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Steins Steter Tropfen: Berlin, Hauptstadt der deutschen Bar ... Arroganz?!

Steins Steter Tropfen: Berlin, Hauptstadt der deutschen Bar … Arroganz?!

Unser Autor Martin Stein ist ein Cocktailreisender, der seine Zeit am liebsten in Bars verbringt. In seiner Serie „Steins steter Tropfen“ geht es um gute Getränke und Gedanken, die sie verbinden. Es geht um Beobachtungen von unterwegs und Betrachtungen von der anderen Seite des Tresens. Diesmal: Deutsche Bars werden auf Weltbesten-Listen regelmäßig ignoriert. Liegt die Antwort vielleicht in der eigenen Arroganz?

Äpfel gehören zum Kernobst, werden schon in der Bibel erwähnt und sind von der Optik her meist eher rundlich. In ihrer kultivierten Form finden sie Verwendung als Apfelsaft, Apfelstrudel, gedeckter Apfelkuchen oder auch ganz einfach als Tafelobst. Auch die Birne gehört zum Kernobst, ist in ihrer Erscheinung, nun ja, birnenförmig, oft weniger säuerlich als der Apfel und bleibt in ihrer Beliebtheit augenscheinlich hinter dem Apfel zurück; die Williams-Birne sei hier als rühmliche Ausnahme erwähnt. Der Apfel gilt als uraltes Symbol der sündhaft-jugendlichen Fruchtbarkeit, die Birne eher als Gegenteil davon. Das wär’s einstweilen zu diesem Thema.

Gut, alles nicht besonders tiefschürfend, aber Sie haben es bemerkt: Ich habe grade Äpfel mit Birnen verglichen. Ging ganz leicht. Können Sie mal sehen.

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Ursachenforschung

Nun ging vor einigen Tagen die Athens Bar Show zu Ende, nur wenige Wochen nach dem BCB, und warum soll man denn nicht auch mal diesen Vergleich anstellen, diesen Vergleich zwischen Äpfel und Birnen, David und Goliath, zwischen einem Ruderboot und einem Kreuzfahrtschiff, zwischen Union Berlin und der Hertha… nun, gerade letzteres Beispiel zeigt ja ganz eindrücklich, dass das mit den angestammten Hierarchien oft so eine Sache ist, gerade in der Hauptstadt.

Athen hingegen hat sich um Hierarchien nie viel gekümmert – man kann es sich schlicht nicht mehr vorstellen, dass ganz Griechenland vor gar nicht so vielen Jahren noch absolute Cocktail-Diaspora war, wo dem Dürstenden nur kümmerliche Labung zuteilwurde. Mittlerweile sind die griechischen Bars aus den Bestenlisten der Welt nicht mehr wegzudenken, im Gegensatz zu Deutschland, wo diesbezüglich traurige Ödnis herrscht, und während nun die Reaktionen darauf zwischen „Warum-mag-uns-bloß-keiner“ und „Bestenlisten-sind-eh-doof“ changieren, kann man ja mal nach Gründen suchen, weshalb das so ist.

Gut, wenn man im November in Athen aus dem Flieger steigt, fällt es einem selbst schwer zu glauben, was Freunde und Familie seit jeher skeptisch beäugen: dass man definitiv rein beruflich hier ist, zum Arbeiten, und weil man schließlich sorgfältig recherchieren muss, und mit Spaß hat das alles ja nichts zu tun, oder höchstens nur ganz wenig. Den Mangel an mediterranem Ambiente kann man Berlin schwerlich vorwerfen; auch noch so viele Dönerbuden machen einen Novemberspaziergang in Hemd und kurzer Hose an der Akropolis vorbei nicht wett.

Die Athens Bar Show ist allerdings weit mehr als ein Getränkejahrmarkt in pittoreskem Ambiente, und sie ist mittlerweile auch viel mehr als nur eine regionale Angelegenheit. Unter den 90 Ausstellern (doppelt so viele wie im Vorjahr, aber immer noch nicht mal 20% der BCB-Anzahl) finden sich neben allem attischen und den unmittelbaren Nachbarn auch immer mehr weiter gereiste Marken; Gin, Whisky, Wermut, was das Herz begehrt.

Die Vielfalt zeigt, dass die Anziehungskraft der Messe steigt, und zwar für alle Seiten. Ist es ein Zufall, dass sich Bacardi dieses Jahr komplett aus Berlin herausgehalten hat, aber in Athen sehr aktiv in Erscheinung tritt? Gut, eine Wachablösung muss man noch nicht gleich herbeiorakeln, auch wenn etwa bei den Referenten – unter anderem Monica Berg, Simone Caporale, Ago Perrone, David Wondrich, Peter Dorelli u.v.m. – die Hochkaräterdichte ebenfalls riesengroß zu sein scheint. Ausschließen sollte man das aber auch nicht.

Belastung und Bewältigungsstrategien

Es gibt nämlich einen Punkt, der in Athen besonders augenfällig ist: dieses Gefühl einer gemütlichen Feier unter Freunden, mit richtig guten Freunden sogar, ohne Ouzo-Witze und ohne die ganze bucklige Verwandtschaft, die man eh nicht einladen wollte. Natürlich liegt das am Wetter, natürlich liegt das auch am Luxus, meist nur ein paar Minuten Fußweg von einer Bar zur anderen zu haben – vor allem aber liegt das an einer überragenden Gastlichkeit, die man wirklich überall erfahren darf.

