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Die Zukunft des Rausches

Tour de Trance, Teil 4: Die Zukunft des Rausches (falls es ihn noch gibt)

In unserer Schlussetappe zum Thema Rausch wird es noch einmal spannend. Wie wird der Alkohol der Zukunft konsumiert? Wie sehen Gesellschaft und Drogenkonsum überhaupt aus? Welche Bedeutung werden psychoaktive Drogen wie MDMA, Psilocybin und LSD haben? Wie hängt das alles mit Grindern, Microdosern, Kybernetik und der prognostizierten Singularität 2045, also dem Transhumanismus zusammen? Vorhang auf für das Finale Furioso unserer vierteiligen „Tour de Trance“ von Markus Orschiedt.

Zunächst noch einmal zurück in eine analoge, rückständige Zeit – die Zeit der Kneipe und des Bieres als Sinnbild für eine abgestandene Welt, die überwunden werden muss. Eine Welt der Arbeiter, Fussball-, Faschings- und Oktoberfestproleten und warum der westliche-urbane Zeitgeist damit nichts mehr anfangen kann. Dessen Probleme und Lösungen bewegen sich allerdings oft nahe am Obskurantismus und werden teilweise vertreten von Menschen, die noch vor nicht all zu langer Zeit Beschwörer von einem positivistischen Wissenschaftsbild waren. Stichwort „Deep Ecology“ und LSD. Selbst Elon Musk darf nicht fehlen. Wir werden sehen.

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Die Kneipe als Gegenöffentlichkeit

Beginnen wir mit der Kneipe. Wir kennen sie seit der Antike als sozialen Ort. In der jetzigen Form ist sie eine Hervorbringung der Industrialisierung seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Wohnungen der Arbeiter, die zu den Fabriken in die Stadt strömten, waren ärmliche, überbelegte Behausungen. Um dem zu entfliehen, boten sich die kleinen Spelunken an. Sie hatten eine Funktion als Schnittstellen zwischen Arbeit und Familie. Sie waren Debattierklub und stellten eine schwer zu kontrollierende Gegenöffentlichkeit dar. Kneipen waren in der ganzen Welt oft Ausgangspunkt von Unruhen und Aufständen. Aber sie sind auch Mikrokosmos und Verhandlungsort von anderen Alltagskulturen wie Fussball. Fussball und Bier, eine toxische Mischung nach Meinung von Gesundheitspolitikern und Suchtforschern.

Eine kürzlich gesendete Dokumentation positioniert sich ganz klar: Werbeverbot für Bier, kein Ausschank im Stadion, Sport und Alkohol – auch alkoholfrei – sollten nicht assoziiert werden, Jugendschutz. Vor der Kamera kommen zu Wort ein harter Stadion- und Kneipenalkoholiker, ein Suchtforscher einer katholischen Forschungsstelle und Gesundheitspolitiker, die das unterstützen. Gegenpositionen werden geframt als Branchenvertreter, finanziell abhängige Vereinsbosse, deren Aussagen eindeutig negativ kontextualisiert werden. Der Betrachter soll sofort spüren, dass sie auf der falschen Seite stehen. Menschen von gestern.

Vielleicht ist das so. Schließlich stirbt zumindest die Kneipe langsam aus. 2001 gab es noch 48.000 Kneipen. 2019 nur noch 29.000 und nach dem ersten Coronajahr waren es noch 22.500. Nach den Ursachen befragt, werden Individualisierung und Selbstoptimierung genannt. Ein Menetekel auch für Bars? Was das mit der Zukunft des Rausches zu tun hat, schauen wir uns mal genauer an.

LSD und Ökologie

„Wie können Drogen helfen?“ So lautet der Titel einer Dokumentation über psychoaktive Drogen auf „arte“. Bereits der Titel setzt den Ton. In der Tat zeigt die Geschichte des LSD seit seiner Erfindung durch den Schweizer Wissenschaftler Albert Hofmann im Jahre 1938 zu psychotherapeutischen Zwecken den Irrsinn im Umgang mit Drogen. Im Folgenden wird ausgeführt, dass LSD, wenn es nicht missbräuchlich in zu hoher Dosierung eingesetzt wird, wie dies vor allem in den 60er und 70er Jahren in der Hippie-Gegenkultur geschehen ist, ein probates Mittel ist, um seine Wirkung bei der Behandlung von Suchtverhalten, posttraumatischen Belastungsstörungen und Depressionen zu entfalten.

