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Spirituosengalerie Stuttgart: Ein Lebenstraum in 1.200 Spirituosen

Was passiert, wenn ein Lebenstraum 30 Jahre zu früh in Erfüllung geht, kann man in der „Spirituosengalerie Stuttgart“ erleben. Leo Langer hat aber auch sonst einige Ideen, damit dieser Traum nicht von einem Virus zum Platzen gebracht wird. Besuch mit Mundschutz in einer „Nicht-Bar“.

„Kann man hier Pakete abgeben“? Die Frage kommt zaghaft in der Hohenheimer Straße in Stuttgart-Mitte. Nirgendwo sind Briefkästen zu sehen, und statt Post-Gelb regiert Eichenbraun den Raum. Das raumfüllende Schottland-Diorama trägt auch nichts Erhellendes bei.

Doch von den bis zur Decke reichenden Regalen aus signalisieren 1.200 Spirituosen überdeutlich, dass Zalando-Retouren nicht das Kerngeschäft von Leo Langer sein dürften. Und doch: Die Kartons stehen schon richtig hier! „Witzigerweise kamen die auf uns zu“, erinnert sich der Chef-Apotheker an seine Anfänge als Postpartner. Das Prinzip heißt „Reklame durch Retouren“. Denn nicht wenige der Paketkunden bleiben im Spirituosen-Paradies hängen. Ein Zusatzeinkommen bietet der Deal auch – „gerade aktuell nicht zu verachten“ –, und vor allem kommt zwei Mal täglich die Post.

Flüssige Verkaufsförderung von Sarah Deuss

Damit ist man im Versand unschlagbar schnell und irgendwie passt die unkonventionelle Zusatzbeschäftigung zu Leo Langers neuem Laden. Denn – und jetzt ist es raus – was der „Schwarz-Weiß-Bar“-Veteran hier in der Apotheke aufzog, ist keine Bar. Drinks allerdings gibt es dennoch und dank Sarah Deuss, die mit Leo Langer das Gesamt-Team stellt, sogar herausragende. Eine Cocktailkarte sucht man vergebens, dafür gibt es eine kostenlose Einführung ins deutsche Gewerberecht.

„Begründetes Kaufinteresse“ ist der kardinale Punkt, um den sich das Geschäft hier dreht. Denn wenn der Kunde glaubhaft macht, dass er nach Gin sucht, dann kann ihm Sarah Deuss als Kostprobe auch einen „Negroni“ verabreichen. Was nebenbei auch deutlich mehr Sinn ergibt, als ein Stamperl vom puren Wacholder als Kaufentscheidungshilfe zu kredenzen. Das Beispiel ist auch kein willkürliches: „Ein Drittel macht der Gin am Gesamtumsatz aus“, weiß man nach einem nicht ganz vollendeten ersten Betriebsjahr.

Leo Langer in seinem Stuttgarter Spirituosenparadies: Auch Bottled Cocktails zählen zum Programm

Tastings in der Spirituosengalerie Stuttgart laufen hervorragend

Im November 2019 sperrte die ehemalige Apotheke als eine Art Spirituosen-Pornoladen neu auf. „So einen Laden findest du kein zweites Mal“, erinnert sich Leo Langer, der nebenher auch die „Chaplin“-Bar in Ludwigsburg bespielt. Doch schon in seiner frühen Bar-Karriere spukte da immer der „Lebenstraum eines Spirituosenladens“ durch den Hinterkopf. Irgendwann mit 60 Jahren eben. Oder ein paar Jährchen früher. Doch die Apotheke, die Leos Schwester ausgespäht hatte, sorgte für radikale Vorverlegung der Lebensabend-Planung. Beschaulich allerdings wird es nie in der Hohenheimer Straße. Dafür sorgen einerseits Stuttgarts Bartender, die hier eine Art stadtüberspannende Teeküche, nur halt mit Promille, vorfinden.

