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Tim Müller Deutsche Spirituose Manufaktur Berlin Mixology — Magazin für Barkultur

Tim Müller und seine Deutsche Spirituosen Manufaktur haben einiges vor

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eit zwei Jahren betreibt Tim Müller zusammen mit Konrad Horn die Deutsche Spirituosen Manufaktur in Berlin-Marzahn – ein Labor für reine Spirituosen. Mittlerweile beliefern sie High-End-Hotels, gehobene Bars oder halten Workshops in ihren Fabrikräumen ab. Wir haben uns das ambitionierte Projekt vor Ort angesehen.

Von der City West aus nach Marzahn fährt man fast einmal durch das touristische Berlin – Zoologischer Garten, Hauptbahnhof, Friedrichstraße, Alexanderplatz, Warschauerstraße – bis die Stationen plötzlich anders heißen: sie tragen Namen wie Springpfuhl oder Poelchaustraße – und dann ist man da, in Marzahn. Einer dieser Bezirke, die der Mitte-Ring-Berliner selten aufsucht, dabei gibt es auch gute (touristische) Gründe, wie die „Gärten der Welt“ – für Spirituosenliebhaber ist es explizit die 2017 gegründete Deutsche Spirituosen Manufaktur, die auf dem Gelände der Knorr-Fabrik gleich am S-Bahn-Hof Marzahn liegt.

» Das hier ist längerfristig angelegt. Es geht uns nicht darum, die Manufaktur schnellst möglich zu verkaufen. Wir möchten wachsen und uns ausprobieren. «  

Tim Müller macht die Deutsche Spirituosen Manufaktur en détail

„Georg Knorr Str 4 (bei Google Maps einfach Deutsche Spirituosen Manufaktur eingeben)“, hatte mir Tim Müller noch geschrieben, und dann komme ich doch am falschen Ende raus, denn das Knorr-Gelände ist weitläufig, alle möglichen Firmen verstecken sich in den kastenförmigen Gebäuden. Ein kurzes Telefonat mit Tim Müller, und ich befinde mich auf dem richtigen Weg: Über der Eingangstür des Klinkerbaus hängen als kupfergoldfarbenes Firmenzeichen die Buchstaben D S M eng verschlungen, durch die Fensterfront schimmern unzählige Glühbirnen, wie sie mittlerweile an (fast) jedem hippen Ort, der was auf sich hält, hängen.

„Komm herein“, sagt Tim Müller und begrüßt mich an der Tür – ordentliches Polo-Hemd mit dem Logo der Firma als Brosche. Seit 2017 betreibt er zusammen mit dem Pharmazeut Konrad Horn die Deutsche Spirituosen Manufaktur, die es sich zur Aufgabe macht, aus besonders erlesenen wie Qualitätsprodukten Schnaps und Aromen für die höhere Mixologie herzustellen, wie mir Tim gleich erzählt. Viele Fragen muss ich gar nicht stellen, denn ich befinde mich sogleich mitten in der Tour durch sein Reich: Knapp 450 Quadratmeter stehen ihm und seinem fünfköpfigen Team zur Verfügung. Die Räumlichkeiten sind perfekt aufeinander abgestimmt, der Touch Vintage, der sowohl im Namen als auch im Logo steckt, findet sich in jedem Detail wieder: Von der kupferfarbenen Brennanlage bis zum kleinen Flakon-Aroma-Set im Apothekenlook für Kunden oder der schwarzen Säule am Eingang, auf der in Gold gezeichnet und vermerkt ein kurzer Abriss der Geschichte der Spirituose zu finden ist, vom Alchemisten Salernus im 12. Jahrhundert bis zur Deutsche Spirituosen Manufaktur 2017. „Ich bin der Kreative im Team“, erzählt Tim Müller, „und war auch zuständig für das Innendesign – die Sachen habe ich von überall her, vom Flohmarkt oder auch aus dem Internet.“

100% Aroma und 100% unabhängig

Der gebürtige Bremer ist noch viel mehr: studierter BWLer, Werbefotograf wie -filmer und nun eben auch noch Spirituosenhersteller, wobei er nicht persönlich hinter der Brennanlage steht, sondern zwei ausgebildete Brenner, „Ich bin der Geschäftsführer, gebe aber auch viel Input, was neue Kreationen betrifft.“

