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My English is not so good. Sprachverwirrung unter Bartendern?

Die Vorteile der Fremdsprache

In internationalen Barcontests sind Dolmetscher nur zugelassen, wenn Bartender aus strategisch wichtigen, jedoch nicht englischsprachigen Ländern teilnehmen sollen. In diesem Fall werden die erheblichen Dolmetscherkosten in Kauf genommen und die Jurymitglieder gelegentlich subtil unter Druck gesetzt. Ich habe mich davon nie beeinflussen lassen – wie Sie sehen, hat man mir einfach noch kein Geld geboten – aber bekäme ich jedes Mal einen Negroni, wenn eine energische Agenturdame oder ein findiger Marketingdirektor im Juryzimmer ganz beiläufig etwas fallen lässt wie »Es wäre wirklich toll, einen Chinesen/Russen/ Spanier/jonglierenden Hund im Finale zu haben. Wow, stellt euch vor, er gewänne!«, dann wäre der Unterschied zu meiner jetzigen, nämlich negronilosen Situation (ich bin gewillt, diesen alarmierenden Umstand schnellstens zu ändern) mehr als enorm.

Vor Kurzem durften beim Weltfinale des G’Vine Gin Connoisseur Program die Finalisten zum ersten Mal mit einem Dolmetscher arbeiten. Ich bestand darauf, dass diese ausschließlich aus Mitarbeitern von G’Vine bestehen und nicht vom jeweiligen Teilnehmerteam mitgebracht werden dürften. Denn wenn der Dolmetscher besonders charmant oder sehr gut aussehend (oder beides) ist, gereicht das dem Übersetzten nicht zum unfairen Vorteil? Wie viel des Eindrucks macht der Finalist und wie viel sein Dolmetscher aus? Ist der Dolmetscher ein weltoffener und wortgewandter Brand Manager in den Dreißigern, der teilnehmende Bartender jedoch ein nervöser und unbeholfener Mittzwanziger, wird dann die Jury nicht durch mehr als nur die Sprache beeinflusst? Bis jetzt habe ich von keinem Barcontest gehört, bei dem im UN-Stil unsichtbar via Headset gedolmetscht wird, aber es lohnt sich durchaus, einmal darüber nachzudenken.

Ich meine: Niemand sollte einen nationalen Bartender-Wettbewerb ohne ausreichende Sprachkenntnisse des Gastlandes gewinnen können, genauso wenig wie jemandem ohne entsprechende Englischkenntnisse der erste Preis eines internationalen Contests zusteht. Ausreichende Kenntnis versteht sich in diesem Fall als die grundlegende Fähigkeit zuzuhören, den Gast zu verstehen, einen Drink zu erklären und einen guten Witz zu erzählen. Aber welcher gute Bartender kann das nicht? Vielleicht ist das beste Beispiel die Sommelier- Meisterschaft um die Trophée Ruinart: Alle Finalisten mußten ihre Präsentation auf jeden Fall in einer Fremdsprache halten – wahlweise in Englisch oder Französisch. Das klingt fair, non?

 

(Dieser Artikel erschien erstmals in MIXOLOGY Issue 1/2012. Das Printmagazin MIXOLOGY erscheint alle zwei Monate. Informationen zum Abonnement finden Sie hier auf MIXOLOGY ONLINE.)

Comments (2)

  • Nora

    Danke für einen Beitrag, der längst fällig war. starke Argumente.

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  • horizont

    Hallo Philip,

    Sie sprechen hier verschiedene Ebenen der Kommunikation an. Die mit dem Beispiel

    Zitat: „…eine neue Barshow, die in Prag Fuß fassen will. »Toll«, meinte mein Gesprächspartner »können Sie mir per E-Mail ein paar Einzelheiten dazu schicken?« »Nein«, sagte ich »ich bin nicht Ihr verdammter Sekretär. Aus purer Freundlichkeit gab ich Ihnen diese wertvolle Information, Sie jämmerlicher Wicht. Merken müssen Sie sich diese schon selbst!«“

    Ich bin über Ihre brüske Antwort sehr erstaunt, nehme aber an, das Sie Ihre Gründe hatten, die aus dem Text nicht herauslesbar sind. Man kann wohl davon ausgehen, das Ihr Gesprächspartner allzu offensichtlich, die „Nimm dir was Du kannst und mach es dir so einfach wie möglich“ – Mentalität an den Tag gelegt hat. Leider verbreitet sich dieser Virus seit vielen Jahren und bei immer mehr Menschen tritt diese Eigenschaft leider in einer geradezu abstoßenden Weise an den Tag. Meist sind dies auch die Personen, die für andere so wenig wie möglich tun.

