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Elegante Zugkraft: der Twentieth Century Cocktail

Gin, Kakao und bitterer Aperitifwein klingen zunächst nach einer eigentümlichen Kombination. Der Twentieth Century Cocktail aus den 1930ern belehrt uns eines Besseren. Und entgegen der lange verbreiteten Ungewissheit können wir inzwischen sogar etwas mehr über seinen Erfinder sagen.

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Es ist eine kleine, eigene Nischendisziplin in der Cocktail-Geschichtsschreibung: Drinks, deren Namen auf technologische Innovationen anspielen und somit immer auch die Zeit ihrer Entstehung widerspiegeln. Bekannteste Beispiele sind sicherlich der Air Mail und der Aviation, die beide die Errungenschaften der frühen Luftfahrt feiern.

Weniger offensichtlich ist dies beim Twentieth Century Cocktail (teils auch numerisch geschrieben als 20th Century Cocktail): Die Fachliteratur ist sich bereits seit Längerem einig, dass der Drink seinen Namen nach einem seinerzeit weltberühmten Schnellzug erhielt. Wer also an das mehr oder weniger gleichnamige Filmstudio denkt, das 1935 gegründet wurde, liegt leider falsch.

Twentieth Century Cocktail

Zutaten

4-5 cl Dry Gin
2 cl frischer Zitronensaft
2 cl weißer Kakaolikör (z.B. Combier Crème de Cacao Blanc)
2 cl Quinquina, trockener Wermut oder Lillet Blanc (z.B. L.N. Mattei Cap Corse Grande Reserve)
1 BL Zuckersirup (optional je nach Süße des Likörs)

Take the Twentieth Train

In der Namensgebung steckt also wieder jener optimistische Futurismus drin, der den Menschen immer Kreativität schenkt. Denn jene Expressbahn namens „Twentieth Century Limited“ war ein Nachtzug, der ab 1902 New York City und Chicago miteinander verband. Bekannt wurde der Zug aber nicht nur aufgrund seiner Geschwindigkeit, sondern vor allem durch den luxuriösen Reisestil, den er versprach – inklusive Zug-eigenem Barbier und natürlich nobler Gastronomie. Um derlei Dinge ranken sich gern kleine Mythen und Assoziationen. Warten wir also ab, wie lange es noch dauert, bis eine Bar ihren neuen Signature „Tesla“, „NFT“ oder „Space X“ nennt.

Der Twentieth Century Cocktail: Kann das klappen?

Viel interessanter aber als der Namensgeber sind beim Twentieth Century Cocktail zwei andere Dinge: Seine spannende Entstehungsgeschichte und seine Funktionsweise.

Warum die Funktionsweise? Durch seine Zusammensetzung aus Gin, Zitronensaft, (weißem) Kakaolikör und Lillet gehört er zu jener Gruppe von Drinks, deren Zutatenkombination auf den ersten Blick für viele Menschen leicht befremdlich wirken dürfte. Hier gilt es, ein wenig auf die exakten Begrifflichkeiten zu achten, denn es geht mitnichten um eine Kombination aus Gin und Schokolade, sondern Kakao, der letztlich auch in hochwertiger Likörform komplexe, würzige Noten mitbringt, die sich gut mit der crispen, erwachsenen Typizität von Gin paaren lassen.

Die Funktionsweise ist außerdem eng verschränkt mit der eben erwähnten Entstehungsgeschichte, die recht dürftig ist, aber doch eine eindeutige schriftliche Erstnennung bietet: Sie findet sich im berühmten Café Royal Cocktail Book von William J. Tarling aus dem Jahre 1937. Zwar gab es auch davor (zufällig ab 1904, also nur zwei Jahre nach Einweihung der genannten Zugverbindung) in einigen Cocktailbüchern Drinks mit dem Namen „Twentieth Century“, dabei handelt es sich aber in fast allen Fällen um eine Art Fizz oder Highball auf Basis von Bourbon und jamaikanischem Rum. Die Gin-Kakao-Variante ist nicht vor 1937 auffindbar.

Gin und Kakao statt Rum und Bourbon

Tarling jedenfalls verzeichnet den Twentieth Century Cocktail als Drink aus zwei Teilen Gin und jeweils einem Teil Crème de Cacao, Zitronensaft und Lillet. Interessant ist aber, dass er die Rezeptur mit einem Urheber versieht, einem gewissen C.A. Tuck. Leider gibt er ansonsten nichts über diesen Mann preis. Lange Zeit herrschte auch in der vorliegenden Fachliteratur zum Twentieth Century mehr oder minder ratloses Stillschweigen darüber, wer jener Bartender war oder woher er kam.