Zu dieser Gruppe zählen auch MDMA und Psilocybin. Nach der Diskreditierung als Massendroge folgte ein totales Verbot. Wortreich und unter ausführlicher Erörterung von dem zu einiger Berühmtheit gelangten Psychopharmakologe David Nutt wird erörtert, dass dies vor allem die wichtige Forschung an LSD ausgebremst habe. Zitiert werden Wissenschaftler und Literaten, die vor allem die Fähigkeit zur Transformation zu blockierten Bewusstseinszuständen hervorheben. Ein Verbot folge nur gesellschaftlichen Logiken und müsse zugunsten medizinischer Logiken aufgebrochen werden.

Ehrfürchtig werden auch seit Jahrtausenden praktizierte Riten und Kulte von Schamanen mit psychoaktiven Substanzen referiert. Man müsse über Grenzerfahrungen heraus aus der Enge der menschlichen Existenz. Drogen machen süchtig aus sich selbst heraus? Mitnichten, entscheidend sei immer das soziale Umfeld, wie das berühmte Red Park Experiment bewiesen habe. Dass diese Stoffe die Funktionsweise des Gehirns stimulieren und neuronale Verbindungen erlauben, die sonst blockiert sind, würde ja mit einem Verbot quasi das menschliche Gehirn kriminalisieren.

Fällt Ihnen etwas auf? Seit etwa 20 Jahren wird wieder intensiv mit LSD, MDMA und Psilopsybin geforscht und in der Tat sind die therapeutischen Ansätze unbestritten. Dann kommt noch eine erstaunliche Aussage von David Nutt, die nach Verschwörung klingt. Warum sich das nicht in großem Maße durchsetze? Die INDUSTRIE. Diesmal wird sie nicht beschuldigt aus Profitgier, eine Volksdroge zu produzieren, sonderm sie nicht herzustellen, weil des damit zu wenig zu verdienen gäbe. Argumentativer circulus vitiosus.

Dann wird es spirituell und esoterisch. Man kommt auf die Tiefenökologie (Deep Ecology) zu sprechen. Dahinter verbirgt sich eine grüne Bewegung, die von dem norwegischen Philosophen Arne Næss begründet wurde. Ehemaliger, hochgeachteter rationaler Positivist und Wissenschaftsverfechter (Wiener Schule), hat er sich später der Metaphysik zugewandt. Die Dokumentation trägt die Hypothese vor, dass durch die Verabreichung von LSD eine besondere Verbindung zur Natur und zu einem planetarischen Verständnis verstärkt wird. Laut Næss müssen wir unser metaphysisches Verhältnis zur Natur verändern, um die ökologischen Probleme zu lösen. Hierbei seien psychedelische Drogen sehr hilfreich. Aha! Nun gut, man kann auch argumentieren, dass man im Vollrausch die Anzahl der Bäume erhöhe, da man doppelt sehe. Quasi eine Anschauung erhalte, wie vollkommen doch die Natur sein könnte.

Jedenfalls gilt abseits von allem Mummenschanz: Sowohl bei Einschränkungen und Verboten von missliebigen Drogen (Alkohol), als auch bei der Forderung nach Zulassung und Entkriminalisierung von Substanzen bedient man sich des Vehikels der Gesundheit oder gar der Heilung des Planeten.

Droge und Gesundheit

Man kann das alles machen. Was stört, ist nicht die Debatte und die Aufklärung über die Gefahren des Alkoholmissbrauchs, missvergnüglich daran ist der Bias, die Verzerrung, mit der sie geführt wird. Es sind die kleinen aber wirkungsvollen Twists, die in der medialen Berichterstattung beinahe immer auftauchen. In Berichten über Alkohol fallen regelmäßig die Begriffe Lobby, Industrie, Konzerne. Hingegen handelt es sich um Experten, Produzenten oder Aktivisten, wenn es um Drogen geht, die man spannend findet und aus der Illegalität holen will. Sowohl bei der Einschränkung oder Verbotsforderungen gegenüber der Alkoholwirtschaft, als auch bei der Forderung nach Legalisierung genehmer Drogen, bedient man sich des Vehikels der „Gesundheit“. Dabei ist das einzige Mittel, um Prohibitionen, welcher Droge auch immer, zu vermeiden: Aufklärung.

In den Industrieländern sinkt der Alkoholkonsum seit Jahren, bei Teenagern hat er sich in den letzten 15 Jahren halbiert. Laut dem Weltdrogenbericht der UN konsumieren weltweit ähnlich viele Menschen Cannabis, wie vor zehn Jahren; obwohl immer mehr Länder den Genuss straffrei stellen und die Weltbevölkerung anwächst.

Was hingegen expandiert, ist die Anzahl der synthetischen Opioide, Cannabinoide und Amphetamine mit erheblichem Suchtpotential. Bei Opioiden ist der Anstieg rasant. Nicht nur in den USA, sondern auch im Globalen Süden, vor allem Afrika. Kokain ist in manchen europäischen Metropolen bereits Alltagsdroge. Die Konzentration in den Abwässern übersteigt an den Wochenarbeitstagen die an Wochenenden. Der „War on Drugs“, den Richard Nixon einst ausgerufen hatte (der sich aber in Wahrheit, wie wir heute wissen, gegen politisch unliebsame gesellschaftliche Gruppen richtete), ist längst verloren.

