Notizen aus der Provinz. Gießen.

Stadtgeschichten 1.2.2013 4 comments

Wir befinden uns im Jahre 2013 n. Chr.. Ganz Deutschland ist im Barkulturaufschwung… Ganz Deutschland? Nein! Eine kleine unbeugsame Stadt hört nicht auf, der eindringlichen Barkultur Widerstand zu leisten. Im Mittepunkt Hessens findet man Gießen. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung sind Studenten, was Gießen zu Deutschlands Studentenstadt Nummer eins macht. Bars gibt es hier viele. Studenten lieben Bars. Es stellt sich die Frage, ob in einigen von diesen auch Cocktailkunst zu finden sein wird. Wir wagen den Versuch.

Unseren Barrundgang durch Gießen beginnen wir am Bahnhof. Nicht sehr zentral gelegen, aber immer gut besucht erwartet uns hier das Mr. Jones. Das große, zweistöckige Gebäude bietet einen lauten und bunten Ersteindruck. Wir nehmen an der langen Theke Platz. Demonstrativ ist das Rückbuffet bunt vollgestellt mit Spirituosen, die wenigsten geöffnet oder von Qualität. Es wird ein Tom Collins aus der Sparte „New Comers” bestellt.

Recht fix werden uns zwei Drinks kredenzt. Man hätte sich allerdings vielleicht doch etwas mehr Zeit nehmen sollen. Das reichlich verwendete Eis ist fast gänzlich weggeschmolzen bevor man überhaupt Gelegenheit hatte am Glas zu nippen und die daraus resultierende wässrige Substanz ist mit einem Tom Collins kaum zu vergleichen. Auch der Whisky Sour meines Begleiters erliegt dem gleichen Urteil. Nichts wie weg hier. Also auf zur nächsten, diesmal sehr vielversprechenden, Location.

Eine Wolke lädt ein

Das Café Wolke ist, ganz anders als das Mr. Jones, sehr klein, aber stimmig. Ziegeloptik, jazzige Musik und moderner Lounge-Style laden zum Verweilen ein. Noch mehr erfreut uns hier ein Blick hinter die Theke. Das Sortiment an Spirituosen ist klein, jedoch sehr ausgewählt mit Monkey 47, Tanqueray No. Ten, Maker’s Mark, Belvedere und Grey Goose, nur um einige prominente Vertreter zu nennen. Wir werden vom Inhaber persönlich bedient, der unser Interesse bemerkt und sich gerne auf ein freundliches Gespräch mit uns einlässt. Er selbst ist kein Bartender, sondern hat die Ausstattung der Bar und das Anlernen des Personals seinem Sohn, der wiederum selbst Bartender in Frankfurt ist, überlassen.

Zwischen den Jahren ist leider weder Sohn, noch angelerntes Personal hier: „Alles nur Studenten, keiner der wirklich Interesse an dem Job hat.“ Wir stimmen dieser enttäuschten Feststellung leider zu, bestellen aber trotzdem einen Cocktail, den er uns bereitwillig zubereitet, wenn auch mit stetigem Auge auf der Rezeptur. Das Ergebnis ist, wie erwartet, nicht der Rede wert. Positiv fällt jedoch die Frische der Zutaten und vor allem das gute Eis auf. Wo es an der Fachkenntnis mangelt, wird mit gutem Willen und Freundlichkeit viel wieder wett gemacht. An Potential mangelt es hier zumindest nicht.

Du noch viel lernen musst, junger Bartender

Als nächstes begeben wir uns in eine weitere angesagte Gießener Bar. Zwar etwas neuer, reiht sich das Stadtcafé in ein ähnliches Muster wie schon das Mr. Jones zuvor ein: Laute Musik, auf schick getrimmtes Interieur, und vor allem vollgestellte Regale mit karger Auswahl bezüglich der Spirituosen. Gewagt bestellt man einen Old Fashioned, der nicht auf der Karte zu finden ist und deshalb dem Bartender auch nicht bekannt. Er ist immerhin interessiert und fragt nach dem Rezept.

Nach einer kurzen Unterweisung macht er sich ans Werk, muss jedoch zuvor von uns auf den Fehler hingewiesen werden, dass Jack Daniels kein Bourbon ist. Der dann gewählte Jim Beam verhilft dem Drink letztendlich nicht zu wirklichem Glanz, aber das Interesse und die Bemühungen des Bartenders werden lobend anerkannt. Hier scheitert es wohl eher an den mangelnden Ambitionen des Barbetreibers, denn lernfähiges Personal ist zumindest vorhanden.

Mexiko heizt Gießen ein

Zwei Bars stehen noch auf unserer Liste. Die nächste hat erst kürzlich ihre Pforten geöffnet. Das Enchilada hat den Weg nach Gießen gefunden und sich gegenüber vom Uni Hauptgebäude eine gute Lage gesichert. Das mexikanische Flair macht einen angenehmen Eindruck und auch das Rückbuffet macht hier mehr her, als in den meisten vorhergehenden Bars. Wir hoffen, es ist nicht nur dekorativ.

