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The Scientist Gin: Destillieren im Dienste der Wissenschaft

Sebastian Carotta ist Immunologe und wissenschaftlicher Direktor der Onkologie. Mit „The Scientist Gin“ nähert sich der gebürtige Vorarlberger seiner Leidenschaft für Gin mit wissenschaftlicher Akribie. Gleichzeitig will er mit seinem Produkt auch das Image seines Berufsstands verbessern. MIXOLOGY Online hat den Gin-Autodidakten besucht.

Es ist wie bei den meisten Expats oder im Ausland lebenden Menschen: Im Urlaub geht es vielfach zurück zu Familie und Freunden in die alte Heimat. In meinem Fall nach Baden bei Wien mitten im Weinbaugebiet der Thermenregion, in der echte, analoge Stammtischkultur noch gepflegt wird. Eine Kurstadt mit heilenden Schwefelquellen, deren Geruch einem jedes Mal aufs Neue in die Nase schlägt. Erst kürzlich ist die Stadt, in der auch über Hunde-DNA-Proben zur Ermittlung der Hundehäufchen-Verursacher nachgedacht wird, von der UNESCO zum Weltkulturerbe gekürt worden.

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Science und Surfen in Australien

Seit Sommer dieses Jahres kann Baden auch Gin. Genauer gesagt: The Scientist Gin von Dr. Sebastian Carotta. Wenn jener nicht gerade destilliert, zeichnet er als wissenschaftlicher Direktor der Onkologie und Leiter eines Covid 19-Testlabors beim Pharmakonzern Boehringer Ingelheim verantwortlich.

„Das Leben ist zu kurz, um immer das Gleiche zu tun“, sagt der gebürtige Vorarlberger, den es zum Studium der Biologie mit Spezialisierung auf Genetik nach Wien verschlagen hatte. „Danach war es für mich an der Zeit, in die Welt hinaus zu gehen und Menschen kennenzulernen. Australien hat mich fasziniert“, erklärt er den Schritt nach Down Under. Der Genetiker fasste Fuß am Walter and Eliza Hall Institute of Medical Research in Melbourne und spezialisiert sich auf Immunologie. „Die ich in den ersten drei Jahren nicht verstanden habe“, denkt er zurück und meint weiter: „Es war eine der härtesten Schulen. Anfangs galt ich immer als der Neue und habe mich selten so alleine gefühlt.“

Das änderte sich natürlich, der Westösterreicher wuchs mit den Herausforderungen, surfte an den nicht ungefährlichen Stränden und tauchte tief in die aromatischen Gefilde der Kaffeehauptstadt Melbourne ein. Durch einen Freund erlernte der Kaffeeliebhaber das Handwerk des Röstens, legte unzählige Röstungsprofile an und führte exakt Buch darüber, um irgendwann einmal vielleicht ein Kaffeehaus mit einer Slayer-Espressomaschine an Bord eröffnen zu können.

Jeder Versuch lässt sich in einem streng geführten Protokollbuch rekonstruieren

Von Melbourne zurück nach Wien

Nach zehn Jahren ging es zurück in die österreichische Kaffee-Hauptstadt und zum Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim. Nebenbei hält er Vorlesungen am Institut für Mikrobiologie, Immunbiologie und Genetik der Universität Wien und arbeitet gerade an seiner Habilitation über Tumor-Immuntherapie.

Das Surfbrett hat er an den Nagel gehängt und gegen ein Stand-Up-Paddle getauscht, die Begeisterung für Kaffee jedoch brodelt weiter. Vor vier Jahren ging es nach London, um sich den Traum von dem Kaffeeröster Cormorant Roaster zu erfüllen. Dort löst er auch einen Destillier-Geschenkschein in der City of London Distillery ein.

„Wie Liebe auf den ersten Blick“, erinnert sich Sebastian Carotta an den Einstieg in die Destillation. Seine eigene Gin-Firma hat er im Juni diesen Jahres gegründet. Seither tüftelt er offiziell an The Scientist Gin – sowie an einem „Gin-Venture“ nach dem anderen, das er nicht alleine beschreiten will.

Mit wissenschaftlichen Methoden die Destillierkunst verbessern

„Anfangs waren es Experimentierlust, Spielerei und eine Freude, für Freunde selbst destillierten Gin herzustellen und zu verschenken“, so der Destillateur, zu dem er immer nur außerhalb seiner Arbeitszeiten avancieren kann. Allzu sehr verändern muss er sich dafür allerdings nicht. Denn wie der Name The Scientist Gin schon sagt, stecken darin eine klare Ausrichtung und ein wissenschaftlicher Zugang. „Destillieren an sich ist spannend. Spannender aber ist das gesamte experimentelle Feld: sich Gedanken über Botanicals und ihr Zusammenspiel zu machen, verschiedene Destillierprozesse durchzuführen und zu dokumentieren. Was passiert, oder wie verändert sich ein Produkt beispielsweise, wenn man Zitronen einzeln destilliert. Ich will mit wissenschaftlichen Methoden die Destillierkunst verbessern und meine Erfahrungen weitergeben“, so sein Ziel einer Website als Kommunikationsplattform.

