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Die St. James Bar sagt viel über das aktuelle Verständnis einer Fünf-Sterne-Hotelbar aus. Und ein bisschen über den Brexit.

Jetzt nur nicht gähnen! Die Londoner St. James Bar hat sich ein neues Cocktail-Menü in Gestalt eines Reisepasses gegönnt. Wie man das umsetzt, sagt jedoch viel über das aktuelle Verständnis einer Fünf-Sterne-Hotelbar – und ein bisschen was über den Brexit – aus.

London ist nicht Ostfildern, und so muss man schon genau Acht geben, in welchem St. James Hotel man sich an der Bar verabredet. Gleich vier stehen in dem schmalen Geviert um den gleichnamigen Palast zur Auswahl. Doch auch in der falschen Bar kann man was Richtiges lernen. Etwa, wie ein mögliches Bar-Menü für den Post-Brexit aussehen kann. Im St. James Club-Hotel sortiert man die Signature-Karte nach England, Schottland, Wales und Irland (Nord). Es ist ein trotziges Rumpf-Angebot, das dann charmant vom italienischen Bar-Team mit schmalem Rückbuffet gemixt wird.

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Freie Sicht auf die Bar(-App)

Die eigentlich gesuchte Trinkstätte – die St. James Bar im Sofitel – erreicht man an den britischen Ikonen Lobb (Schuhe), Locke (Hüte), Dunhill (Zigarren) und Berry Bros. (Weine) entlang wie an einem Handlauf. Das Sofitel St. James hat seine neue Karte erst vor Kurzem aufgelegt, genutzt wird sie schon um 6 p.m., wie man hier sagt, intensiv. Dort snackt ein Model, nebenan welterklärt der holländische Wein-Schreiber die Sorte Viognier, zwei Tische weiter genießt der Leica-CEO seinen Drambuie. Der Laden brummt, doch auch das Mobiltelefon surrt in Mayfair. Selbst eine Ladestation sucht und findet der Herr im Bespoke-Dreiteiler zwischen den smaragdgrünen Fauteuils. Der Spagat zwischen Interieur und Instagramability wurde zumindest in der neuen Barkarte clever gelöst: Ein QR-Code führt zu einem Video, das Wartezeiten überbrückt, Unklarheiten beseitigt und auch den Freunden zuhause beweist, dass der „1st Step“ Cocktail wirklich in einer Rakete serviert wurde.

Verantwortlich dafür ist Bar-Manager Kostas Bardas, der aus Athen stammt, und sein hauptstädtischer Kollege, der Römer Matteo Giannuzzi. Gemeinsam haben sie ein Dutzend Länder in Drinks übersetzt, die sich im liebevoll mit Einreisestempeln auffrisierten „Passport-Menu“ finden. Dieser Detailgrad und die individuellen Entscheidungen in einer von Standards geprägten Luxushotel-Umgebung zeichnen die Umsetzung aus. Eine dieser Herausforderungen besteht darin, mit der begrenzten Anzahl an Signatures sämtliche Konsum-Erwartungen abzudecken. Der italienische Serve „5 to 7“ stellt dafür ein gutes Beispiel dar.

Küchen-Kunst und Island-Cocktail

In einer Mokka-Bialetti vom Aluminium kühl gehalten, bringt der „zwischen Aperol Spritz und Americano gehaltene“ Drink (17 Euro) die Eignung als Aperitif wie als After-Dinner-Drink mit. Gegessen wird übrigens genug in der St. James Bar – und zwar eine Art „Best-of“ aus internationalem Barfood. Überraschend, weil fast wie eine Lasagne von dreierlei Texturen – von knusprig bis „für Zahnlose“ – serviert, ist die makellose Burrata. Kaum bestellt von den Hotelgästen, aber umso köstlicher, fällt die Terrine Campagnarde aus. Nicht zum Ziegel gepresst, sondern fluffig wie bei Mama daheim, samt prononciertem Schweinefleisch-Geschmack, macht sie Lust auf einen Boulevardier. Unabgesprochen kommt exakt unser bevorzugt‘ Maß an Buffalo Trace Bourbon ins Glas.

Dass man Individualität schätzt, zeigt auch eine letzte, hier zitierte Menü-Position. Der Fischer aus Cornwall liefert täglich seinen besten Fang. Wer die Sardine bestellt, kann also auch Makrele bekommen, die aber vielleicht noch mehr Gaumenfreude bereitet als das eigentlich Intendierte. Man nimmt sich ungewöhnlich viel Zeit, derlei dem Gast nahezubringen – was auch für die Cocktails gilt: Denn der orangerote Himbrimi-Gin sagt selbst Kennern nichts. „Wir sind meines Wissens die zweite Bar außerhalb Islands, die ihn verwendet.“ Der ungewöhnliche Old Tom wird aber mit Martin Miller’s gemischt – „der gibt die Trockenheit im Cocktail“ –, um mit Avocado-Creme und Chartreuse zusammen in einem „Heaven Howler“ zu resultieren, für den man tatsächlich von der Martini-Orthodoxie abfallen könnte.

Der 1st Step Cocktail symbolisiert die Mondlandung

St. James Bar (im Sofitel London St. James)

6, Waterloo Place
SW1Y 4 AN London

Mo -Sa 8 - 1 Uhr, So 8 - 24 Uhr

Schärfe für alle Schichten: „La Bandera“

Der isländische Beitrag zur Passport-Karte wird ebenso ausgiebig erklärt wie alle anderen Items. Auffällig wird das bei der Snack-Karte: Während sich hierzulande in der Regel der Kellner (murrend) zum Küchenchef (knurrend) begibt, um dem Gast Bescheid zu geben, ruft das Personal in Mayfair von sich aus die Zöliakie-Entwarnung aus: „Unsere Tempura sind in Soja paniert, kein Problem“! Eine Bar vom Gast aus zu denken, war noch nie eine schlechte Idee.

Die Frage bei diesem nicht nur zeichnerisch bunten Angebot, was denn der Bestseller der Bar sei, muss Matteo umformulieren: „Das kommt eher in Wellen. Anfangs wollten alle den Italien-Drink, dann war es der Amerikaner und jetzt wohl der japanische Cocktail.“ Optisch gibt auch der „La Bandera“, die Tequila-Option im Zeichen der mexikanischen Fahne, einiges her. Statt Tiki-Mug regiert hier der Tolteken-Gott in keramischer Form. Das britische Understatement verbietet zu technische Einlassungen. Man darf sich als Bar-Kenner aber seinen eigenen Reim darauf machen, dass der „spicy“ Nachgeschmack dieses Cocktails mit einer Ginger-Beer-Reduktion weit gleichmäßiger durch die wechselnden Schichten des Teams bringen lässt als mit Chili. Da entfernt man zu Lasten der Authentizität lieber das aleatorische Aroma-Teilchen!

Der Brexit bleibt auch in der St. James Bar ein sensibles Thema – Sir

Und der Brexit? Wie wird er die Trink-Herrlichkeit unter griechisch-italienischer Ägide verändern? Was wird aus tagesfrischer Burrata und zollfreiem Island-Import? Da klingt Kostas Bardas ganz nach Mayfair-Brite: „Das ist ein sehr sensibles Thema, Sir“. Immerhin: Fürs Bar-Vergnügen in der St. James Bar reicht weiterhin deren Pass.

Credits

Foto: St. James Bar

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