Was also tun? In einer offenen Gesellschaft bleibt nur ein Weg: Legalisieren, Aufklären, kontrollierte und lizensierte Abgabe der am meisten konsumierten und zu unrecht kriminalisierten Drogen. Die ständig wachsende Zahl noch abgefahrener Designerdrogen wird man ohnehin nicht in den Griff bekommen.

Was aber wäre mit einer Lösung für die weltweit meistkonsumierte Droge Alkohol? Hat David Nutt die Lösung, um Rausch mit Gesundheit zu versöhnen? Er stellt das jedenfalls seit über zehn Jahren in Aussicht. Angeblich sei er in der Lage, ein Getränk herzustellen, das zwar wie Alkohol berauscht, aber keinen Vollrausch zulasse. Es stimuliert die Rezeptoren im Gehirn, die dafür nötig sind, verursacht aber keinen Kater und schädigt weder Nervenzellen, noch Organe. Er nennt es „Alcarelle“. Man könne sogar Cocktails damit mixen. Er besetzt damit ein Thema, das die Funktionswelten westlicher Gesellschaften optimieren würden. Saufen ohne Nebenwirkungen, als Psychonaut 48 Stunden Raven ohne Absturz, kreativ und voller Energie arbeiten, ohne körperliche Abhängigkeiten. Nur Spinnerei?

Transhumanismus. Mensch 2.0

Im Jahre 2045, also in nicht einmal einer Generation, erleben wir die sogenannte Singularität. Laut Ray Kurzweil, Googles ehemaligem Chefingenieur, wird dann die Menschheit 2.0 die biologische Begrenzung durch die Verbindung mit Maschinen – den Transhumanismus – überwinden. Möglich wird dies in dieser Geschwindigkeit, weil die biologische und technische Evolution nicht linear, sondern exponentiell verläuft, so die These. Die maschinelle Intelligenz, mit der der Mensch gekoppelt ist, wird sich jenseits der humanen Fehlerhaftigkeit selbstständig machen und ständig weiter entwickeln und ins Unendliche steigern. Nanoroboter in unseren Blutbahnen kontrollieren Viren und Krebszellen. Das Gehirn wird durch Neuroimplantate ermächtigt, die immer weiter entwickelt schließlich dafür sorgen, dass es beinahe ohne Kohlenstoffbasis Bewusstsein erzeugt. Die Singularität ist da. Die Unsterblichkeit durch künstliche Intelliegenz (KI) nahe.

Oder, sie wird uns alle umbringen. Das behauptet jedenfalls Elon Musk. Auch er forscht mit seiner Firma „Neuralik“ an KI und Gehirnimpantaten, will sie aber ausschließlich zur Überwindung schwerer Erkrankungen einsetzen. Er arbeitet dazu mit einer Universität zusammen und plant in naher Zukunft erste Versuche am Menschen. Weltweit sind bereits 180.000 Menschen mit Hirnimplantaten ausgestattet. Jenseits der Hoffnung, durch Stimulierung der Suchtzentren den Menschen von Süchten heilen zu können, ist evident, dass der Mensch der Zukunft sich seinen Rausch ebenfalls stark modifiziert herbeisehnt.

Biohacker, Grinder, Enhancer

Bereits der Begründer der Kybernetik, Norbert Wiener, warnte zugleich vor den Gefahren. Dennoch kam es ab den 1960er Jahren zu einer eigentümlichen Verbindung aus Mensch-Maschine und LSD, die sich bis heute fortsetzt. Unter LSD, das ergeben Hirnscans, schließen sich unterschiedliche Hirnareale, einschließlich des visuellen Cortex, zusammen. Sie bilden unter Umgehung der Bewusstseinsbremse „Ich“ ein biologisches Netzwerk, wie auch Computer es können.

Biohacker, oder auch Grinder oder Enhancer genannt, versuchen die natürlichen Grenzen des Menschen mithilfe von Technik und Drogen zu überwinden. Diese Transhumanisten sehen sich als Pioniere auf dem Weg zu einer zweiten Alphabetisierung des Menschen. In der stetig wachsenden Szene lässt man sich allerlei Technik unter die Haut implantieren, um Dinge zu steuern. Zusätzlich geht es darum, den Körper und die geistige Leistungsfähigkeit zu optimieren.