Besonders aber als Ort von Verkostungen hat sich das perfekte Setting samt Hinterzimmer zum „Preppen“ etabliert. Die Restflaschen von „Worthy Parks“-Brunch für Barprofis werden gerade entfernt, vor allem aber boomen die Publikumsverkostungen. „Bestseller ist dabei das Champagner-Tasting mit vier Gläsern und einer Auster um 49 Euro.“ Ähnlich wie der Paketservice wirkt auch dieses knapp kalkulierte Angebot als Werbemaßnahme für das Herzstück der Spirituosengalerie Stuttgart. Rares von „Brora“ oder „Port Ellen“, das für feuchte Augen sorgt, aber auch die raren, ersten Distiller’s Cuts von Christoph Keller für Monkey 47 stehen hier zu Gebote.

Spirituosengalerie Stuttgart

Hohenheimer Straße 38
70184 Stuttgart

Mo - Sa 11 - 20 Uhr

Spirituosengalerie Stuttgart sorgt für Edelstoff

Corona, auf das wir angesichts des schmucken Spirituosengalerie-Mundschutzes zu sprechen kommen, hätte die Nachfrage in zweierlei Hinsicht angekurbelt. Bei den Tastings selbst, aber auch bei der Komplettausstattung. „Leute fragen plötzlich: ‘Was brauche ich für einen Old Fashioned?’“ Und so finden sich auch Bar-Tools auf den Regalen der alten Apotheke. Es werden auch nicht wenig an Pullen über 400 Euro verkauft, gibt Leo Langer Einblick in seine Nicht-Bar/Spezialhandel-Welt. Ob es am Virus und seiner mitgebrachten Endzeitstimmung – „dann lieber gleich das gute Zeug!“ – liegt, lässt er offen. Vielleicht habe es auch gedauert, bis man den Newcomern vertraut habe. „Aktuell mehren sich aber Anfragen von Kunden: Was soll ich kaufen?“

Als Investment-Banker für Spirituosensammler versteht sich die Apotheke dennoch nicht. „Auch wenn der Laden an sich so was ausstrahlt wie ‘Hier gibt es nur das superteure Zeug’“. Doch ein qualitätvoller Einstieg ist in allen Kategorien vorhanden. Auch dort, wo es nicht um Selbstläufer geht. „15 Mezcals musst du erst mal haben“, bringt Leo Langer ein Beispiel. Das läge sich kaum ein Kollege auf Halde, „denn das verkaufst du nicht so einfach“.

In Stuttgart erfüllt man den Bildungsauftrag aber auch so. Mittlerweile auch mit einem Onlineshop, der eine eigene Corona-Dynamik entfaltet hat. Denn mit den bundesweiten Großhändlern könne man werblich nicht mithalten: „300 Pakete am Tag packen wir aber auch logistisch nicht.“ Dafür hat sich aber bei Dingen wie alten japanischen Whiskys oder Camparis „Cask Tales“ schnell eine Fangemeinde gefunden.

Und im nicht gerade armen Benz-Town hat sich dafür auch eine Klientel gefunden, die den Spirituosengalerie-Shop als digitales Schaufenster sieht, ihre Flüssigpretiosen aber lieber live abholt. „Den Verschicken-Button könnte ich praktisch weglassen“, so Neo-Onlinehändler Leo Langer über seine Tele-Medizin ohne Rezeptpflicht.

Maßschneider bis zum Kragenstäbchen: Drinks „to go“

Und einen weiteren Kreis schließt man mit dem bunten Flaschenangebot der Spirituosengalerie Stuttgart: Denn auch „Bottled Cocktails“ aus Sarah Deuss’ Hand gibt es in braunen Apothekerflaschen. Arrak und hauseigener Rum-Blend befeuern eine Edel-Colada, aber auch eine „Apotheke“ füllt man zum Verkosten für Zuhause ab.

Geshaked darf nicht werden, aber mit perfektem Eis und Rührglas lässt sich auch so manch „berechtigtes Kaufinteresse“ befeuern. Und wer eher länger zur Entscheidungsfindung braucht, dem werden – ganz nach Vorschrift für die verkaufsfördernden Maßnahmen – Cocktails à la minute abgefüllt. Sie sind zum sofortigen Verzehr gedacht, weist auch das Label klar aus. Fehlt nur noch der Hinweis auf die orale Einnahme. Dann wäre man in der Stuttgarter Spirituosengalerie endgültig so unterwegs wie weiland Monsieur Peychaud!

Credits

Foto: Spirituosengalerie Stuttgart

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