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Cocktail auf Rädern: Ardian Shala und sein Ulmer „Stralemanns“

Gewachsen ist die Idee aus einer kleinen, nur für bestimmte Zwecke geöffneten Speakeasy-Bar. Mittlerweile versorgt Ardian Shala die Stadt Ulm mit Cocktails auf drei historischen Fahrrädern und hat als „Stralemanns“ ein zeitgenössisches Cocktail-Catering mit Anspruch aufgezogen. Zu Besuch bei einer Erfolgsgeschichte, die sich Räder angeschraubt hat.

Man gerät, wenn man Ardian Shala näher kennenlernt, in Versuchung, die eigenen Vorurteile bezüglich Neuro-Linguistischem Programmierens und Universums-Bestellungen nochmal zu überdenken, so sehr scheint der Strahlemann des Ulmer Stralemanns seine positive Ausstrahlung in Erfolg umzusetzen. Allerdings musste Shala dazu keine überteuerten Glückskekse bei irgendwelchen Tschaka-du-schaffst-es-Seminaren kaufen; einerseits wurde ihm die entsprechende Persönlichkeit wohl in die Wiege gelegt und anderer- sowie wichtigerseits legt er eine bemerkenswerte Neugier, Wissbegierde, Bescheidenheit und eben auch Fleiß an den Tag – weshalb das Stralemanns diese Zeiten viel besser überstanden hat as viele andere Bars.

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Das restaurierte Bar-Fahrrad stammt aus dem Jahr 1910

Nicht ortsgebunden, mobil, flexibel, vielseitig

Man könnte nun einwenden, dass das Stralemanns ja gar keine Bar ist, also so richtig, mit Adresse und Leuchtreklame und bösen Nachbarn und einem kaputten Händetrockner auf dem Klo. Man nennt sich ja auch selbst „Event, Food & Cocktail-Caterer“, und Catering ist doch auch nur so eine Art Lieferando ohne Fahrräder.

Von wegen. Im Grunde hat Ardian Shala mit seinem Laden vielleicht sogar so etwas wie ein Barkonzept 2.0 auf die Beine gestellt: nicht ortsgebunden, mobil, flexibel, vielseitig. Außerdem mit den viel besseren Fahrrädern: Das Stralemanns verfügt über mittlerweile drei historische Fahrräder, die mühe- und liebevoll zu ausgesprochen sehenswerten, fahrbaren Cocktailstationen ausgebaut wurden, und das lange bevor ein staatliches Lastenrad-Sponsoring die Genickfalten der SUV-Fahrer zornesrot anschwellen ließ.

Und nun fährt das Stralemanns dem lauffaulen Volk die Party gewissermaßen vor die Haustür – aber das wäre viel zu kurz gegriffen und auch ein wenig ungerecht. Ardian Shala hat einfach nur einen Bedarf entdeckt: in seiner kleinen Speakeasy-Bar, die im Grunde nur für spezielle Anlässe geöffnet war, fiel ihm der große Bedarf an einer derartigen Örtlichkeit auf. Er wurde weiterempfohlen, aber mancher wollte zwar nicht den Ort, wohl aber seine Dienstleistung – also schraubte Shala gewissermaßen Räder an diese Dienstleistung, und weil jeder seiner Auftritte bei einer kleinen oder auch größeren Veranstaltung letztlich zu einer Werbeveranstaltung für seine Leistung wurde, wuchs das Geschäft ständig und unaufhaltsam; an die Stelle des Speakeasy von damals ist etwa mittlerweile auch eine eigene Event-Location getreten.

Ulmer Miteinander von Protagonisten

Im Grunde genommen hat Shala in seinem ganzen Leben nicht viel mehr gemacht als Gelegenheiten ergriffen, Potentiale erkannt und Chancen genutzt. Alles ganz einfach eigentlich. Wenn man’s kann. Selbst die Corona-Beschränkungen konnten ihn nur kurz bremsen: Die Infrastruktur wurde fix für einen Cocktail-Lieferdienst genutzt, die Umsatzflaute tagsüber kurzerhand mit einer eigenen Dönerproduktion gefüllt, und darüberhinaus begann man dann auch noch, Unternehmen und Betriebe mit Getränken jenseits des Cocktails zu beliefern. Ständig wurde das eigene Leistungsspektrum den Gegebenheiten angepasst, und als dann zumindest die Beschränkungen für draußen fielen und all die Hochzeiten, Festivals und sonstigen Feierwütigen nach Essen und Getränken schrien, da war das Stralemanns bereit und lieferte, auch wenn die Woche zu wenige Tage und die Tage zu wenige Stunden zu haben schienen.

