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BACANORA UND IECHUGUILLA – DIE VERRÜCKTEN COUSINEN DES SOTOL

Sotol ist die traditionelle Spirituose des mexikanischen Bundesstaats Chihuahua. Seine psychedelischen Spielarten haben es in sich: Bacanora enthält Marihuana und Peyote, Iechuguilla echtes Gift der Viper. Marianne Julia Strauss mit einer Geschichte übers Schlangenfangen und das magische Wissen der Ureinwohner. Und ein bisschen auch über das deutsche Betäubungsmittelgesetz.

First things first: Sotol gilt als das Nationalgetränk von Chihuahua, dem größten mexikanischen Bundesstaat im Norden des Landes. Hergestellt wird die Spirituose nur in Chihuahua, Coahuila und Durango ähnlich wie Tequila, allerdings nicht aus der Blauen Weberagave, sondern aus der Dasylirion, einer Wildagavenart, die zwischen dem ariden Süden von Arizona und dem heißen Norden von Mexiko wächst.

Im Alter von etwa 15 Jahren wird die Dasylirion geerntet, wobei für die Herstellung von Sotol nur das Herz der Pflanze interessant ist. Im Keramikofen kochen die Wildagavenherzen drei Tage lang und werden anschließend zerkleinert und ausgepresst. So wird das sogenannte Aguamiel (dt.: Honigwasser) gewonnen, das mit Hefekulturen versetzt, fermentiert und zu Sotol gebrannt wird. Als Plata beziehungsweise Blanco bezeichnet man den direkt aus der Brennblase abgefüllten, zweifach destillierten Sotol. Als Reposado genießt man denselben Sotol, der zuvor mindestens zwei Monate in Eiche gelagert wurde. Für einen Añejo ist die dreifache Destillation und die mindestens einjährige Lagerung in Eiche vonnöten. Geschmacklich variiert der Sotol je nach Art der verwendeten Dasylirion.

VON SCHLANGEN UND MENSCHEN

So weit, so nicht ungewöhnlich. Langsam setzt sich Sotol auch in europäischen Bars durch, woran der Siegeszug des noch semipräsenten Mezcal nicht ganz unschuldig sein mag. Aber haben Sie eine durchgeknallte Cousine? Sotol hat sogar zwei davon. Als Bacanora und Iechuguilla sind sie in immer mehr Bars und exotischen Restaurants in ganz Mexiko zu finden. Und beide haben es in sich: Die Bacanora enthält Marihuana und Peyote, die Iechuguilla echtes Gift der Viper.

Ob es auch hier einen Markt für die verrückten Verwandten gibt? Gerardo Ruelas Hernández, der Besitzer von Sotol Oro de Coyame, ist davon überzeugt. Noch hat seine Marke in Deutschland keinen Vertrieb, was durchaus am Betäubungsmittelgesetz liegen könnte, doch nach China wird sein Schlangensotol bereits verkauft – hier stammt die Idee mit dem Viperngift vermutlich her. „Als für den Straßenbau vor vielen Jahrzehnten chinesische Gastarbeiter ins Land kamen, stärkten sie sich am Ende der langen Arbeitstage mit diesem Getränk“ weiß Ruelas Hernández.

Iechuguilla, das auch als Curado de Víbora – zu deutsch etwa: Viperbehandlung – bekannt ist, steht im Ruf, magische Heilkräfte zu besitzen. Und wie fängt man eigentlich eine Viper? Als beste Zeit für die Schlangenjagd eignen sich die warmen Monate von August bis Oktober. An besonders heißen Tagen kriechen die Schlangen frühmorgens aus ihren Verstecken, um sich abzukühlen, besonders nach einem Regenguss. Um an das wertvolle Gift zu gelangen, müssen die Schlangen lebendig gefangen werden. Doch für ungeübte Augen sind die Schlangen nahezu unsichtbar, so gut tarnt sie ihre Schuppenhaut.

Ruelas Hernández entkam schon vor Jahren kaum mehr eine Schlange. Mit einer kleinen, selbst entworfenen Fangschlinge fing er bei guten Bedingungen bis zu drei Tiere am Tag. Wie das funktioniert, zeigt ein wackeliges Video auf der markeneigenen Facebookseite. Doch irgendwann wurde es Gerardo zu bunt mit der Schlangenjagd. Seitdem hält er seine eigene Zucht. Hier gibt jede Schlange genug Gift für etwa 20 Liter Sotol ab.