Eines ist völlig klar: So eine Messe ist für alle arbeitenden Beteiligten eine Ochsentour, ob nun in Athen oder Berlin oder woanders. Bartender:innen schuften untertags auf der Messe und abends in der Bar, und überall herrscht Ausnahmezustand; oft genug hat das was von Doppelschicht im Irrenhaus. Entsprechend sind auch alle immer froh, wenn es vorbei ist; so weit, so verständlich.

Bloß: Die Strategien, mit dieser Belastung umzugehen, scheinen doch recht unterschiedlich zu sein, und wenn man sich so umhört unter jenen, die in Berlin waren und von ihren Erfahrungen berichten, dann, ja dann… schämt man sich ein bisschen. Ob man das nun gerecht findet oder nicht: Jede Bar ist in diesen Tagen ein Aushängeschild nicht nur ihrer Stadt, sondern auch des Landes, und an dem Punkt sieht es leider oft schlecht aus.

Eine Berliner Bar hat nach der prestigeträchtigen Gastschicht einer Top-50-Bar gleich mal um halb ein Uhr zugesperrt, trotz anderslautender Öffnungszeiten und BCB; wer da dann seine 50 Euro Taxigeld umsonst verbrannt hat, na ja, Pech gehabt. Eine andere Bar mag eine halbe Stunde vor Feierabend keine sieben Leute mehr aufnehmen, obwohl halb leer und trotz der Zusicherung, sich mit Longdrinks zufrieden zu geben. Eine dritte Bar will während des BCB ganz grundsätzlich keine Bartender bewirten, weil, igittigitt, wer will denn schon das, was man hinter dem Tresen hat, auch noch vor Tresen sehen. Wieder woanders will ein Brand Ambassador die Gäste von ihren Plätzen verscheuchen, weil er jetzt diesen Abend gebucht hast und dann ja grundlegende Regeln der Gastlichkeit nicht mehr gelten. Blöd, wenn die zu Verscheuchenden auch nicht grade tags zuvor ihren ersten Drink gerührt haben.

Sowas spricht sich einfach herum.

Arroganz ist kein Geschäftsmodell

Das Stäubchen auf dem Espuma sind dann noch die zahllosen kleinen Unhöflichkeiten, Achtlosigkeiten und Geringschätzungen, teils durch die Securitys, teils durch Personal und Betreiber, offenbar auch hin und wieder motiviert durch den Gebrauch diverser Stimmungsaufheller. Darüber gesprochen wird hinter den Kulissen und hinter vorgehaltener Hand, aber es wird darüber gesprochen, und negative Eindrücke sind nun leider viel haltbarer als positive. Ein bekannter Barbetreiber berichtet von seinen Erlebnissen hier und schüttelt ein wenig traurig den Kopf: „Arroganz ist kein Geschäftsmodell.“

Mir tut es sehr leid für die vielen hinter den Tresen der Hauptstadt, die sich den Arsch aufreißen, um dem Kunden ein besonderes Erlebnis zu bieten, aber ganz offensichtlich ist der Anteil derer immer noch zu groß, die glauben, die Welt müsse ihnen mit Demut und Dankbarkeit entgegentreten, weil sie vorige Woche ein neues Schäumchen erfunden haben. Muss die Welt nicht. Gerade die internationalen Besucher können Schäumchen meistens ziemlich gut, und Infusionen und Mazerationen können sie auch, und darüberhinaus haben sie begriffen, dass ihr Geschäftsmodell nicht im Verkauf von Drinks besteht.

Den letzten Satz bitte nochmal lesen. Und dann in Schönschrift 50-mal abschreiben und an die Redaktion schicken. Dass das Getränk sehr gut ist, ist eine Grundvoraussetzung, ungefähr so etwas wie ein geschlossener Hosenstall, aber mehr auch nicht: It’s the hospitality, stupid.

Die allermeisten der Besucher in dieser Zeit sind vom Fach, viele spielen in der obersten Liga, und wenn man die verprellt, dann hat das eben ein Echo, gerade wenn es um die Ranglistenplätze bei irgendwelchen Awards geht. Natürlich gibt es auch an den Ranglisten genug auszusetzen: Vetternwirtschaft, PR-Wettlauf, hartes Insta-Game, Gastschichten-Marathon, um nur einige Schlagworte zu nennen, gar nicht zu reden von der grundsätzlichen Vergleichbarkeit so unterschiedlicher Konzepte wie etwa der Connaught Bar und dem Satan’s Whiskers – dennoch sind die Tendenzen schon aussagekräftig und selten völlig daneben.

Freundlich sein

Anthony Poncier, Gründer der Top 500 Bars, erinnert sich an ein Gespräch zu dem Thema, als dessen Essenz am Ende die Erkenntnis stand, dass, wenn man in den Rankings nicht berücksichtigt wird, obwohl man einmal im Jahr Besuch von der halben Welt bekommt, die Ursachenforschung vielleicht vor der eigenen Haustür beginnen sollte.

Es ist wie in der Zwischenmenschlichkeit: wenn mich keine Frau anschaut, dann ist es zwar traditionell üblich, dafür den Frauen in ihrer Gesamtheit die Schuld zu geben. Alternativ könnte man sich an einen ebenso derben wie wahrhaftigen Spruch erinnern: Wer ficken will, muss freundlich sein.

Credits

Foto: Good Studio – stock.adobe.com; Bearbeitung: Editienne

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