Der „neue“ Urheber des Twentieth Century Cocktail

Doch wie häufig finden existente Quellen irgendwann ihren Weg nach draußen: Inzwischen liegt in der extrem reichhaltigen Cocktailbuchdatenbank EUVS ein Buch mit dem schlichten Titel Cocktails and Mixed Drinks aus dem Jahre 1967 vor. Der Autor? Ein gewisser Charles A. Tuck, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Headbartender im Londoner Piccadilly Hotel. Und auf Seite 64 findet sich der Twentieth Century Cocktail – in exakt jener Rezeptur, die auch Tarling angegeben und Tuck zugeschrieben hatte.

Zwar sind die Informationen spärlich, aber sie lassen trotzdem ein konsistentes Bild darüber entstehen, dass Tuck höchstwahrscheinlich der Schöpfer des Cocktails ist. Im Vorwort des Buches gibt er an, dass er bereits auf eine lange Karriere zurückblicken könne, u.a. im mondänen Londoner Carlton Hotel sowie im legendären Semiramis in Kairo. Ab 1950 war er im Piccadilly, also zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung bereits seit 17 Jahren. Zudem war er – je nach befragter Quelle – etwa im selben Zeitraum entweder Präsident oder Vizepräsident des britischen Bartenderverbands UKBG und im Vorstand der International Bartenders Association. Worauf diese Umstände schließen lassen: Tuck dürfte im Jahre 1967 bereits ein recht betagter Bartender mit jahrzehntelanger Laufbahn gewesen sein. Die Vermutung, dass er den Twentieth Century Cocktail rund 30 Jahre zuvor als junger Barmann entwickelt hat und Tarling darauf aufmerksam wurde, liegt nah. Eine interessante geschichtliche Fußnote: Exakt im Erscheinungsjahr von Tucks Buch wurde die Twentieth-Century-Zugverbindung eingestellt.

Weißer Kakaolikör? Stimmt das so?

Genauso, wie man offenbar die Zuordnung der Urheberschaft des Twentieth Century Cocktail erneuern muss, gibt es übrigens bei näherer Lektüre des Café Royal Cocktail Book (also dem von 1937) einen weiteren wichtigen Diskussionsansatz. Während nämlich der Cocktail heute praktisch ausnahmslos mit weißer („blanc“) Crème da Cacao gemixt und auch in allen relevanten Büchern und Datenbanken so verzeichnet wird, ist bei Tarling schlicht die Rede von „Crème de Cacao“. Genaueres Hinsehen gibt Aufschluss: Er scheint stets den braunen Kakaolikör zu meinen, denn er verwendet ausnahmslos die oben genannte Formulierung und stellt im Glossar seines Buches klar, Crème de Cacao sei ein französischer Likör mit „Schokoladenfarbe“.

Zwar gab es spätestens ab etwa dem Jahr 1900 bereits auch klare Kakaoliköre, doch es scheint eindeutig, dass der ursprüngliche Twentieth Century mit der dunklen Variante zubereitet wurde und daher eine deutlich andere Färbung und – je nach Likörmarke – Aromatik gehabt haben dürfte als die Variante, die heutzutage verbreitet ist.

Heutiger Lillet ist nicht bitter genug

Bleibt noch die Frage nach dem Lillet. Wie etwa Cocktailhistoriker und MIXOLOGY-Autor Armin Zimmermann vor einigen Jahren auf seinem Blog bekräftigt und korrekt angemerkt hat, ist die heutige Rezeptur des Aperitifweins nicht mit der früheren vergleichbar – die damalige Variante war deutlich bitterer und erdiger, man kennt diese Problematik aus den Diskussionen rund um den Vesper Martini. Wer einen Twentieth Century Cocktail also (abseits der „Likörfrage“) historisch authentisch darstellen möchte, sollte eher zu einem möglichst bitteren trockenen Wermut oder einem Quinquina greifen. Der von Zimmermann vorgeschlagene L.N. Mattei Grande Reserve aus Korsika ist z.B. eine hervorragende Wahl.

Ob jedenfalls mit weißem oder braunem Kakaolikör (beide Varianten z.B. vom französischen Hersteller Combier ergeben großartige Ergebnisse), der Twentieth Century Cocktail ist in jedem Fall ein besonderer Drink: einerseits frisch und leicht, eher mit süßlichen Assoziationen versehen als mit echter schokoladiger Süße. Dabei bleibt er crisp und trocken mit einer schönen Komplexität, die gerade mit ein wenig Temperatur steigt, wenn Kakao und Bitternoten des Aperitifweins deutlicher zum Tragen kommen. Ein bisschen so wie ein alter Schnellzug: irgendwie mondän, irgendwie elegant. Und doch mit ziemlich viel Kraft.

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

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