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10 Jahre in Berlin Schöneberg: Das Stagger Lee feiert Jubiläum. Und Barkultur

Eine Dekade in Berlin: das Stagger Lee

Die Stagger Lee Bar in Berlin hat ihren zehnten Geburtstag mit einer denkwürdigen Party gefeiert. Noch immer hat die Bar von Maureen Reichl einen unglaublichen Einfluss auf die deutschsprachige Barkultur – auch wenn das Rampenlicht inzwischen woanders scheint. Peter Eichhorn, Gast der ersten Stunde, mit einer Würdigung.

Es war eine rauschende Partynacht in Berlin Schöneberg. Dienstag, der 17. September 2019, wird all jenen, die dabei waren, in Erinnerung bleiben. Die Champagnerkorken knallten, die berühmte Glocke läutete die nächste Runde Bourbon ein und die Anzahl der Blumensträuße der Gratulanten sorgte beinahe für Floristik-Shop-Ambiente.

Auf den Tag genau: das Stagger Lee in Berlin feiert zehn Jahre

„Es war tatsächlich exakt der 17. September 2009, als wir das Stagger Lee das erste Mal öffneten“, erinnert sich Maureen Reichl, Betreiberin jener Bar, die in den vergangenen Jahren neue Bar-Maßstäbe in Berlin setzte – zuerst unter extremer öffentlicher Beachtung, danach (und durchaus beabsichtigt) immer mehr im Stillen und ohne das Verlangen, auf der großen Bühne zu stehen.

Wer sich an das Barjahr 2009 in Berlin zurückerinnert, konnte damals bereits großartige Drinks verkosten. Sei es in der Windhorst Bar, Victoria Bar, Reingold, Würgeengel, Rum Trader oder Lebensstern. Doch all diese Bars waren sehr klassisch, einige geradezu konservativ. Plötzlich kam ein kühnes Barprojekt hinzu, wie es die Hauptstadt und eigentlich ganz Bar-Deutschland noch nicht kannten.

10 Jahre in Berlin Schöneberg: Das Stagger Lee feiert Jubiläum. Und Barkultur
Die Ruhe vor dem Sturm | ©Daniel Pasche
10 Jahre in Berlin Schöneberg: Das Stagger Lee feiert Jubiläum. Und Barkultur
Full House im Stagger Lee zum Jubiläum | ©Daniel Pasche
10 Jahre in Berlin Schöneberg: Das Stagger Lee feiert Jubiläum. Und Barkultur
Jetzt wird angestoßen: Happy Birthday Stagger Lee | ©Daniel Pasche
10 Jahre in Berlin Schöneberg: Das Stagger Lee feiert Jubiläum. Und Barkultur
10 Jahre in Berlin Schöneberg: Das Stagger Lee feiert Jubiläum. Und Barkultur
Yannik Walter und Jakob Etzold besprechen die Karte für den Abend | ©Daniel Pasche

Der Zauber der speziellen Aura

Die spezielle Aura der schweren Chesterfield-Sofas, der roten Mustertapeten, der Kronleuchter, der Schwingtüren und des allgemeinen Saloon-Styles des späten 19. Jahrhunderts zogen auf Anhieb die Gäste in ihren Bann. Auch das Konzept, das scho damals mit deutlichem Fokus Tequila und American Whiskey inszenierte, war damals beileibe keine Selbstverständlichkeit. Die Hausvariante des zaghaft um etwas Kirsche ergänzten Mint Julep ist bis heute nicht von der Cocktailkarte des Stagger Lee wegzudenken.

Rasch versammelte sich eine treue Schar an Stammgästen rings um den Tresen und freute sich über Drinks und Service von Betreiberin Maureen Reichl und Barchef Jakob Etzold. Sei es ein Cocktail oder ein Herrengedeck aus Bourbon und Bier. Hinzu kam die Vorfreude, wenn nachts die legendäre „Schrippenmutti“ mit ihrer mobilen Verpflegungsstation hereingeschneit kam und die Nachtschwärmer mit Buletten, Gurken und Lebensweisheiten versorgte.

