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Warum wir trotz Teuerungen weiter in Bars gehen müssen

Steins steter Tropfen: Warum wir weiter ausgehen müssen

Das Leben wird teurer, Energiepreise steigen, die kalte Jahreszeit kommt. Wer den Gürtel enger schnallt, spart häufig an Kunst, Kultur – und Gastronomie. Aber das wäre ein Fehler. Wie unser Autor in einem neuen Teil seiner Kolumne „Steins steter Tropfen“ schreibt: Bars zu besuchen ist gerade jetzt eine gesellschaftlich relevante gute Tat, die eben auch aus reinem Egoismus erfolgen kann – und muss.

Irgendwann in den letzten drei, vier Jahren scheint unser Planet ins Marvel Universum eingegliedert worden zu sein, allerdings mit einem starken Übergewicht der Superschurken, während die Superhelden offenbar alle noch darauf warten, dass das Cape aus der Reinigung zurückkommt.

Noch ist der Sommer halbwegs ruhig, auch wenn die Personalnot unvermindert ihr Unwesen treibt. Aber die Geschäfte der Gastronomen laufen halbwegs, und man könnte sich darüber auch freuen, wenn nicht der nahende Herbst seine kalten Schatten bereits vorauswerfen würde. Wird Covid wieder wüten, und wenn ja, wie stark? Wie groß wird die Katastrophe, die Wladimir der Schreckliche anrichtet?

Es ist ziemlich sicher, dass es nicht schön werden wird; man streitet sich nur noch über das Ausmaß der zu erwartenden Hässlichkeit. Klar ist: es wird teuer werden. Es wird ja jetzt schon teuer.

Sparen am leiblichen Wohl

In Deutschland wird das Leben teurer; die Welt schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und lässt die Sammelbüchse herumgehen. Es ist schon klar: Es geht hier durchaus um Luxusprobleme. Gedrosselte Gaslieferungen interessieren denjenigen wenig, in dessen Land überhaupt kein Gas mehr geliefert wird. Oder dessen Gasheizung mitsamt dem Haus in die Luft geflogen ist. Das Netz ist voller Whataboutism-Memes mit wehleidigen Deutschen, die nur noch zwei Schweinshaxen zu Mittag essen dürfen. Nichtsdestominder darf man sich über einen Knöchelbruch ärgern, auch wenn der Nachbar Krebs hat. So, wie es aussieht, wird der deutsche Knöchelbruch dergestalt Form annehmen, dass die gestiegenen Energiepreise viele Deutsche dazu zwingen wird, ihre Gürtel enger schnallen zu müssen.

Das Sprichwort deutet schon darauf hin, wo gespart werden könnte: am leiblichen Wohl. Deutsche können das recht gut; die Aldi-Wurst auf dem Weber-Grill ist ja schon sprichwörtlich. Kunst und Kultur geht es ähnlich: Wagner oder die Stones leistet man sich, darunter wird’s schwierig. Insofern kann man das schon nachvollziehen, wenn die Gastronomen ein leichtes Magengrimmen befällt, wenn sie an den kommenden Herbst denken. Verzicht ist etwas, das sich diese Gesellschaft ziemlich abgewöhnt hat, und so verzichten die Askese-Amateure dann wohl auch verlässlich erst mal auf das Falsche: eben auf Kunst und Kultur – und auf Bars. Als würde man auf die Unterhose verzichten, weil man sich sonst den Anzug nicht leisten kann.

Bars sind die Bolzplätze des Lebens

Es liegt an uns, den Menschen klarzumachen, dass Unterwäsche für ein ordentliches Dasein essentiell ist. Das muss doch zu vermitteln sein! Man kann ja Menschen wie Markus Söder nicht die Genugtuung geben, uns gar nicht mehr zusperren zu müssen, weil nämlich eh keiner hingeht! Und zwei Jahre Corona haben eindrucksvoll bewiesen, was aus einer Jugend wird, die ausschließlich zuhause das Leben erlernt. Furchtbar. Und die Älteren werden auch zunehmend asozialisiert.

Es muss wieder ins Bewusstsein der Menschen rücken, dass die Bars in der Erziehung des Menschen eine wichtigere Rolle spielen als das Kultusministerium, nicht nur in Bayern. Die Bars sind die Bolzplätze des Lebens für die große Mehrheit des Volkes, die nicht per se bundesligatauglich ist. Die Coupette ist die Petrischale des Daseins, in der sich unter gelehrter Aufsicht entwickeln darf, was sonst wild wuchern würde.

Dick aufgetragen? Ach was. Niemals.