„Ich bin 32 und habe 200.000 Dollar für Biohacking ausgegeben. Bin dünner, extrovertierter, gesünder und glücklicher geworden“, erklärt der Third Waver Serge Faguet, ein erfolgreicher IT-Unternehmer. Reiner Wendt dazu in seinem Buch „Kristall“: „Seit dem Beginn seiner Selbstbehandlung, schreibt er, habe er 26 Prozent Körperfett verloren, seinen Testosteronspiegel gesteigert, er schlafe besser, sei ausgeglichen und habe großartigen Sex. Neben Kraftsport, dem Schlucken von Hormonpräperaten und einem fett- und kohlenhydratarmen und entzündungshemmenden Speiseplan (Fisch, Avocados, grüner Tee) gehört zu seinem Programm die Einnahme des Wachhalters Modafinil, des Stimmungsstabilisierers Lithium und des Zufriedenmachers MDMA.“

Schöne neue Welt. Wendt fasst zusammen: „Es sind mehrere Dinge, die im Transhumanismus zusammenkommen, klassische, auf neue Weise benutzte Drogen, injizierte Substanzen, von denen möglicherweise neue, auf Gentechnik basierte Varianten entstehen, ständige Implantate und drittens – dies Möglichkeit bietet wahrscheinlich mehr als alle anderen zusammen – der Anschluss an die kommende künstliche Intelligenz.“ Der Jenaer Professor Robert Feustel, der zur Kulturgeschichte des Rausches promoviert hat, warnt hingegen eindringlich vor diesem Irrweg. Was wie Optimierung aussehe, münde in einer sklavischen Hingabe und Konformität mit den technischen Gegebenheiten und sei das weit geöffnete Tor in die Kontrollgesellschaft.

Microdosing und Harald Juhnke

Das alles ficht die höchst aktive Gruppe des „Third Wave Movement“ nicht an. Ihr Gründer (es ist nicht nur eine Bewegung, sondern auch ein Unternehmen: thethirdwave.co), Paul Austin (paulaustin.co) ist das ideale Testimonial. Blendend aussehend, bei bester Gesundheit, eloquent, witzig, hochkonzentriert und von ausgefeiltem Duktus. Er propagiert einen klugen Umgang mit Drogen, dazu gehört das Microdosing. Etwa ein Zehntel der „normalen“ Dosis von MDMA oder LSD sind ausreichend. Dadurch werde das Gehirn stimuliert, ohne die rauschhaften, visuellen Nebenwirkungen. Kreativität und Konzentration würden unterstützt. Beim grünen Tee berichtet er gegenüber Alexander Wendt, dass auch Steve Jobs angeblich unter LSD zu bahnbrechenden Erkenntnissen kam. Austin gibt Onlinekurse zum Thema Microdosing und Drogen. Welche sozialen Kompetenzen erlange ich mit dem Wirkstoff der Magic Mushrooms, dem Psilopsybin, wie kann ich den Flow meiner Arbeit mit LSD optimieren? Kokain sei öde, da ein reiner Treibstoff – Marschierpulver. Von Biohacking halte er auch nicht viel, da es nicht den Zielen des Third Wave Movement entspreche. Diese bestünden nicht in messbarer Leistungsteigerung, wie beim Biohacking, er wolle informieren. Und Geld verdienen.

Denn das ist letztlich die Konsequenz all des Biohackings, Selbstoptimierens und Microdosings. Ebenso, wie die Wünsche nach Verboten und Einschränkungen von Alkohol und anderer Drogen. Es geht darum, den Menschen mit dem Gesundheits- und Glückshebel zuzurichten als funktionstüchtiges Mitglied einer idealen Gesellschaft ohne Betriebsstörungen. Um die perfekte Einbindung in kapitalistische Kreisläufe ohne Ausfälle oder große Hindernisse. Aber das ist ein anderes, weites Feld. Austin ist sich bewusst, dass er ein elitäres Projekt einer gut verdienenden urbanen Avantgarde verfolgt, dem das Elend der Unterpriviligierten, vor allem der von der Opioidkrise betroffenen Arbeiterschaft, entgegensteht. Ausgelöst wurde diese tödliche Welle übrigens durch OxyContin, ein hochdosiertes Schmerzmittel aus der GesunheitsINDUSTRIE, das schnell zur Droge wurde.

Wir müssen also nur bis 2045 durchhalten, um unsterblich zu werden und zu unbegrenzt leistungsfähigen Cyborgs zu werden, die angetrieben von Drogen-Microdosing, schlaflos die nächste Evolutionsstufe erreichen. Quasi frei nach Harald Juhnke. Was ist Glück? „Keine Termine und leicht einen sitzen.“ Das warte ich dann alles mal in einer der letzten Kneipen beim Bier ab.

Credits

Foto: Porechenskaya – stock.adobe.com

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