aber ich könnte mir derartige Produkte eher in kleinen, klassischen Bars vorstellen, denen er in bestimmten Fällen die Arbeit erleichtert. Davon abgesehen will ich die Kategorie gar nicht schlechtreden. Sie spielt sich eben nur woanders ab.« Als Ausnahme gibt er an: »Wir haben zum Beispiel Meermaid im Rückbüffet stehen, besonders den Overproof finde ich ziemlich gelungen.«

Besonders in den Vereinigten Staaten ist Spiced Rum heute ein gewaltiges Segment. Ein Grund ist auch die dort anders geartete Rechtslage.

Das Zentrum von Spiced Rum? Wie so oft: die USA

Damit scheint Stingl recht zu haben. Freilich lassen sich für Europa keine Zahlen zu Spiced-Verkäufen sicherstellen, da es die Kategorie ja offiziell nicht gibt – aber: Das jamaikanische Unternehmen Captain Morgan etwa ist laut offiziellen Statista-Angaben mit circa 11,7 Millionen verkauften 9-Liter-Cases im Jahr 2018 die Rum-Destillerie mit dem zweitgrößten Ausstoß weltweit, direkt nach Bacardi. Und von jenen rund 105 Millionen Litern Rum dürfte der Großteil jener »Spiced Gold« sein, der global als Synonym der Kategorie gelten darf. Übrigens seit 2009 mit einer Steigerung von 8,8 Millionen Cases auf jene aktuellen 11,7 Millionen, also um etwa 32 %. Kein Wunder also, dass der Weltmarktführer mit Sitz auf den Bermudas sein Stück von diesem wachsenden Kuchen abhaben wollte: 2011 wurde Bacardi Oakheart mit identischem Alkoholgehalt und vergleichbarem Aromenprofil als direktes Konkurrenzprodukt lanciert.

Besonders in den Vereinigten Staaten ist Spiced Rum heute ein gewaltiges Segment, und dort ist die Rechtslage auch anders: Das Tax And Trade Bureau der USA ist in seinen Etikettierungsvorschriften und somit bei der sogenannten Inverkehrbringung eindeutig mit der Genehmigung. Rum darf aromatisiert als »›Flavored Rum‹ mit natürlichen Geschmacksstoffen, mit oder ohne Zuckerzusatz und mit nicht unter 30 % Vol.« in den Verkauf gelangen. Also auch Spiced Rum. Die Situation ist daher nicht nur für den Hersteller anders, sondern auch für den Konsumenten, der eine Produktkategorie vorfindet, die in größerer Nähe zur Ursprungskategorie vermarktet werden kann.

Das süße Dickschiff für die Clubs

Doch zurück zum europäischen und deutschen Markt: Wenn Spiced Rum einem merklichen Wachstum unterworfen ist, aber in der hochwertigen Bar- und Spirituosenszene nur rudimentär auftaucht, dann scheinen die Marktbereiche eindeutig zu sein. Sie liegen für Spiced im direkten Handel sowie in Clubs und Diskotheken. Auch da machen es die reichweitenstarken Dickschiffe der Branche vor, die sich in den letzten Jahren auch durch ihre Werbekampagnen quasi ausschließlich als Basis einfacher Longdrinks mit Cola oder ähnlichen Fillern dargestellt haben – mit zugänglicher Süße, viel Vanillegeschmack, moderatem Alkoholgehalt und fluffiger Kohlensäure fühlt man sich dann nachts im Club gern so, als habe man a little captain in you.

Und was die Verfügbarkeit und Reichweite im Handel angeht, weiß Rum-Fachmann Stingl ebenfalls zu berichten, dass »die Kaufhäuser in ihren oft extrem gut sortierten Spirituosenabteilungen immer mehr Tastings für die Kunden anbieten. Da platzieren die auch Spiceds, die Kunden kaufen das und fragen dann in den Bars wie unserer danach. Der Verbraucher bekommt also durch den Handel eine bestimmte Auffassung von Rum, die zumindest meine Bar nicht bedienen kann.«

Spiced Rum zum Vorglühen

Kann man diese Dichotomie zwischen Bar und Club so stehen lassen? Ist Spiced Rum ein offenbar mehr oder minder ausschließlich auf den schnellen Konsum zugeschneidertes Segment? Dazu kann etwa Johann Schwarz aus Kiel Stellung beziehen. Der langjährige Unternehmer und frühere Außendienstler einer Spirituosenfirma betreibt in der nördlichsten deutschen Landeshauptstadt unter dem Namen Die Villa ein Gastro-Konzept, zu dem sowohl eine anspruchsvolle Cocktailbar als auch ein Club gehören – er hat somit einen vergleichenden Blick auf beide gastronomischen Gattungen. Und Schwarz bestätigt: »Auch in unserer Bar spielt Spiced Rum so gut wie keine Rolle, dort stehen andere Themen und Kategorien im Vordergrund. Komplett gegenteilig ist es im Club: Da ist Spiced Rum von Anfang an ein Zugpferd, wir verkaufen ungefähr so viele Drinks damit wie auf Basis von klassischem weißem und goldenem Rum zusammengenommen.«

Schwarz führt vor allem die Süffigkeit der gängigen Spiceds als Begründung für diesen Umstand an, schließlich hat man in einem heißen, dunklen Club einen anderen Drink-Appetit als in einer Bar. Ebenso beobachtet er aber zusätzlich, »dass die Gäste auch den Gedanken im Kopf haben, dass sie damit etwas Spannenderes trinken als einen ›schnöden‹ Rum & Coke«. Auch Thomas Stingls Resümee, dass Spiced Rum davon abgesehen seine Prominenz vor allem im Handel ausspielt, stützt der Kieler: »Ich weiß von vielen Gästen, aber auch von meinen Mitarbeitern: Spiced Rum ist bei ihnen eine klassische Einzelhandels-Spirituose, die man sich für den Abend mit Freunden kauft, eben auch zum traditionellen ›Vorglühen‹.«

Was bleibt …

In gewisser Weise stimmt das Bild vom Spiced Rum also beinahe ein wenig traurig: Rum, verfeinert mit Gewürzen – das kann eine Methode sein, um mittelmäßige Destillate zu kaschieren. Es kann aber auch eine Delikatesse sein. Das Tragikum der Gattung Spiced Rum scheint weniger in ihrem Naturell zu liegen, sondern in der Umsetzung und Kontextualisierung: zugängliche Aromen wie Vanille und Karamell – jüngst gar Popcorn – versetzt mit zumeist viel Süße; für einen umkomplizierten, von manchen sogar als beliebig wahrgenommenen Genuss, der vor keine sensorischen Herausforderungen stellt.

Dabei könnte Spiced Rum vom Wortsinn her etwas viel Schlichteres meinen. Es ist also noch Platz im Premium-Segment. Die Mittel dafür stehen ja bereit: Rum und Gewürze. Gut sichtbar.

Dieser Text erschien ursprünglich in Ausgabe 01/2020 von MIXOLOGY – Magazin für Barkultur

Credits

Foto: Editienne

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