An die 70 Schnäpse haben sie momentan im Angebot, wie Sizilianische Mandarine, Israelischer Estragon, Deutsche Zitronenverbene, Vietnamesischer Sternanis, Südafrikanischer Gold-Salbei, Chinesischer Ingwer oder Französische Lavendelblüte, die allesamt so intensiv und aromatisch riechen, dass man mit geschlossenen Augen denke könnte, es handle sich tatsächlich um die Kräuter, Früchte, Blüten oder Pflanzen selbst. Viel Handarbeit steckt dahinter: Um die reinen Gerüche zu erhalten, schälen er und seine Mitarbeiter auch mal unzählige Mandarinen, kratzen die weiße Beschichtung von den Früchten ab, denn nur so kann 100%iges Aroma gewonnen werden.

„Eigentlich hat alles mit Wein angefangen“, erzählt der 37-Jährige. In Südafrika hat er 2014 einen Sommelierkurs belegt, wie auch sein jetziger Geschäftspartner Konrad Horn. Die beiden kannten sich bereits und stellten fest, dass sie sich einer neuen Herausforderung im Leben stellen wollten. „Konrad war damals noch als Pharmazeut in der Industrie tätig und ich als Fotograf. Ich war über die Hälfte des Jahres unterwegs und hatte das Bedürfnis, wieder an einem Ort zu leben.“

So kam das eine zum anderen, und die beiden beschlossen nach einigen Unterhaltungen, sich mit Spirituosen selbstständig zu machen. Um möglichst unabhängig zu sein, verzichteten sie auf Investoren. „Das hier ist längerfristig angelegt. Es geht uns nicht darum, die Manufaktur schnellst möglich zu verkaufen. Wir möchten wachsen und uns ausprobieren.“

» Wir beziehen unsere Ware auch aus verschiedenen Teilen der Welt. Es war uns aber wichtig, einen Namen zu finden, der für das steht, was wir hier machen. « 

Tim Müller ist auch ein Freund des Abstands

Nach wie vor hat Tim Müller einen vollen Terminplan, er ist Frühaufsteher, noch vor sieben schickt er die ersten Mails heraus, bevor er zum Sport geht. “In der Zeit schaue ich nicht auf mein Handy und bin ganz bei mir.“ Das ist wichtig für den Unternehmer, der die letzten Mails noch abends von Zuhause verschickt. Ab und zu nimmt er sich auch mal einen Tag frei oder fährt für ein verlängertes Wochenende Freunde außerhalb Berlins besuchen. „Durch Abstand kommen ja auch gute Einfälle: Es ist schon öfter passiert, dass ich nach so einem freien Tag zurück gekommen bin und voller Ideen für die Manufaktur war.“

Bisher scheint ihr Plan aufzugehen. Sie beliefern High-End-Hotels, die gehobene Gastronomie- wie Barszene und geben auch Workshops. „Im Vergleich sind unsere Produkte nicht viel teurer als andere, auch wenn der Literpreis höher ist – von unseren Erzeugnissen braucht man viel weniger, weil sie so intensiv sind.“ Das „Deutsch“ im Namen steht für Qualität, mit aufgeladenem Deutschtum habe das nichts zu tun, versichert Tim Müller. „Wir beziehen unsere Ware ja auch aus verschiedenen Teilen der Welt. Es war uns wichtig, einen Namen zu finden, der für das steht, was wir hier machen“, und da kommt dann doch der Werbeexperte in ihm durch.

Der Brenner muss auch Bärlauch putzen

Für heute steht allerdings noch etwas ganz Praktisches auf seiner To-Do-Liste: Die Brennmaschine muss gereinigt werden. „Wir experimentieren gerade mit Kurkuma, das kann länger dauern. Als wir neulich mit Bärlauch gebrannt haben, mussten wir die Maschine fünf Mal reinigen bis der Geruch ganz weg war“, so Tim Müller. Auch das gehört zu den Aufgaben des Brennunternehmers, vermerke ich noch, mache mich zurück auf den Weg, ohne mich zu verlaufen – allein getragen von einem Duft aus Ingwer, Schokominze und Zirtronenverbene.

Credits

Foto: Caroline Adam

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