Das wird nun auch nicht die Sophisticated Edition von „Zehn kleine Jägermeister“, das Hurra auf den Rausch. Eigentlich geht es ja auch genau darum: während der Pandemie ist der Alkoholverbrauch nicht gerade gesunken; die Leute haben zuhause gesoffen. Nicht besser, dafür mehr. Idealerweise ist eine gute Bar aber ein Ort, in dem eben nicht gesoffen wird, sondern genossen, und in dem das menschliche Bedürfnis nach Alltagsflucht in einer zivilisatorisch annehmbaren Form stattfindet.

Genuss steht über der Betäubung

Das Zuhause ist im Grunde ein zivilisationsferner Raum, und das nicht nur, wenn man Single ist und Maschinenbau studiert. Die Mechanismen in einer Familie arbeiten anders als in der Freiheit, genau wie die im Job. In einer Bar, die etwas taugt, lernt man eben auch Menschen kennen, die außerhalb der eigenen Sofakissenordnung funktionieren. Der Abend in einer Bar ist immer ein bisschen unvorhersehbar, und das ist ein Mehrwert in einer Zeit, in der man von Lieferando, Netflix und Pornhub immer genau das geliefert bekommt, was man sich gerade einbildet. Das kann doch nicht gut sein. Angeblich soll man beim Wegggehen auch nach wie vor ohne Tinder Menschen kennenlernen können.

Natürlich ist eine Bar auch immer ein Ort für Eskapismus, aber Eskapismus ist ja nicht grundsätzlich verdammenswert. So, wie die Welt sich entwickelt, haben wir alle mehr als nur ein bisschen Eskapismus verdient, und diejenigen, deren Realität ein wenig Platz für diesen Eskapismus lässt, sollten sich gottverdammt nochmal auch diesen Luxus leisten. Er ist es wert. Denn auch hier gilt: eine gute Bar ist als Fluchtpunkt wertvoller als das meiste, was man sich so zuhause zusammenzimmern kann. Der Genuss steht über der Betäubung, der Geschmack steht über dem Volumen, und die Überraschung über der Gewohnheit.

Bars dienen der generellen Orientierung

Vergessen wir bitte nicht, was für jämmerliche Spiritusvariationen wir alle in unserer Jugend in uns hineingekippt hatten, bevor uns die erste gute Bar unseres Lebens die Geschmacksknospen neu programmiert hat. Bars sind Schulen des Geschmacks und der Ästhetik, und das gilt nicht nur in Bezug auf Getränke. Man schöpft mehr Orientierung aus Bars, als man sich je eingestehen würde. Vielleicht macht man sich Gedanken darüber, weshalb man sich gerade an diesem Ort jetzt so wohl fühlt, und bemerkt dadurch erst die innenarchitektonischen Sünden der eigenen Behausung. Man verfolgt die Handgriffe bei der Entstehung eines Drinks und schafft es vielleicht zukünftig, ein Ei zu braten, ohne eine Küche wie nach dem Einfall der Zwerge bei Bilbo Beutlin zu hinterlassen.

Nebenbei würde einem guten Bartender auch auffallen, wenn ein Gast auf die Unterhose unter dem Anzug verzichtet hat. Dieser Beruf schult das Auge; davon sollte man als Gast auch profitieren; es scheinen ja schon so etliche Grundkompetenzen während der Pandemie gelitten zu haben, die Kleidung mal außen vor gelassen.

Die Bars weiterhin und regelmäßig zu besuchen ist nun eine gesellschaftlich relevante gute Tat, die auch aus reinem Egoismus erfolgen kann und darf. Ich mag mir die jammrigen Gestalten in 30 Jahren gar nicht vorstellen, die den Bars unserer Tage hinterhertrauern wie heute die alten Säcke dem Zehnerl-Eis am Badeweiher.

Ja, Herrschaftszeiten, dann geht jetzt rein, dann müsst ihr später nichts bereuen. Und wer immer noch meint, dass das ein finanzielles Problem sein könnte, darf mir gerne mal sagen, wofür er oder sie sonst sein Geld ausgibt, und ich entscheide dann, ob das wirklich notwendig ist. Gern geschehen.

Steins steter Tropfen:

Teil 1: Der Garibaldi – so viel mehr als ein Campari-O

Teil 2: Auf irreale Ziele warten in Amsterdam

Teil 3: Warum wir weiter ausgehen müssen

Credits

Foto: Alessandro Biascioli – stock.adobe.com

Comments (1)

  • Lars

    Stilistisch klasse und zutreffend. Danke.
    Aber die Bar ist nicht der “Bolzplatz des Lebens”, das ist eher die Dive Bar.
    Die älteren unter den Lesern werden sich noch an magische Ort (Beispiel!) wie die Insel in Berlin-Moabit erinnern (RIP).
    Das waren die Bolzplätze des Lebens.

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