Erfreut darüber einen London Bucket auf der Karte entdeckt zu haben, werden wir jedoch darauf hingewiesen, dass  aufgrund von Lieferschwierigkeiten leider kein Ginger Beer vorrätig ist. Das wäre immerhin die erste Bar in Gießen, die Ginger Beer führt und Thomas Henry noch dazu. Ein kleiner Fortschritt. Man bleibt dann doch bei einem Klassiker und bestellt einen Manhattan. Perfekt ist dieser zwar nicht, dafür ist der Wermut etwas zu prominent, besser jedoch als all die anderen Gießener Cocktails. Auch das Eis hält sich wacker im Glas. Die Cocktails solide, die Atmosphäre stimmig und bei unserem nächsten Besuch, so versicherte uns der Inhaber, wird es auch einen London Bucket geben. Wir sind zufrieden und bewegen uns zu unserer letzten Location.

Doch nur Studentenstadt Nr. 1

Von der schönen Aussicht im Dachcafé können wir leider nicht mehr profitieren, denn um halb eins werden wir nicht mehr nach oben gelassen. Die letzten Gäste verlassen bereits das Gebäude und unser Barrundgang findet, mangels einer Alternative, somit sein verfrühtes Ende. Eins jedoch steht fest. Wer in Gießen eine seriöse Bar mit Ambitionen eröffnet, tut sich damit keinen Gefallen. Die Konkurrenz stellt mit billigen Cocktails, preislich wie qualitativ, einen harten Gegner und  Studenten eine undankbare Kundschaft dar. Eine weitere Hürde bildet die Diskrepanz zwischen ambitionierter Bar und desinteressiertem Personal, et vice versa. Dennoch wagen einige Bars den Angriff auf diesen studentischen Frieden. Die Neuzugänge – Café Wolke und Enchilada seien hier genannt – sind mit besonders viel Potential gesegnet. Wenn die anderen Bars sich davon ein Stückchen abschneiden, besteht vielleicht doch noch Hoffnung für Gießens Barkultur.

Das Foto zeigt den Blick vom „Elefantenklo“ (einer monumentalen Fußgängerplattfrom) auf die Frankfurter Straße in Giessen.

Foto:  aboutpixel.de / Elefantenklo © malo

4 comments

  1. Jean-Pierre Ebert

    Schönes Foto!

  2. Monkey

    Oh wie schlimm zu hören!
    Da wünsch ich mir die galanbar zurück!
    Sie kommt wieder versprochen!

  3. Gino Santos

    Ihr hättet auch mal in der Admiral Music Lounge vorbeischauen sollen 😉
    Die Wochenendkarte ist leider etwas klein bezüglich Cocktails, dennoch ist jeder Bartender in der Lage und bereitet gerne gegen Wunsch einen Old Fashioned, Whiskey Sour, London Bucket, Dark and Stormy oder auch ander klassische Cocktails zu.
    Wir verwenden ausschließlich Premiumspirituosen und haben auch Ginger Beer und weitere „exotische“ Getränke zur Auswahl.
    Was das Barconsulting betrifft hab ich bisher noch keine Bar gesehn, die ihre Bar praktischer und sinnvoller gestaltet hat.
    Jeder Gast wird freundlich empfangen und an Wochenenden kann man auch schöne Flair-Shows genießen.
    Schaut das nächste mal auch bei uns vorbei!

    Liebste Grüße

  4. Steffen

    Das Tandreas ist tot – es lebe das Tandreas. Leider wurde bei eurer Stippvisite durch die Gießener Bar „Szene“ die Bar (auch für nicht Hotelgäste zugänglich) des Hotel Tandreas ausgelassen. Nach einer längeren Umbauphase wurden im September 2012 das Restaurant mit Weinlounge sowie die Bar wiedereröffnet. Mit neuem Team und voller Motivation wurde auch an einem neuen Bar-Konzept gearbeitet. Weg von dem Michelin-Stern geprägten Ambiente hin zum freundlicheren alpinen-nordfriesischen Style… welches sich in der Gestaltung des Restaurants und der Bar wiederspiegelt. In der Bar Karte ist auch euer „vermisstes“ Ginger Beer von Thomas Henry (Spicy Ginger) zu finden sowie alle weiteren Produkte von TH (ebenfalls Elderflower Tonic). Die Backbar zieren Flaschen von Monkey47 (+ Destillers Cut), Tanqueray No. Ten, Gosling, Ciroc Vodka um nur ein paar Namen zu nennen. Gepourt wird übrigens mit Ketel One Vodka, was wohl in GI auch eher eine Seltenheit ist. In diesem Sinne… Cheers !!!

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