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My English is not so good. Sprachverwirrung unter Bartendern?

Die Unfähigkeit zu kommunizieren

Das gekonnte Umschiffen von Sprachklippen will gelernt sein. Vor diesem Hintergrund wurde ich gebeten, meine persönlichen Ansichten zu Dolmetschern in Barcontests darzulegen. Ich habe diverse globale Wettbewerbe entworfen, bei hunderten Contests in der Jury gesessen und durchaus nichts gegen Teilnehmer mit Dolmetscher einzuwenden, wenn es denn das Regelwerk erlaubt. Nur zu! Dennoch bin ich jedes Mal erstaunt, wenn ein gedolmetschter Bartender gewinnt. Bevor Sie protestieren, stellen Sie sich selbst die Frage, die ich mir stelle: Wie kann jemand die Höchstpunktzahl in einem nationalen oder internationalen Wettbewerb erreichen, ohne der lingua franca mächtig zu sein? In der Jury zum Bartender of the Year zeigte sich vor einiger Zeit der Chefjuror sehr daran interessiert, den Preis einem Bartender zu verleihen, der seine gesamte Präsentation in Englisch gehalten hatte.

Besagter Bartender sprach zwar nicht die Sprache des Gastlandes, doch sein Englisch beeindruckte meine (lokalen) Mitjuroren auf das Höchste. Der Teilnehmer sei durchaus ein glaubwürdiger Anwärter auf den Preis, meinte ich, man könne aber nicht ernsthaft jemanden auszeichnen, der seine Gäste nicht in der Landessprache zu bedienen wisse. Dank seiner Muttersprache habe dieser Bartender einen zu offensichtlichen Vorteil in der Jury. Fakt war: Nichts im Regelwerk wies darauf hin, dass die Teilnehmer ihre Präsentation auch in Englisch halten dürften. Andererseits verboten es die Regeln nicht. Ich verlor diese Diskussion. Was mich noch immer wurmt.

Wie wir am Patzer aus der Aviary Bar unschön feststellen, wissen die meisten Menschen sich tragischerweise nicht einmal mehr in ihrer eigenen Muttersprache adäquat auszudrücken. Nicht einmal Bartender. Nicht einmal Bartender in renommierten Bars. Welches Sprachniveau ist also vonnöten, wenn man durch einen Dolmetscher zum Publikum spricht? Ich habe Dolmetscher für Seminare in verschiedensten Ländern gebucht. Es ist entsetzlich. Jeglicher Witz, jede Spontanität kommen abhanden. Stattdessen entsteht diese qualvolle Pause zwischen dem eigenen Satz und dem des Dolmetschers. Und mir standen die besten am Markt zur Seite.

Das Beherrschen einer Zweit- und Drittsprache ist in jeder Hinsicht von Vorteil. Wer in einer Fremdsprache kommuniziert, wird automatisch mehr Inhalt in das Gesagte legen. Dazu ist ein Akzent unglaublich charmant. Warum haben so viele der wirklich erfolgreichen Bartender das Englische erst als zweite oder dritte Sprache erlernt? Die einnehmenden Beispiele reichen von Harry Johnson und Salvatore Calabrese über Erik Lorincz bis zu Francesco Lafranconi. Die besten Bartender aus Vergangenheit und Gegenwart sind diejenigen, die über ihre Worte nachdenken mussten, die ihre Unsicherheiten in der fremden Sprache mit Lächeln und Körpersprache zu verbergen wussten. Das Ergebnis sind in jedem Fall bezauberte und entzückte Gäste. Als besonders deutliches Beispiel bleibt nur noch der stotternde Verkäufer in James Foleys Film »Glengarry Glen Ross« anzuführen, der zwar vor seinen Kunden stottert – nicht jedoch vor seinen Kollegen.

Comments (2)

  • Nora

    Danke für einen Beitrag, der längst fällig war. starke Argumente.

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  • horizont

    Hallo Philip,

    Sie sprechen hier verschiedene Ebenen der Kommunikation an. Die mit dem Beispiel

    Zitat: „…eine neue Barshow, die in Prag Fuß fassen will. »Toll«, meinte mein Gesprächspartner »können Sie mir per E-Mail ein paar Einzelheiten dazu schicken?« »Nein«, sagte ich »ich bin nicht Ihr verdammter Sekretär. Aus purer Freundlichkeit gab ich Ihnen diese wertvolle Information, Sie jämmerlicher Wicht. Merken müssen Sie sich diese schon selbst!«“

    Ich bin über Ihre brüske Antwort sehr erstaunt, nehme aber an, das Sie Ihre Gründe hatten, die aus dem Text nicht herauslesbar sind. Man kann wohl davon ausgehen, das Ihr Gesprächspartner allzu offensichtlich, die „Nimm dir was Du kannst und mach es dir so einfach wie möglich“ – Mentalität an den Tag gelegt hat. Leider verbreitet sich dieser Virus seit vielen Jahren und bei immer mehr Menschen tritt diese Eigenschaft leider in einer geradezu abstoßenden Weise an den Tag. Meist sind dies auch die Personen, die für andere so wenig wie möglich tun.

