Mixology: Magazin fur Barkultur

Sage Negroni im Q Hotel

Uncategorized 1.5.2007 2 comments

Man sollte Menschen und Lokalen immer eine zweite Chance geben. Aus diesem Grund zögerte ich nicht lange, als mich gestern ein Freund und ehemaliger Stammgast fragte, ob wir uns in der Bar des Q Hotels auf ein oder zwei Drinks treffen.

Bei meinem letzten Besuch dort im Herbst 2005 war die Bar des Q Hotels gnadenlos durchgefallen. Das Hotel hatte überall medial getrommelt, dass man eine exklusive Member´s Bar habe, die vom britischen Bartender Ben Reed konzeptioniert worden sei. Ben Reed zählt mit zu den bekanntesten britischen Mixologen und hat mehrere Cocktailbücher veröffentlicht.

Was ich bei meinem damaligen Besuch vorfand, war zwar tatsächlich ein typisches Londoner Cocktailmenü mit den üblichen großen Phrasen im Vorwort, wie frisch und hochwertig und saisonal(!) alles sei, aber weit und breit kein Personal, das diese Ansprüche auch umsetzen konnte. Die jungen Kellner waren konfus und unerfahren. Einzig der damalige Bartender war bemüht, wenn auch offensichtlich nicht im Besitz einer Rezeptursammlung für Ben Reeds Cocktailkonzept. Der Bramble kam straight up im Martiniglas und ohne Brombeerlikör und auch die anderen Drinks waren nicht ausbalanciert und süß-klebrige Standardware.

Ben Reed soll angeblich bei seinem "Consulting" nur eine knappe Woche vor Ort gewesen sein. Unmöglich in so einem kurzen Zeitraum ein nachhaltiges Barkonzept zu installieren. Hochgradig gefährlich sogar, für so etwas seinen Namen herzugeben. Wie ich aus Insiderkreisen hörte, war ein fachfremder F&B-Manager für das Gros des Schlamassels verantwortlich.

Bis heute zieht das Q Hotel sein komisches "Member´s Bar-Ding" durch. So meldete ich mich auch vorsorglich gleich beim Empfang. Die junge Dame servierte mir daraufhin erneut die schon bekannte Information, dass man ja eine Member´s Bar sei und überhaupt und sowieso müsse sie mich persönlich zur Bar geleiten. Die Information, dass der Gast, mit dem ich verabredet war, auch im Hotel wohne, traf bei ihr auf taube Ohren. Erst als ich ihr die betreffende Person am Tresen gezeigt hatte, bekam ich ihre Erlaubnis, die Bar zu betreten. Ich empfinde es hier in Deutschland jedesmal als extrem mühsam, Kopien britischer Member´s Clubs studieren zu müssen. Es wirkt aufgesetzt und nach "möchtegern". Dabei fehlt dem Personal jedes Mal auch die professionelle Höflichkeit, mit der man in Londons Member´s Bars behandelt wird.

Die Q Bar ist ein Leckerbissen für jeden Design-Freund. Ihr glühendster Verehrer ist übrigens Fernando Castellon von Barexpertise, der mich bei jedem Treffen nach ihr fragt. Warme, rote Wände gehen in leichten Wellen in den Boden über und wölben sich auch im selben Farbton zum Tresen auf. Im Raum sind nischige Sitzgruppen verteilt und ein moderner Gaskamin sorgt für Gemütlichkeit. Ein Blick auf das Cocktailmenü zeigte mir, dass sich im flüssigen Bereich etwas verändert hatte seit meinem letzen Besuch. Ich wagte mich erstmal nur an Pures heran und startete mit einem Glas Rosé Champagner. Erst als ich Unterstützung durch die Anwesenheit Bastian Barworkz Heusers bekommen hatte, orderte ich einen der innovativen Drinks, die ich auf der Karte erspäht hatte. Einen Negroni & Sage aus der Rubrik "Extended Classics" oder so ähnlich. Und oh Wunder! Ein subtiler, schöner Salbeiton mischte sich in die süßlich-bittere Mischung des Klassikers. Perfekt! Auf meine Nachfrage erklärte mir der junge, freundliche Bartender, dass er dafür Bombay Sapphire knapp eine Woche mit Salbei infusioniere. Am ersten Tag gebe er die Flasche in den Tiefkühler und lasse sie den Rest der Woche bei Raumtemperatur reifen. Auch Bastians Drink mit einer Rosmarininfusion funktionierte, wenn er auch durch "unfrischen" Zitronensaft einen starken Drall ins Stumpfe bekam. Frische Zitrussäfte seien sein nächstes Projekt, erklärte uns der Bartender daraufhin. [3.5.2007: Hier wurde ein Satz auf Wunsch des Bartenders, der mich diesbezüglich anschrieb, gelöscht. H.A.] 

Die Bar des Q Hotels ist auf einem guten Weg. Die Preise kratzen zwar alle an der 10 Euro-Marke bzw. liegen darüber, aber die Qualität stimmt. Ich würde bei diesem Bartender definitiv wieder einen Drink nehmen. So man mich lässt. Denn die Rezeptionistin wird mich wieder belehren: "Wir sind ja eine Member´s Bar!"

Oh, reeeeeally!? That´s what you think you are…

Kurzinfo: Publikum beim Besuch bestand großteils aus Pärchen und jungen, yuppieesken Anzugträgern. Für die beschriebene Cocktailqualität nach dem großgewachsenen, blonden und bebrillten Bartender fragen. Wichtig, falls nicht im oberen Textdrittel schon passiert: Beim Klick auf die Internetseite des Q Hotels nicht vor dem großformatigen Frauenakt erschrecken!

Link:

www.loock-hotels.com/hotelq

Text: Helmut Adam

Schreibe einen Kommentar

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Ähnliche Artikel