Tel Aviv. Ein schweißnasses Aufbegehren.

Stadtgeschichten 19.10.2012

Tel Aviv ist einer der Hot Spots für Bar- und Clubgänger. Die Nächte gleichen oft einem Tanz auf dem Vulkan. Es brodelt und dampft, man gibt sich hedonistisch und cool. Begleiten Sie unsere Autorin auf einem Streifzug durch die Szeneviertel dieser faszinierenden Stadt.

Ich atme den säuerlichen Geruch der Straßen ein und blicke den tropfenden Plastikschläuchen der Klimaanlagen hinterher. Diese Stadt zerfällt. Langsam aber allmählich. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, wie sie sich aufzulösen scheint. Vom Kern her, von innen. Mauerstücke brechen aus den maroden Häuserwänden, die asphaltierten Straßen verlieren ihre Tragfähigkeit, die immergrünen Bäume höhlen aus. Ampeln biegen sich kapitulierend zum Boden. Müllberge verschlingen die Gehwege.

Man kann nicht genau sagen, ob die Stadt unter dem Ballast des Lebens versinkt oder ob dieser sich nur mit den letzten Brocken des Daseins verbindet. Fest steht, dass der Dreck mit der zerfallenden Stadt verschmilzt und einen riesigen Haufen hinterlässt. Die Stadt ist ein Trümmerhaufen. Und viele Tel Avivies wissen darum. Sie gehen auf die Straße und kämpfen für etwas, von dem sie nicht die leiseste Ahnung haben, wie es sich anfühlt: Frieden.

Viele Jahre haben sie ihre Todesangst in einen eskapistischen Zwang verwandelt. Dieser Zwang ist immer noch spürbar, aber der Wunsch danach, ohne Angst zu leben, ist größer geworden. Er hat das Bedürfnis nach Verdrängung abgelöst und einen Willen geformt, der unaufhörlich wächst. Diese eskapistische Zerstreuung hat Tel Aviv bekannt gemacht. Sie hat weltweit dafür gesorgt, dass diese wilde Stadt am Meer zum Zentrum der Feierwütigen geworden ist. Jetzt ist sie zum Zentrum des Aufbegehrens mutiert. Einem schweißnassen Aufbegehren.

Mehr als ein Spiel mit dem Feuer

Ich mäandere durch Florentin, das Kreuzberg von Tel Aviv. Amerikaner, Franzosen und Holländer kommen mir entgegen. Sie haben sonnenverbrannte Nasen und ihre weißen Bäuche quellen aus den nassen Shorts. Sie lieben den Tanz auf dem Vulkan. Ein Ausdruck, der die Nächte von Tel Aviv beschreiben soll. Dabei sind die Nächte von Tel Aviv viel mehr als ein Spiel mit dem Feuer.

Mein Streifzug führt mich zum Teder. Einer kleinen Bar an der Allenby Road Ecke Har Sinai. Direkt an einer der größten Synagogen gelegen, gehört die Bar zum Hipster-Bermuda-Dreieck von Tel Aviv. Gleich rechts neben ihr befindet sich das gleichnamige Har Sinai und auf der gegenüberliegenden Seite der Allenby das Cordroy. Hier versammelt sich, was in der hyperreflektierten Medienlandschaft als Hornbrillen und Jutebeutel-Pack abgestempelt wird. Aber diese Tel Aviver Hipster sind kreative, nicht auf den Mund gefallene Rebellen.

Abwertend vom Mainstream als Revoluzzer bezeichnet, wollen sie sich nicht länger von der Regierung auf der Nase herumtanzen lassen. Sie sind die israelische Opferrolle leid und haben sich entschieden zu kämpfen – für ein neues Tel Aviv und für ein neues Israel. Wer alles über diese Generation erfahren möchte, wechselt zwischen den drei nahe gelegenen Plätzen, setzt sich an fremde Tische und kommt einfach ins Gespräch. Denn gesprochen und diskutiert wird hier viel. Die jüdische Identität des endlosen Hinterfragens ist nicht tot, sondern zuckt lebendig in den Gassen dieser orientalischen Metropole.

Über den Winter bleibt das Teder geschlossen. Denn es ist eine der wenigen Bars, die sich auf ihren Außenbereich konzentriert. Der Tresen selbst befindet sich in einem kleinen Raum, der auch als Radiostation dient. Nur wenige Bars in Tel Aviv verfügen über einen solchen Außenbereich, der einem die warmen Nächte unter freiem Himmel gewährleistet. Die meisten Clubs oder Restaurants verstecken sich in Kellern oder hinter schweren Türen, die dafür sorgen, dass die Klimaanlage die Raumtemperatur auf eisige 16 Grad abkühlt. In Israel friert man, sobald man sich in einem geschlossenen Raum befindet.

Im Teder oder Cordroy sitzt man dafür auf alten Holzbänken, genießt den salzigen Wind, lächelt den vorbeischlendernden Verliebten hinterher, den Touristen mit den verbrannten Gesichtern, oder schaut in den rötlich schimmernden Nachthimmel. Das Getränkeangebot ist so wie die Musik – minimal. Bier, Prosecco und Vodka Tonic gibt es hier für wenig Shekel (israelische Währung).

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