Märklinmegapolis. Eine Bartour durch Stuttgart

Stadtgeschichten 1.7.2011 2 comments

Kopf bleibt oben, dieses wunderbar doppeldeutige Motto der neuen Mut- und Wutbürger in der schwäbischen Hauptstadt Stuttgart kann auch als Leitgedanke für die dortige Barkultur dienen. Feierwütig sind die Menschen am Neckar jedenfalls, als stünde ihnen das Wasser bis zum Halse. Da wird die pietistische Enge und Strenge über Bord geworfen und kielgeholt. Aber was bleibt? Die Barkultur wirkt indifferent. Erstaunlichen Höhenflügen folgen grandiose Pleiten. Die Stadt hat sich mit der Diskussion um das Bahnhofsprojekt jedoch neu erfunden. Das ist angewandtes Live-Marketing, wie man es nicht besser machen kann, und spült Millionen in den Säckel. Für Schwaben ist das kein unwichtiger Aspekt, der Besucher profitiert von dem Aufruhr. Eine Stadt in Bewegung.

Bereits auf der Zugfahrt nach Stuttgart führen die Weizenbier schlotzenden Gleisbettrevolutionäre das Wort. Was man nicht alles auf sich nehme, um die Republik wachzurütteln und die neue Spezies des Wutbürgers zu kreieren. Man erzählt sich Anekdoten von der Heldenschlacht im Schlosspark gegen Polizei, Wasserwerfer und Reizgas. Dass man dabei in Situationen gerät, die einen Anwalt nötig werden lassen und dieser auch noch Geld für seine Dienste fordert, wird auf gewohnt schwäbische Weise gelöst. Ein durch das Abteil getragener Hut nötigt zur Spende, wie den klassenbewussten Reisenden mundartlich schwer verständlich gemacht wird.

Da wächst die Neugierde zu erfahren, wie sich diese Stadt anfühlt bei Nacht. Auf den Rhythmus der Nachtschattengestalten, auf den schwäbischen Hedonismus.

Also hinein in den Kessel und heraus auf und durch den Kopfbahnhof. Seit Monaten beschäftigt die sonst so befriedete Stadt die Republik. Stuttgart ist zum Mekka der mutigen wasserwerferruinierten Pelzträger und progressiven Dagegenmenschen geworden – wo Gut gegen Böse kämpft und der Protestantismus zu neuen Ehren gelangt. Es riecht hier ein wenig hamburgisch. Der Geruch der bürgerlichen Wohlgewogenheit. Hier thronen der ökobewegte Citoyen und der konservative Geldadel gleichberechtigt im Glanze des Erfolgs.

Stuttgart wurde weggesprengt im Krieg; zu 90 Prozent die Innenstadt im Luftkrieg zerfetzt und ausgebrannt. Den Rest besorgten die Abrissbirne und die Bauwut nach der Katastrophe. Die Menschen brauchten ein Dach über dem Kopf und bekamen eine traumatisch liederliche und geistfreie Bebauung. Ohne Kern, ohne Herz und ruhende Mitte. Aber gemeinsam hat man angepackt. Hier ist man pragmatisch und baut auch Tiefgaragen unter den historischen Schillerplatz.

Und nun diese Bewegung in der Neckarmetropole. Da wächst die Neugierde zu erfahren, wie sich diese Stadt anfühlt bei Nacht. Auf den Rhythmus der Nachtschattengestalten, auf den schwäbischen Hedonismus.

2 comments

  1. Jonas

    Schöner Artikel.
    Mit Die Bar, Ciba Mato, oT Bar und Fou Fou auch die Sterne der Stadt beackert.

    Zum Tonstudio muss man halt sagen, dass es keine Bar ist. Ist halt ein Club.
    Jedoch bekommt man vom Flo auf Nachfrage geniale Drinks. Der weiß ganz genau was er tut.

    Viele Grüße
    Jonas

  2. Chrische

    Als Kind und Liebhaber Stuttgarts hat mich der Artikel wirklich gefreut. Ein „Auswärtiger“ der die Perlen erkennt. Für alle anderen Auswärtigen die nun einen Selbsttest wagen wollen sei gesagt, dass das Bier Schwabenbräu heist. Bei Bier sei auch noch das Kellerpils „Cluss“ aus dem Hause Schwabenbräu genannt.

    „Sie wissen, das Nest wird nie auf die ganz breiten Gleise gesetzt und hat seine Stärken doch immer noch in der Verniedlichung, mit der unter der Haut getragenen Metropolensehnsucht.“

    Was aber nur der Stuttgarter und kein „Auswärtiger“ versteht: Der echte Stuttgarter will keine Weltstadt sein, will nicht mit Metropolen des Landes weteifern, er ist stolz darauf, dass er für seine Tradition der Kehrwoche verspottet wird und dass die meisten nicht bemerken das Stuttgart in vielen Punkten schon Eigenschaften einer Metropole hat (Jazz, Theater, Wirtschaft, …). Und solange das nicht so viele wissen kommen schon nicht so viele metropolsüchtige „Auswärtige“. Die „Metropolsucht“ gibt es jedoch und kommt übrigens von den „Eingebürgerten“ die aus Stuttgart gerne eine Stadt wie jede andere machen wollen und auf dem Weindorf „Vierdelesschoppa“ und „Henglgläser“ verbieten…

    Danke für den guten Artikel.

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