Der Erfolg des Stralemanns macht tatsächlich auch seiner Heimatstadt Ehre: Er steht symptomatisch für ein Ulmer Miteinander von Protagonisten, die sich durch Tatkraft und Kreativität auszeichnen, die sich helfen und Synergien schaffen, und denen oft zugute kommt, dass sie ihre Erfahrungen aus den verschiedensten Bereichen der gastronomischen Bildung ziehen können, womit sie manchmal besser aufgestellt scheinen als manche Kollegen aus den zentraleren, bekannteren Regionen des Barwesens.

Immer wieder findet auch Shala weitere Stellschrauben, an denen sich drehen lässt, und freut sich sichtlich, wenn sich wieder ein Ablauf ein bisschen weiter optimieren lässt: Bald hat das Stralemanns eine eigene App am Start, und ein eigentlich für Auf- und Abbau zuständiger Partner wird nun eben auch Teil des Liefersystems. Win-Win, wohin man schaut. Jeder Politiker, der in diesen Zeiten den abgedroschenen Krise-gleich-Chance-Mist nachfaselt, sollte schon mal grundsätzlich Tantiemen ans Stralemanns abdrücken müssen.

Ardian Shala schenkt nicht nur aus, sondern sammelt auch historische Spirituosen
Drei historische Fahrräder und ein fester Mitarbeiter-Stamm zählen mittlerweile zu „Stralemanns“

Personalmangel überall, nur nicht bei Stralemanns

Es ist auch bezeichnend, dass das Stralemanns von einem der drängendsten Post-Pandemie-Probleme der Gastronomie verschont zu bleiben scheint: Personalmangel ist offenbar überall, nur nicht hier. Ardian Shala hat nicht nur genug Leute, sondern auch noch genug gute Leute, und wenn man ihn voller Wertschätzung und Begeisterung über seine Mitarbeiter reden hört, dann versteht man auch, warum das so ist; warum der Bartrender, der eigentlich mittlerweile einen gut bezahlten, festen Job hat, trotzdem an den Wochenenden noch zu ihm kommt; warum er mit einem Koch glänzen kann, dem offensichtlich keine Weltküche fremd ist. Ganz nebenbei wird man auch gut bezahlt; wahrlich, verschlungen sind die Wege zum Erfolg …

Es gibt ja kaum ein größeres Kompliment als den Umstand, dass sich ein Geschäft so gut wie ausschließlich durch Mundpropaganda zu einer so respektablen Größe weiterentwickelt hat, und natürlich liegt das nicht nur an den hübschen Rädern, mit denen man beim Kunden vorfährt, sondern auch daran, dass Shala weiß, was die Kunden wollen. Manchmal weiß er das sogar, ohne dass sie vorher wussten, dass sie das wollen: mit einer mobilen Cocktailstation zehn alkoholische plus zehn alkoholfreie Cocktails anzubieten ist schon ein echter Brocken, und so mancher würde sich da wohl mit weniger zufrieden geben, aber eine Moscow-Mule-schmeckt-doch-jedem-Mentalität ist dem Stralemanns fremd. Ein bisschen mehr und ein bisschen besser geht schließlich immer, und so wird eben auch fleißig mazeriert und infusioniert und Sirup eingekocht.

Am Puls der Zeit

Von wegen, „Ach, das tut’s doch auch…“ Ardian Shala ist eben dennoch Bartender mit Leib und Seele, und davon abgesehen, dass er ein guter Geschäftsmann ist, braucht er die Herausforderung am Brett, um sich nicht zu langweilen. Was die Getränke angeht, ist er immer am Puls der Zeit, schon deshalb, weil er grundsätzlich interessiert mitverfolgt, was Menschen wie Rémy Savage oder Alex Kratena grade so basteln – stets im Wissen, dass es da auch etwas zu lernen gibt, wenn man selbst keine Bauhaus-Bar plant.

Die Gäste wissen es offensichtlich zu schätzen, und so ist ein Ende der Erfolgsgeschichte Stralemanns nicht abzusehen. Er wird weiterhin an Neuem aufsaugen, was sich aufzusaugen lohnt, wird alte Spirituosen sammeln, Begeisterung teilen und empfangen und immer wieder Ideen haben, wie sich dieses oder jenes noch ein bisschen verbessern lässt. Vor kurzem ist er auch noch Vater von Zwillingen geworden. Effizienz, wohin man schaut.

Credits

Foto: Ardian Shala

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