10 Jahre in Berlin Schöneberg: Das Stagger Lee feiert Jubiläum. Und Barkultur
Erhellt seit zehn Jahren das Schöneberger Nachtleben: das Stagger Lee | ©Daniel Pasche

Das Stagger Lee: mehr als nur ein Ort für erstklassige Cocktails

Das Stagger Lee wurde aber vor allem rasch mehr als nur Trinkstätte, es wurde zum Wohnzimmerersatz. Auch deshalb, weil hier niemand belehrt oder mit abstrusem mixologischem Firlefanz irritiert wurde. Das Stagger Lee war einfach stets die edelste und köstlichste Variante einer schummrigen Kaschemme. Benannt nach einem Mörder.

Der Killer in uns allen

Stagger Lee Shelton war ein schwarzer Kutscher und Kleinkrimineller in St. Louis, der seinen Kumpel Billy Lyons am Weihnachtsabend 1895 in den Rücken schoss, nachdem man sich über die Politik in die Haare geraten war. 1912 starb der Mörder an Tuberkulose im Gefängnis von Jefferson City.

Stagger Lee und seine traurige Geschichte prägten in der Folge die Musikgeschichte, indem Sänger wie Nick Cave, Blasmusiker wie Louis Armstrong und Bands wie Taj Mahal oder The Grateful Dead das Thema des Mordgeschehens aufgriffen. Stagger Lee prägte den Blues. Und ein wenig auch die Kriminalgeschichte. In der Stagger Lee Bar liegt in der alten National-Registrierkasse am Eingang daher stets eine Spielzeugpistole für alle Fälle parat. Und „to stagger“ bedeutet so viel wie „torkeln“, eine im Umfeld von Bars – und erst recht Saloons! – nicht unübliche Fortbewegungsart.

Stagger Lee

Nollendorfstraße 27
10777 Berlin

Täglich ab 19 Uhr

Mut, Konsequenz und Offenheit prägen das Stagger Lee noch heute

Zurückhaltend und großartig, so präsentierte sich diese Bar-Institution im Schöneberger Nollendorf-Kiez. Und so war niemand verwundert, als die Stagger Lee Bar im Rahmen der MIXOLOGY Bar Awards zur „Bar des Jahres 2012“ (damals noch für alle drei deutschsprachigen Länder) ausgezeichnet wurde. Jörg Meyer, damaliges Jurymitglied und mit seinem Le Lion selbst einer der prägendsten Barbetreiber unserer Zeit, erklärte seinerzeit: „Das durchdachte Konzept von Eigentümerin Maureen Reichel und Barchef Jakob Etzold überzeugt durch Mut, Konsequenz und Offenheit. Eine Bar wird nicht von heute auf morgen zu einem großen Namen. Das Stagger Lee hat bewiesen, dass man das Zeug dazu hat“. Ein Urteil, das noch heute Gültigkeit besitzt.

10 Jahre in Berlin Schöneberg: Das Stagger Lee feiert Jubiläum. Und Barkultur
Blondie, Jimi Hendrix und Janis Joplin im Glas | ©Daniel Pasche

Ein echter Ehrengast zum Zehnjährigen

Die rauschende Feier zum 10-jährigen, sie wird in Erinnerung bleiben. Gäste, Nachbarn, Kollegen und ehemalige Bartender strömten herbei und trugen stolz das Jubiläums T-Shirt, das Maureen Reichl ihnen überreichte. Ein besonderer Ehrengast kam speziell für den Anlass aus Australien eingeflogen: Jakob Etzold, der mittlerweile in Australien lebt, beeinflusste und repräsentierte die ersten Jahre der Stagger Lee Bar wie kein Zweiter. Und als wäre es gestern gewesen, schleppte er die Eiskisten aus dem Lager und begrüßte die Gäste mit seinem unverwechselbaren Humor. Und das nicht ohne Grund: So blieb für Maureen Reichl mehr Zeit, ihre Gäste an der Tür mit Champagner in Empfang zu nehmen, um auf die vergangenen zehn Jahre anzustoßen. Und hoffentlich gleichzeitig auf die nächsten zehn!

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Credits

Foto: ©Daniel Pasche

Comments (1)

  • Florian

    Liebe Nachbarin, da kann man nichts anfügen. Deine Bar ist einfach nur gut. Wusste allerdings nicht, dass du so angesehen bist in der Szene… Respekt!

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