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Der Straits Sling: ein knackiges Ballett

Wer Straits Sling sagt, muss oft auch Singapore Sling sagen. Die beiden Cocktails mögen einen ähnlichen Ursprung haben, im Glas verhalten sie sich jedoch gänzlich unterschiedlich. Im Gegensatz zum Singapore Sling ist der Straits Sling trocken, bitter und frisch. Und eine Entdeckung wert.

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Ich habe vom Straits Sling erfahren, wie man es als anständiger Bar-Journalist manchmal tut: durch lügen. Oder vielmehr, nein, so meine ich das nicht.

Nennen wir es lieber durch ein Verschweigen der Wahrheit.

Die Wahrheit wäre nämlich gewesen, dass ich noch nie davon gehört hatte. Aber da saß ich bei einem Interview mit einem Barbetreiber, einem, der schon um einiges länger im Business unterwegs war als ich zum damaligen Zeitpunkt. Ob ich schon mal vom Straight Sling gehört hätte? Klar, murmelte ich, schon; hätte die Rezeptur nur mal eben nicht parat.

Keine große Sache, sagte mein Gesprächspartner, es gehe darum, dass man einen Straight Sling anbieten könne als Alternative zu einem Gin & Tonic. Aber dazu müsse man erstmal wissen, dass dieser existiere.

Straits Sling

Zutaten

6 cl Gin
3 cl frischer Zitronensaft
1,5 cl D.O.M. Bénédictine
1,5 Kirschwasser bzw. Kirschbrand
2 Dashes Orange Bitters
2 Dashes Angostura Bitters
Soda on top

Straits Sling, nicht Straight Sling

Interviews sind eben manchmal eine taktische Sache. Man sollte sich nicht klüger machen als man ist. Man sollte aber unter Umständen auch nicht drei- oder viermal am Stück sagen: Sorry, hab ich noch nie von gehört. Also habe ich damals, wieder zu Hause, sofort nach dem ominösen Straight Sling gegoogelt. Die Antwort der Maschine: „Meinten Sie Straits Sling?“ Und wo an dieser Stelle der Algorithmus greift, ist auch der Singapore Sling nicht weit.

Das kommt nicht von ungefähr. Singapore Sling und Straits Sling sind zwei Getränke, die nicht nur phonetisch ähnlich klingen, sondern auch cocktailhistorisch miteinander verbandelt sind. Der Straits Sling soll ein Vorfahre des Singapore Sling gewesen sein, beide ersonnen im Raffles Hotel in Singapur. Das historische Gebiet, das später zu Singapur wurde, wurde von den Briten bei ihrer Übernahme als Straits Settlements betitelt. Beide Originalrezepten liegen heute auch nicht mehr vor, was dem Mythos nicht schaden kann – eher im Gegenteil. Aber während der Singapore Sling sich aufmachte, mit Swimming Pools und Flying Kangaroos ein Leben in Hurricane-Gläser zu führen, blühte dem Straight Sling, Verzeihung, dem Straits Sling ein Schicksal in der Unterwelt.

Die genauen Gründe dafür sind einerseits spekulativ, andererseits liegen sie auf der Hand: Singapore Sling und Straits Sling teilen sich die DNA aus Gin, Kirsche und D.O.M. Bénédictine, gehen aber ansonsten ebenso getrennte Wege wie die Diskus-Brüder Harting. Während sich der Singapore Sling mit Kirschlikör und meist diversen Säften auf die süße Seite des Lebens schlägt, ist der Straits Sling ein trockener Geselle, der wenig Spaß versteht. Aber Spaß macht.

Straits Sling: Bénédictine muss sein

Deswegen wollen wir ihm an dieser Stelle unsere volle Aufmerksamkeit widmen. Herzstück des Drinks ist die Kombination aus Gin und dem Kräuterlikör D.O.M. Bénédictine. Letzterer ist, abgesehen von den wenigen Dashes Orange und Angostora Bitters, auch die einzige Süßequelle in dem Drink. Das verdeutlicht, wohin die Reise aromatisch geht: Der Straits Sling ist kein Drink für Leute, die am liebsten den Restlöffel Honig ablecken, mit dem sie ihren Ingwertee verrührt haben.

Man ist beim Blick auf die Rezeptur sogar versucht zu sagen: Eigentlich müsste da doch noch etwas Süßes rein. Muss es aber nicht. Der herbal-bittersüße Doppelpunch des mit 48% Vol. sehr kräftigen, französischen Klosterelixiers bildet ein ausreichend stabiles Rückgrat des Drinks. Um diesem herum tanzen Gin und Kirschwasser ihr knackiges Ballet, unterstützt von der Frische der Zitrone.

Straits Sling am besten mit klassischem London Dry Gin

Als Gin empfiehlt sich eine trockene, wacholderbetonte Variante. Zu ausgefallene Vertreter ihrer Gattung wollen dem Bénédictine die Schau stehlen, bedenken aber nicht, dass sie an diesem Veteranen abprallen wie römische Legionäre vom Bauch des Obelix. Oder aromatisch einfach zu unbalanciert geraten. Ein Quarantini Social Dry Gin besticht durch ein starkes Bergamotten- und Manadarinenaroma, das in Kombination mit Tonic eine blumige Erfrischung darstellt. In einem Straits Sling vermixt reibt sich dieses dominante Aroma jedoch auf unangenehme Weise mit den Restzutaten. Bei der Wahl des Gins sollte man sich also nicht zu weit vom klassischen Ursprungsgedanken entfernen.

Auch bei der Wahl des Kirschschnapses sollte man natürlich nicht an Qualität sparen. Hier kann allerdings durchaus ein wenig twisten, denn wo Kirschbrand ist, ist auch Birnenbrand meist nicht weit. Ob man dann noch von einem Straits Sling sprechen kann, dessen DNA eben auch in der Kirsche liegt, sei dahingestellt, soll an dieser Stelle aber erstmal zweitrangig sein.

Wer bei mit Soda getoppten Drinks den Umstand nicht mag, dass jenes nach dem Auffüllen auf dem Drink schwimmt wie ein Perlteppich, unter dem sich das Aroma versteckt, kann den Drink wie einen modernen French 75 herstellen; also die sprudelnde Zutat nach dem Shaken in den Shaker hinzugeben und alles zusammen in das Glas abseihen. Aber das ist natürlich Geschmackssache, Traditionalisten mögen das anders betrachten.

Die Alternative zu Gin & Tonic

Bislang allerdings sind mir wenige Traditionalisten des Straits Sling begegnet. Ich mag mich täuschen, aber die Lobby des Straits Sling könnte noch einige Vertreter gebrauchen.

Nicht umsonst hat ihn mein damaliger Gesprächsparnter als Alternative zu einem Gin & Tonic ins Spiel gebracht, um Gästen den Weg vom Longdrink weg hin Richtung Cocktails zu ebnen. Und das wäre eine ziemlich gelungene Beschreibung, um dem Straits Sling die Türen zu öffnen, durch die er mit einem dezent bitteren, doch eleganten Lächeln treten würde.

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

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