Stadtgeschichten Kopenhagen. Hamlets Erfrischungstrunk.

Stadtgeschichten 7.3.2013

Kopenhagen ist hip, ist in aller Munde. Und das im wahrsten Sinn des Wortes. Mit dem Noma residiert hier das angeblich beste Restaurant der Welt. Auch die Bar-Szene hat riesige Sprünge gemacht und genießt hohes Ansehen. Die Stadt ist ein architektonisches Juwel und verströmt eine mediterrane Aura des Nordens. Mit Hamlets Geist im Gepäck auf den Spuren von Menschen und Bars, guten Drinks und geheimen Ecken, Mixologen und Alchemisten.

Kopenhagen ist ein Sehnsuchtsort, eine Maschine der kleinen Verzauberung. Reichtum und Reichgeist scheinen sich hier zu paaren.

Eine Stadt wie eine Hand, dem Fingerplan folgend. Der Fingerplan ist ein inzwischen zum Kulturkanon gehörendes städteplanerisches Konzept, das der Metropole sein fein geschnittenes Gesicht und seine harmonische Prägung gibt. Es sorgt auch für eine spielende Orientierung beim Fremdling. Fünf Korridore flankieren die Hauptverkehrsachsen und bohren sich wie Finger bis ins Umland. Dazwischen wachsen Parks, wiegen sich Küstenareale und schmiegen sich Wasserläufe und Naherholungsgebiete.

Das glühende Morgenrot über den Wolken des silbrig-schlickig buchtigen, verschlafen hafigen Kopenhagen macht neugierig auf einen Kaltgetränkeumtrunk bei Nacht. Früh am Morgen am Bahnhof angekommen ist Schichtwechsel bei den in eisbärfelldicken, reizwäschigen Wintersteppjacken steckenden Liebesdienerinnen. Lust und Verführung schlafen nie, kennen keine Temperatur und erinnern an Hamlet: „Schwachheit, dein Name ist Weib!“

Ein Tempel des Vergnügens ganz anderer Art ist der weltberühmte Tivoli. Ein Amüsierpark erbaut nach dem Vorbild englischer Lustgärten und der Gartenanlage der italienischen Stadt Tivoli. Der dänische König stimmte dem Bau angeblich zu, da ein feierndes Volk keine Revolutionen anzettele. Brot und Spiele. Auch zwei Sternerestaurants kann der Tivoli aufweisen. Schmalhans, der Park ist bis April geschlossen, 100.000 Glühbirnen erloschen.

Nur wenige Schritte weiter baut sich rötlich-golden strahlend das toskanisch anmutenden Rathaus auf dem Platz auf. Menschen in elegant gekleidetem Understatement flanieren in Richtung Ströget dem Zugang zu Europas ältester Fußgängerzone. Hier begegnet man auf angenehme Weise nicht dem üblichen Einerlei der großen Ketten, mit ihren gähnend gleichen Gerüchen und Waren. Es mischen sich viele kleine Läden, zwischen Ramsch, dem berühmten dänischen Design, Sublabel Mode, Kneipen und Bistrots mit Hugo Boss, Louis Vuitton und anderen Nobelschneidern.

Erste Atzung, Jungfrau und Legoland

Schnell ist das Strecker als erste Leib- und Magenstation ausgemacht. Eine herrlich patinierte Mischung aus Bistro, Brasserie und Bar. Ein Mix aus mächtigen klassischen Buffets, Jugendstil bei Spiegeln, Tischen und Lampen – dominiert von rubinroten Lederbänken.  Ein gutbürgerliches Ehepaar labt sich an einer Atzung aus Eiern mit Speck und kippt dazu den ersten Aalborg. Der Service ist freundlich und aufmerksam. Durch die große Glasfront ist zu beobachten, wie sich die Straße füllt. Immer mehr Händler stellen ihre Auslagen vor die Läden, wuselige Betriebsamkeit. Beim Bezahlen wird deutlich, dass Kopenhagen nicht nur ein schönes, sondern auch ein teures Pflaster ist.

Hinein ins Getriebe. Mit Getöse zieht unter Polizeischutz die Wachablösung der königlichen Leibgarde vorüber, die letzten Streuner der Nacht tauchen ab im Strom der Flaneure. Die Szenerie wird beobachtet von den Besuchern des Turms der Trinitätskirche, der einen faszinierenden Blick über die Stadt zulässt. Alte Brunnen und Giebelhäuser zeugen von alter Kaufmannspracht. Wer dem geschäftigen Treiben entfliehen will, schlägt sich in eine der Seitenstraßen, in denen es immer etwas zu entdecken gibt: kleine Cafés, Restaurants, Boutiquen und Plätze. Plötzlich stehen wir vor dem Det Lille Apotek, dem Lieblingsrestaurant von H.C. Andersen, das seit 1720 im Souterrain dänische Küche bietet.

Doch uns zieht es weiter, weiter nördlich zum – ebenfalls der Fantasie Andersens entsprungenen – Wahrzeichen der Stadt. Das schafft wohl nur Kopenhagen. Nicht eine monumentale Brücke, eine Kirche oder ein Turm. Kein Schloss oder eine ähnliche Monstranz ist das begehrteste Ziel der Stadt. Nein, eine kleine, fast unscheinbare in Bronze gegossenen Märchennixe, die beinahe schüchtern auf den Hafen blickt, begeistert die Massen.

Wer hier einmal angelangt ist, macht einen Fehler, wenn er sich nicht anschließend mit dem Wasserbus durch die Kanäle, vorbei an Oper, Schauspiel, Schlössern, der Anarcho-Siedlung Christiania in den Nyhavn bringen lässt. Bunte und hingekleckste Fassaden wie aus einem Malkasten, übergroße Postkarten. So präsentiert sich der – immerhin schon 300 Jahre alte – „Neue Hafen“. Von den gefürchteten ehemaligen Fischer- und Seemannsspelunken ist nichts mehr zu sehen. Dieser Stichkanal mit den Restaurants zu seinen beiden Seiten ist fest in touristischer Hand und lockt mit dänischen Spezialitäten. Legoland-Idyll im heraufziehenden Dämmerlicht.

Das Abenddunkel kriecht durch die Straßen. Die Fahrt geht vorbei an der barocken Börse mit ihrem Drachenturm – schon damals war das Kapital mit eindeutigen Symbolen behaftet – und endet im Mash, der ersten Abendsensation.

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