Auf der demnächst zugänglichen Domain thescientistgin.at will Sebastian Carotta Ergebnisse aus verschiedenen Destillationsprotokollen publizieren und wissenschaftliche Techniken erklären. Zum fachlichen Diskurs über Freeze Thaw Cycle, Gaschromatography oder Massenspektronomie zum Gewinn von Geschmacksnuancen in der Gin-Community anzuregen. „Netzwerken, der Austausch mit Interessierten und andere Menschen kennenzulernen bedeutet mir in dieser Gin-Expedition sehr viel, weil man nur gemeinsam weiterkommt. Ich will die Leidenschaft für diese Spirituose mit Wissenschaft kombinieren. Zeigen, was Gin alles kann, und Leute auf die Reise mitnehmen.“

Sebastian Carotta probiert sich an Gins mit regionalen Produkten wie Rotgipfler und Zierfandler-Weinen
Destillieren war für Sebastian Carotta „Liebe auf den ersten Blick“

Wissenschaft in besserem Licht erscheinen lassen

Auf dieser Reise möchte er Menschen auch einen positiven Zugang zu Wissenschaft, Forschung sowie ihren Akteuren vermitteln. „Um das Vertrauen in die Wissenschaft zu stärken. Wir sind nicht die, die im dunklen Kämmerchen vor sich hinarbeiten, aber wir müssen hinausgehen und mit den Menschen reden, ihnen Ängste und Zweifel nehmen. Man hat in der Corona-Krise gemerkt, dass die Menschen aufgrund vieler widersprüchlicher Informationen irritiert und verängstigt gewesen sind“, findet er.

In Australien sei das Verständnis für Wissenschaft in der Allgemeinheit durch öffentlichkeitswirksame Vorlesungen oder Informationsveranstaltungen weitaus positiver als hierzulande. Zu einem solchen, besseren Verständnis will er beitragen. Derzeit arbeitet er an der Kreation eines Kras-Gins. Das Kras-Protein spielt bei vielen Tumorerkrankungen eine entscheidende Rolle im Tumorwachstum. Darüber will er in einfachen Worten online wie auf den Etiketten informieren, Menschen dadurch Forschung und Wissenschaft näherbringen, auf die Bedeutung und Arbeit von Wissenschaftlern wie Onkologen oder Immunologen eingehen. Der Verkaufserlös dieses Kras-Gins soll dann an die Organisation „make a wish“ gehen und damit kranken Kindern zugutekommen.

Regionalität hilft auch The Scientist Gin

Noch fühle sich der Neo-Ginproduzent „wie ein Destillier-Praktikant“, der sehnlich die Lieferung der Erlenmeyerkolben des deutschen Chemikers Emil Erlenmeyer zur Abfüllung seiner Gins erwartet. Mehr als ein Jahr hat es gedauert, zwei mittlerweile marktreif konzipierte Signature Gins mit den Grundzutaten Wacholder sowie Angelika- und Iriswurzel in Eigenregie zu produzieren und die Geschmacksprofile oft auch mit Hilfe von Freunden bei Blindverkostungen einzelner Testreihen genauestens abzuwägen. Rund 100 Stück der beiden Gins mit Timut-Beere oder Zitrone sind bereits verkauft und im Umlauf seiner derzeitigen Heimatstadt Baden. Für einen Freund mit einem Spezialitätenladen produziert er gerade Ginello aus hauseigenem Gin mit selbstgemachtem Limoncello als Testlauf für eine mögliche Produktion im nächsten Jahr.

Sebastian Carotta liebt das Spiel mit Aromen und Geschmäckern, laboriert an Gins mit regionalen Produkten wie Rotgipfler und Zierfandler-Weinen und plant personalisierte Gins für regional ansässige Firmen, Bars oder Hotels. „Regionalität hilft“, ist der Wissenschaftler überzeugt. „Meine Philosophie des Miteinanders kommt hier besonders zum Tragen. Das große Interesse von Freunden und deren Beiträge sind hilfreich und motivieren zum Weitermachen.“

Mittlerweile sind es an die 300 Gin-Versuche, die in verschiedenen Flakons und Glasflaschen ein meterhohes „Testregal“ bestücken und so als Einzeleditionen oder inspirierende Grundlage für weitere Versuche dienen. „Im Gegensatz zur langjährig ausgelegten Forschungsarbeit hat die Gin-Produktion den Vorteil, schon nach einem Monat ein Ergebnis zu erzielen. Gleichsam wie in der Forschung aber tritt das erhoffte Resultat in den meisten Fällen nicht ein“, resümiert der Wissenschaftler.

Versehen mit Herstellungsdatum und Editionsnummer lässt sich jeder dieser Gins in einem streng geführten Protokollbuch rekonstruieren, um vielleicht durch Verzicht auf eine oder mehrere Komponenten verändert zu werden. Ingredienzien, ob getrocknet oder frisch, genaue Mengenangaben und Temperaturkurven werden akribisch genau versehen. „Ich sehe es als Gin-Expedition und Reise, auf der mich möglichst viele Menschen begleiten, mir Feedback geben und auch Wunschvorstellungen zu Gin einräumen sollen“, erklärt er.

Gesurft wird jetzt nur noch auf Aromen …

Die Reise geht für The Scientist Gin weiter

Der Cormorant Roaster ist zwar damals nach Österreich mitgereist. Aus Zeitgründen wird er jedoch nur noch selten auf Röstreise geschickt. Aber wer weiß schon, wohin eine Reise führt. Schließlich ist das Leben viel zu kurz, um immer das Gleiche zu tun …

Credits

Foto: Michaela Bavandi

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