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Dunkel, erdig, bitter, köstlich: der Toronto Cocktail

Der Toronto Cocktail ist ein Drink, in dessen Entstehung ein Belgier in London auftaucht, der einen Likör aus Italien mit einem Destillat aus den USA oder Frankreich vermählte, bevor er schließlich den Namen einer kanadischen Stadt bekam. Vor allem aber ist er vermutlich der bekannteste Cocktail mit Fernet. Und: köstlich!

Die Einwohner Torontos sind – dies ergab zumindest eine von mir selbst durchgeführte, nicht wirklich repräsentative Umfrage unter einigen meiner Bekannten, die bereits das Glück hatten, die größte Stadt Kanadas zu bereisen – in besonderem Maße zuvorkommend und freundlich. Entspannte, sanfte Zeitgenossen also und somit genau das Gegenteil des Drinks, um den es hier gehen soll.

Der Toronto Cocktail ist, wenn ich das so sagen darf, von seinem Charakter her gänzlich unkanadisch: dunkel, erdig, bitter. Köstlich zwar, allerdings nichts für Freunde transparenter und leichter Getränke, sondern eher etwas für jene, die es nach einem ultimativen letzten Nightcap nach einem langen Abend in einer kalten Winternacht gelüstet – und übrigens einer jener Drinks, aber das nur am Rande, die sich wunderbar dazu eignen, in der Flasche einem Aging unterzogen zu werden.

Toronto Cocktail

Zutaten

5,5 cl Rye Whiskey (Old Overholt oder Sazerac)
0,75 cl Fernet (del Frate Angelico)
0,25 – 0,5 cl Zucker- oder Ahornsirup (abhängig vom verwendeten Fernet)
keine Aromatic Bitters

Spurensuche – führt der Weg wirklich nach Kanada?

Ein bisschen Geschichte, die auch dieses Mal wieder nicht so klar und übersichtlich ist, wie man sich das manchmal wünschen würde. Was wir allerdings sicher wissen: Ein Mann, der auf den ausgefallenen Namen Louis Muckensturm hörte, notierte bereits 1906 in seinem Buch Louis‘ Mixed Drinks ein Rezept, in dem Whiskey und Fernet eine Liaison eingingen; den Marine Cocktail, bestehend aus Fernet, Rock and Rye, Glycerin (anstelle von Zucker) und einem Orange Peel. Auch ein Fernet Cocktail findet sich in dem Buch, dessen Rezept allerdings nichts mit einem Toronto zu tun hat.

Anders ist das bei Robert Vermeire, in dessen Buch Cocktails: How to Mix Them von 1922 ebenfalls ein „Fernet Cocktail“ zu finden ist, der von seinen Zutaten her allerdings schon wesentlich mehr an einen Toronto Cocktail erinnert:

Fernet Cocktail
Fill the bar glass half full of broken ice and add:
1 dash of Angostura Bitters.
2 dashes of plain Sugar or Gum Syrup.
¼ gill of Fernet Branca.
¼ gill of Cognac Brandy, or Rye Whisky [sic] to taste.
Stir up well with a spoon, strain into a cocktail-glass, and squeeze lemon-peel on top. This cocktail is much appreciated by the Canadians of Toronto.

 

Woher er die Information hatte, dass sich vor allem Menschen aus der großen Stadt am Ontariosee von diesem Fernet Cocktail euphorisieren lassen, darüber lässt er uns im Unklaren. Vielleicht hatte er einfach ein paar „Torontonians“ bei sich zu Gast, die dem Drink intensiv zusprachen, weil er ihnen zusprach? Es bleibt ein Rätsel, dass die Cocktail-Historie vielleicht nicht mehr lösen wird. Aber wir halten das aus! Die erste Verbindung zwischen der Kombination der Zutaten (obwohl sich Vermeire nicht festlegt, ob der Drink mit Cognac oder Whiskey zuzubereiten ist) und Toronto findet sich aber wohl hier.

Nach dem Rezept von Vermeire tauchen in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts noch einige weitere Rezepte auf, die „seinem“ Fernet Cocktail zwar sehr ähnlich sind (inklusive der Option, sich für einen Traubenbrand aus der Charente oder einem vornehmlich auf Roggen basierendem Destillat entscheiden zu dürfen), allerdings jeweils unter anderen Namen.

Spannend wird es dann wieder 1930: William T. Boothby notiert in seinem Buch“Cocktail” Bill Boothby’s World Drinks and How to Mix Them das Rezept für den, Trommelwirbel … Toronto!

TORONTO

Whisky ………. ⅓ jigger            Fernet ……….. ⅓ jigger
Sugar Syrup …… 2 dashes      Bitters ………… 2 drops
Stir well with ice, strain into chilled cocktail glass, twist orange peel over
and serve.

Embury betrachtet den Toronto Cocktail pragramtisch

Auch danach taucht das Rezept noch ein paar Mal auf, unter anderem etwa bei W.J. Tarling (dort allerdings wieder unter anderem Namen). David Emburys Toronto-Rezept in The Fine Art of Mixing Drinks (1948) wartet wenig überraschend mit einem deutlich höheren Anteil Whisky auf, und zwar (daher sicher die Schreibweise ohne „e“): kanadischem.