    Mit dem zweiten Beispiel der Aussage von Chaim Dauermann kann ich teilweise nicht viel anfangen.
    Was sagt denn „gut gekleidet und top ausgebildet“ über einen Menschen wirklich aus. Das trifft doch auf die meisten Blender, Abzocker und Betrüger zu. Wenn ein Mensch auf „Guten Abend, wie geht es Ihnen?“ keine Antwort findet sagt daß im besten Fall aus, daß dieser Mensch keine Erziehung genossen hat und im schlechtesten, daß er ein arrogantes Arschloch ist.

    Mit der Aussage von Herrn Dauermann

    „……Möchten Sie einen Vodka- oder einen Gincocktail?‹ …..keine Antwort finden. Ich erwarte nicht, dass mein Gast ein absoluter Kenner ist – aber wie kann ein 30-Jähriger mit einem Job und einem Leben nicht in der Lage sein, seine Präferenzen zu artikulieren?«

    kann ich auch nicht viel anfangen. Warum muß ein 30 jähriger wissen, ob er eine Vodka- oder Gincocktail bevorzugt. Da hat Herr Dauermann wohl den Bodenkontakt verloren. Wenn mir jeder Bartender den ich treffe den Unterschied zwischen diesen Spirituosen fachmännisch erklären kann, werde ich Herrn Dauermanns Erwartung akzeptieren – also niemals. Es ist die Aufgabe eines Barmanns den Gast in solchen Dingen zu befragen und zu beraten.

    Vielleicht ist das in Amerika anders, aber ich erwarte von einem 30 jährigen nicht, daß er die Cocktailkultur schon bewußt für sich entdeckt hat. Auch nicht, daß er sich mit den verschiedensten Spirituosen schon auseinandergesetzt hat.

    Mit der „Einstellung/Erwartungshaltung“ von Herrn Dauermann hat er sich aus meiner Sicht von der Möglichkeit ein perfekter Gastgeber /Dienstleister zu sein schon – ohne es vielleicht zu merken – bereits entfernt.

    Wir haben – das ist meine Einstellung – bezüglich der Produkte von unseren Gästen nichts zu erwarten, wenn wir sie wie Freunde beraten und Hilfestellung geben wollen. Andernfalls laufen wir Gefahr in die „Arroganzschiene“, die in anderen Debatten-Themen angesprochen wurde, zu geraten.

    Weiteres Beispiel mit dem Kellner. Grant Achatz ist ein hervorragender Vertreter der Modernistischen Küche (Molekularküche) in der Genauigkeit und wissenschaftliche Kenntnisse über Produkteigenschaften ein große Rolle spielen. Mit der gleichen Akribie sollte er dann vielleicht auch seine Leute aus dem Service schulen. Auch in den Tophäusern ist man vor Überraschungen eben nicht sicher. Das man über den Geschmack der Gäste nicht lästert bzw. die Produkte des Sortiments nicht schlecht macht, hat sollte auf jedem Briefing für Anfänger bzw. neues Personal stehen. Eine „Teilschuld“ kann man hier dem Management zuschreiben.

    Zum letzten Teil Ihrer Ausführungen möchte ich schreiben, daß ich nicht Ihrer Meinung bin. Zweifellos ist die Beherrschung von Fremd-Sprachen immer und ohne Ausnahme von Vorteil.

    Die Forderung an einem Wettbewerb nur teilnehmen zu können, wenn man die Sprache des Gastlandes oder Englisch – als fast internationale (Geschäfts-)Sprache – beherrscht, halte ich für überzogen und auch nicht zielführend.

    Ich dachte bei Wettbewerben geht es darum einen hervorragenden Cocktail zu mixen. Das kann man auch ohne die Sprache zu sprechen. Dachte ich bis jetzt jedenfalls.

    Auch hat die Sprachkundigkeit mit der Möglichkeit ein guter Gastgeber zu sein nicht viel zu tun. Die Zufriedenheit eines Gastes kann mit Höflichkeit, Zuvorkommenheit, Hilfsbereitschaft, Verwöhnen und Qualität verwirklicht werden. Diese Dinge kann ich alle an den Mann oder Frau bringen ohne mich wirklich verständigen zu können. Dies ist in Auslands-Urlauben schon millionenfach bewiesen worden.

    Die sprachlichen Fähigkeiten um einen Drink (Rezeptur) zu verstehen bzw. zu beschreiben hat jeder der hinter der Bar steht, da es dazu nicht viel braucht. Natürlich für die geschmackliche Beschreibung trifft das nicht zu. Letztlich kann man sich aber immer verständigen – ist meine Erfahrung – und der Gast behält das oft in positiver (Urlaubs-)Erinnerung das man sich mit „Händen und Füßen“ doch irgendwie verständigt hat.

    Dies soll nicht heißen, das man auf Fremdsprachen verzichten kann. In einem „Top-Hotel“ ist dies sicherlich weniger möglich, als in einer ebenfalls guten Szenebar. Den Gewinn von Wettbewerben würde ich aber nicht davon abhängig machen.

    Grüße Horizont

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