    Mit dem zweiten Beispiel der Aussage von Chaim Dauermann kann ich teilweise nicht viel anfangen.
    Was sagt denn „gut gekleidet und top ausgebildet“ über einen Menschen wirklich aus. Das trifft doch auf die meisten Blender, Abzocker und Betrüger zu. Wenn ein Mensch auf „Guten Abend, wie geht es Ihnen?“ keine Antwort findet sagt daß im besten Fall aus, daß dieser Mensch keine Erziehung genossen hat und im schlechtesten, daß er ein arrogantes Arschloch ist.

    Mit der Aussage von Herrn Dauermann

    „……Möchten Sie einen Vodka- oder einen Gincocktail?‹ …..keine Antwort finden. Ich erwarte nicht, dass mein Gast ein absoluter Kenner ist – aber wie kann ein 30-Jähriger mit einem Job und einem Leben nicht in der Lage sein, seine Präferenzen zu artikulieren?«

    kann ich auch nicht viel anfangen. Warum muß ein 30 jähriger wissen, ob er eine Vodka- oder Gincocktail bevorzugt. Da hat Herr Dauermann wohl den Bodenkontakt verloren. Wenn mir jeder Bartender den ich treffe den Unterschied zwischen diesen Spirituosen fachmännisch erklären kann, werde ich Herrn Dauermanns Erwartung akzeptieren – also niemals. Es ist die Aufgabe eines Barmanns den Gast in solchen Dingen zu befragen und zu beraten.

    Vielleicht ist das in Amerika anders, aber ich erwarte von einem 30 jährigen nicht, daß er die Cocktailkultur schon bewußt für sich entdeckt hat. Auch nicht, daß er sich mit den verschiedensten Spirituosen schon auseinandergesetzt hat.

    Mit der „Einstellung/Erwartungshaltung“ von Herrn Dauermann hat er sich aus meiner Sicht von der Möglichkeit ein perfekter Gastgeber /Dienstleister zu sein schon – ohne es vielleicht zu merken – bereits entfernt.

    Wir haben – das ist meine Einstellung – bezüglich der Produkte von unseren Gästen nichts zu erwarten, wenn wir sie wie Freunde beraten und Hilfestellung geben wollen. Andernfalls laufen wir Gefahr in die „Arroganzschiene“, die in anderen Debatten-Themen angesprochen wurde, zu geraten.

    Weiteres Beispiel mit dem Kellner. Grant Achatz ist ein hervorragender Vertreter der Modernistischen Küche (Molekularküche) in der Genauigkeit und wissenschaftliche Kenntnisse über Produkteigenschaften ein große Rolle spielen. Mit der gleichen Akribie sollte er dann vielleicht auch seine Leute aus dem Service schulen. Auch in den Tophäusern ist man vor Überraschungen eben nicht sicher. Das man über den Geschmack der Gäste nicht lästert bzw. die Produkte des Sortiments nicht schlecht macht, hat sollte auf jedem Briefing für Anfänger bzw. neues Personal stehen. Eine „Teilschuld“ kann man hier dem Management zuschreiben.

    Zum letzten Teil Ihrer Ausführungen möchte ich schreiben, daß ich nicht Ihrer Meinung bin. Zweifellos ist die Beherrschung von Fremd-Sprachen immer und ohne Ausnahme von Vorteil.

    Die Forderung an einem Wettbewerb nur teilnehmen zu können, wenn man die Sprache des Gastlandes oder Englisch – als fast internationale (Geschäfts-)Sprache – beherrscht, halte ich für überzogen und auch nicht zielführend.

    Ich dachte bei Wettbewerben geht es darum einen hervorragenden Cocktail zu mixen. Das kann man auch ohne die Sprache zu sprechen. Dachte ich bis jetzt jedenfalls.

    Auch hat die Sprachkundigkeit mit der Möglichkeit ein guter Gastgeber zu sein nicht viel zu tun. Die Zufriedenheit eines Gastes kann mit Höflichkeit, Zuvorkommenheit, Hilfsbereitschaft, Verwöhnen und Qualität verwirklicht werden. Diese Dinge kann ich alle an den Mann oder Frau bringen ohne mich wirklich verständigen zu können. Dies ist in Auslands-Urlauben schon millionenfach bewiesen worden.

    Die sprachlichen Fähigkeiten um einen Drink (Rezeptur) zu verstehen bzw. zu beschreiben hat jeder der hinter der Bar steht, da es dazu nicht viel braucht. Natürlich für die geschmackliche Beschreibung trifft das nicht zu. Letztlich kann man sich aber immer verständigen – ist meine Erfahrung – und der Gast behält das oft in positiver (Urlaubs-)Erinnerung das man sich mit „Händen und Füßen“ doch irgendwie verständigt hat.

    Dies soll nicht heißen, das man auf Fremdsprachen verzichten kann. In einem „Top-Hotel“ ist dies sicherlich weniger möglich, als in einer ebenfalls guten Szenebar. Den Gewinn von Wettbewerben würde ich aber nicht davon abhängig machen.

    Grüße Horizont

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