Geschuldet ist dies vermutlich seinem manchmal etwas ausufernden Pragmatismus – seines Erachtens gehörte in einen French 75 Cognac statt Gin, was natürlich Unfug ist, aber man erkennt das Muster. Allerdings schreiben auch Vermeire und Boothby Whisky statt Whiskey – ein Versehen? Oder ebenfalls bereits ein Hinweis darauf, dass der Getreidebrand kanadischer Provenienz sein soll? Schwer zu sagen …

Nun, soviel zur Geschichte. Nun aber zum eigentlich Wichtigen, nämlich der Drink selbst.

Cognac oder Rye?

Da es sich beim Toronto Cocktail meines Erachtens im Grunde um einen Old Fashioned Cocktail handelt, der mit einer Extra-Portion Bitterkeit in Form von Fernet in neue Sphären gehoben wird, bin ich bei diesem Drink eindeutig für Whiskey. Und zwar, um genau zu sein: Rye Whiskey!

Ich will allerdings nicht zu apodiktisch dabei sein – jeder möge sich seinen Toronto zusammenbauen, wie er oder sie möchte. Gerade bei diesem Drink, in dessen Entstehungsgeschichte ein Belgier, der in London arbeitete, auftaucht, der einen Likör aus Italien mit einem Destillat aus den USA oder alternativ Frankreich vermählte, bevor er dann schließlich den Namen einer kanadischen Stadt bekam.

Ich halte einen nicht zu würzigen Rye Whiskey für die beste Wahl; zumindest in meinem Rezept (s.u.). Faustregel: Je höher der Anteil an Fernet, desto kräftiger und stärker darf, nein: muss der Whiskey sein, um sich gegen den Kräuterbitter zu behaupten. Und wie gesagt: Es sollte Rye sein, Bourbon macht (mir zumindest) in diesem Drink keinen Spaß.

Fernet und andere Bitters

Wie ich bereits bemerkte, verstehe ich den Toronto Cocktail als eine Art Improved Old Fashioned, d.h. die Menge des Fernet kann verglichen mit dem Rye Whiskey gerne deutlich geringer sein. Dafür darf dann aber auch ein besonders erlesenes Exemplar seiner Gattung Verwendung finden. Die Vermeires und Boothbys haben bei ihren Rezepten zu gleichen Teilen etwas verpasst, denke ich.

Je nach verwendetem Fernet (und Whiskey) darf es etwas mehr von ihm sein oder eben nicht. Die von mir definierten 7,5 ml Fernet lassen dem Drink eine subtile Minznote und zugleich eine wunderbare Tiefe angedeihen. Mehr Fernet ist möglich, ich würde mich aber langsam herantasten.

Was die Aromatic Bitters anbetrifft: Ich finde, man kann auf sie verzichten. Ihren Job übernimmt der Fernet hier in diesem besonderen Fall trefflich. Ich finde sie deshalb überflüssig und lasse sie weg.

Zucker, Zesten, Glaswahl

Wer es clean und reduziert mag, der greife zu Zuckersirup. Da die Kategorie der Fernets grundsätzlich sehr trocken ist, braucht es in jedem Fall etwas zusätzliche Süße, um den Drink in Balance zu bringen. Eine weitere Möglichkeit, die etwas mehr fancy daher kommt, wäre, den Zucker- durch Ahornsirup zu ersetzen. Dass diese Variante dann doch wieder kanadisch anmutet (Embury wäre vermutlich begeistert) ist dabei nicht alles: Der Ahornsirup versteht sich auch gut mit dem Rye und darf deshalb zumindest als etwas vielschichtigere Variante im entorhinalen Cortex gespeichert werden.

Was die Garnitur anbetrifft, rücke ich ausnahmsweise von meinem Zitronenzesten-in-Old-Fashioned-Cocktails-Diktum ab. Natürlich geht eine Zitronenzeste, eine Orangenzeste passt aber ausnahmsweise tatsächlich besser. Sie ist etwas weniger aggressiv, ein bisschen charmanter und der Drink ist bereits heftig genug.

Was das Glas angeht fällt es mir nicht leicht, mich festzulegen. Ob auf Eis oder in einem Goblet, wirklich schwer zu sagen. Ich würde der Variante, den Drink straight up zu servieren, wahrscheinlich den Vorzug geben. Der Drink bleibt nämlich auch spannend, wenn er etwas Temperatur bekommt, der Fernet nimmt dann ganz allmählich etwas mehr Raum ein.

Aber wie gesagt: Wer den Drink als Old Fashioned in einem kleinen Tumbler auf Eis serviert bekommt, wird ebenfalls nicht unglücklich sein, versprochen! Einfach beides mal ausprobieren, die wunderbare Vielfalt der Möglichkeiten genießen und selbst entscheiden. Wohl bekommt’s!

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

Comments (1)

  • JGatsby

    Dieses Rezept ist nur geringfügig entfernt von Averna, was einen Black Drink ausmacht… Diesen Zweifeln muss ich in der Embury Bar nachgehen und das dort erörtern 🙂

    reply

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