MAN MUSS WISSEN WANN, MAN MUSS WISSEN WO

Auch Bacanora wird als „Elixir“ von Sotol Oro de Coyame vertrieben. Die Variation wird mit verschiedenen Kräutern hergestellt, zu denen neben Marihuana auch der psychoaktive Kaktus Peyote gehört, der seine Berühmtheit dem enthaltenen Meskalin verdankt und schon seit Jahrhunderten von den Ureinwohnern bei vielen Ritualen eingesetzt wird. Die insgesamt 27 Kräuter erreichen zu unterschiedlichen Jahreszeiten ihre ideale Aromakonzentration und werden zum Großteil in der Wüste oder in den Bergen von Chihuahua geerntet. Zu den weiteren Botanicals, die teilweise nur in der Region wachsen, zählen Arnika, Nachtjasmin, Damiana, Chuchupate und Kreosotbusch – alles mächtige Heilpflanzen, deren Wirkung lange überliefert ist.

„Das Rezept ist sehr alt. Die Indianer der Region haben alle Krankheiten mit diesem Getränk geheilt. Mein Großvater und mein Vater brannten bereits Sotol nach dieser Art und erzählten mir von dem Rezept. Die Kräuter müssen selbst gesammelt werden: Man muss wissen wo, und man muss wissen wann. Einige Kräuter sind erst nach der Regenzeit soweit, andere wachsen an sehr versteckten Orten“, erzählt Gerardo Ruelas Hernández und preist weitere Vorzüge des Elixirs. Gegen Rheuma, Stress und Diabetes soll es helfen, die Verdauung unterstützen, den Blutdruck senken und nicht zuletzt Liebeskummer lindern.

FÜR EIN PAAR JAHRE MEHR

Dem mexikanisch-chinesischen Curado de Víbora dagegen werden Heilkräfte gegen Krebs nachgesagt, es soll die gesunde Zellteilung fördern und verspricht ewiges Leben, oder zumindest ein paar Lebensjahre mehr. Was wäre ein besserer Grund, den Schlangengiftsotol zu kosten? Ihre Cousine kommt sicher gerne mit.

Credits

Foto: Dasylirion Parryanum via Wikipedia.

Comments (2)

  • SKOERPER

    „…sondern aus der Dasylirion, einer Wildagavenart…“ – Dasylirion ist keine Agave (Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/Dasylirion , ;

    „Aber haben Sie eine durchgeknallte Cousine? Sotol hat sogar zwei davon. Als Bacanora und Iechuguilla sind sie in immer mehr Bars und exotischen Restaurants in ganz Mexiko zu finden. Und beide haben es in sich: Die Bacanora enthält Marihuana und Peyote, die Iechuguilla echtes Gift der Viper.“

    – Bacanora ist kein Sotol. Bacanora gehört zur Familie der Mezcals, da aus Agaven hergestellt und hat eine eigene DO (Quelle: . Wer hier Marijuana reinmischt, trinkt Mezcal auch mit Wurm/Raupe/Scorpion/etc. (Bezugsquelle: http://www.raicilla.de ; Mehr dazu – auch zu den NOMs Bacanora und Sotol:

    – Die Autorin versteht unter „Iechuguilla“ offenbar eine weitere „Cousine“ des Sotol – also ein weiteres Destillat. So wie ich das aber verstanden hab, ist das aber nur eine weitere Agavenart, die wohl auch für die Produktion von Agavendestillaten verwendet wird (Quelle: .

    Es verbleibt eine spaßige Trash-Story/Überschrift, die die jahrelangen seriösen Bemühungen von Importeuren, Bloggern und Bartendern um Mezcals/Agavendestillate ins Lächerliche bzw. in den Bereich von potenzsteigernden Schlangenschnäpsen aus Asien zieht.

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    • Janna

      Lieber Svenske, Du hast natürlich recht: Die Dasylirion ist lediglich über die Familie der Asparagaceae mit der Agave verwandt. Danke für deine konstruktive Kritik auch zu der Einordnung von Bacanora und Iechuguilla! Liebe Grüße aus der Redaktion

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