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DIE MIXOLOGY-VERKOSTUNGSRUNDE MÄRZ 2016

Endlich wieder neuer Gin: diesmal aus Belgien und Schweden. Doch die große Überraschung bleibt der alkoholfreie „Spirit“ aus dem Hause Seedlip. Dazu kommen zwei neue Amari, wenn auch mit Bayern und Trinidad aus zwei sehr verschiedenen Gegenden. Und der hervorragende, endlich in Deutschland erhältliche Kirk and Sweeney Rum rundet die Verkostungsrunde ab.

Nun, ohne Gin geht es dann doch nicht. Während die letzte Verkostungsrunde erstmals ganz ohne Gin auskam, ist er diesmal gleich wieder mit zwei verschiedenen Schattierungen aus Schweden und Belgien in der Probier-Runde zu Gast. Doch der wichtigste Kandidat kommt diesmal auf Großbritannien und hat exakt Null Volumenprozent. Schauen wir einmal näher hin:

Seedlip Non Alcoholic Spirit

Der Begriff „Non Alcoholic Spirit“ mag verwirren – ist nicht mit „Geist“ stets der alkoholische Extrakt gemeint? Nun denn, freilich kann man auch jede andere Essenz als „Spirit“ bezeichnen, wie es die Macher des Seedlip bei ihrem Produkt dann eben auch tun. Angesichts der sehr speziellen oder gar neuartigen Kategorie würde man sich vom Etikett auf der zweifelsfrei eleganten und individuell gestalteten Flasche denn auch ein klein wenig mehr Aufschluss wünschen, was genau eigentlich da drin ist: Doch jenseits der Information, dass der alkoholfreie Inhalt „copper pot distilled“ ist, gibt es leider nicht viel zu lesen. Ein wenig Recherche zeigt: Das Rezept für den Seedlip geht angeblich zurück auf das Lehrbuch „The Art Of Distillation“ aus dem Jahre 1651 und enthält insgesamt sechs verschiedene Botanicals, die einzeln destilliert und schließlich ohne Zucker oder Geschmacksverstärker verschnitten werden. Erst einmal nichts anderes als ein stark aromatisiertes Wasser, sollte man meinen.

Doch in der Tat, der Seedlip ist ein ziemliches Aromenwunder: Dichte, waldige Noten von Eiche, Zeder und Fichtenzapfen strömen in die Nase, flankiert durch zusätzliche, warme Würze von Piment, Nelke und Johannisbrot. Im Mund unterstreicht der Seedlip, dass er tatsächlich ohne jegliche Kalorien auskommt und stellt seine Trockenheit samt leichter Säure in den Vordergrund. Hier treten nun vor allem leicht ätherische Zitrustöne sowie eine deutliche Note von Kirschholz hervor. Insgesamt entwickelt sich ein leicht vegetales, verhältnismäßig flaches Finish. Über mangelnden Zuspruch kann sich der Seedlip indes nicht beschweren: Zu den ersten Kunden gehören etwa das Londoner Savoy Hotel und die jüngst mehrfach prämierte Dandelyan Bar. Erhältlich ist er u.a. über Selfridges.

Cockney’s Dry Gin

Die selbst gewählte Bezeichnung als „erster belgischer Gin“ mag vielleicht etwas übertrieben sein, bloß weil man sich auf ein Rezept von 1838 bezieht. Schließlich hat das kleine Land westlich von Deutschland gerade in Sachen Wacholder und Genever eine satte Historie zu bieten. Ganz und gar un-urtümlich ist hingegen die Flasche des Cockney Gin: Ein sattes, leuchtendes Grün auf der massiven Flasche mit weißem Schriftzug. Zwar ist Grün nicht unbedingt die Farbe, die bei Gin-Liebhabern noch für wirkliches Erstaunen sorgt, durch ihre klare, maskuline Form dürfte die Cockney-Flasche dennoch in so manchem Backshelf für einen Hingucker sorgen.

Der Inhalt setzt in bester Tradition der Brenner aus dem Benelux-Raum einen dezidierten Fokus auf volle Zitrusaromen, besonders auf Zitrone und Pink Grapefruit. Daneben kommen aber auch Noten von kandierter Orange, Lavendel und Veilchen zur Geltung. Am Gaumen dann drängt sich schließlich der Wacholder geradezu fordernd und mit leichter Schärfe in die erste Reihe, getragen wird er dabei von einer feinen Deftigkeit und einer klaren Getreidestruktur. Die blumigen Noten und leichten Pfeffertöne sorgen für die nötige Komplexität und machen aus dem Cockney’s einen vielseitigen, ansprechenden Gin, der sich für heutige Verhältnisse durchaus im moderaten preislichen Rahmen bewegt.

Wannborga Navy Strength Gin

Bereits der reguläre Ö Gin aus der Wannborga-Brennerei vom schwedischen Inselchen Öland vermochte im letzten Sommer die Verkostungsrunde zu beeindrucken. Klare Sache daher, dass auch der Bruder mit Navy-Stärke nicht ungeöffnet bleibt. Im Gegensatz zum durchgestylten Ö Gin gibt sich die Navy Strength von Wannborga mit einer simplen Flasche und einem einfarbigen Labeldruck in Blau zufrieden und betont damit den Small-Batch-Charakter, der der Abfüllung innewohnt. Besonderen Wert legen die Produzenten beim Wannborga Navy Strength auf den heimischen Wacholder vom Kalkstein.

In der Tat ist die Nähe zum klassischen Ö Gin unverkennbar: Ein volles, komplexes Bukett aus Beeren und Kräutern, besonders dominiert wird die Navy-Stärke jedoch durch waldige Töne von frisch geschlagenem Nadelholz wie Pinie, Tanne oder Fichte. Dazu eine deutliche, ölig-erdige Note aus dem Wacholder, die für die nötige Portion Reichhaltigkeit sorgt. Im Mund sorgen die 57,5% Vol. für eine satte Cremigkeit, das Brand ist mild, sauber und insgesamt sehr trocken abgestimmt. Auch am Gaumen herrschen frische und mitunter leicht medizinale Nuancen von Wacholder, Eukalyptus, Anis und Menthol vor. Ein vielschichtiger, facettenreicher und natürlich kraftvoller Gin, der in vielen klassischen Cocktails – besonders in einem Martinez – tolle Akzente setzen dürfte. Für eine Navy Strength geradezu günstig.

Bockfieber Bavarian Kräuterlikör

Für den Bockfieber-Kräuterlikör zeichnet im Prinzip ein mehr als renommierter Protagonist der deutschen Brennerszene verantwortlich: Zwar gehören Rezept und Marke dem passionierten Jäger Holger Härter, produziert wird der Likör jedoch bei niemand Geringerem als der Brennerei Lantenhammer am Schliersee, deren Obstbrände zu den herausragendsten überhaupt gehören und die überdies mit ihrem Slyrs Bavarian Whisky mittlerweile auch internationales Ansehen genießt.

Im Glas wirkt der Likör mit seiner schönen goldbraunen Färbung und der leichten Trübung überaus naturbelassen. Dazu passt auch der Eindruck, den das Nosing vermittelt: Die klaren Töne von Vanille, Pomeranze, Kola-Nuss, Sandelholz und etwas Thymian wind harmonisch verbunden und sprechen eine natürliche, bodenständige Sprache. Diesen Eindruck transportiert der Likör auch im Mund weiter, wo die krautigen Aromen aus Melisse, Rosmarin und Salbei mehr nach vorn rücken, das alles auf einer gut abgestimmten Basis von Süße und Bitterkeit. Ein sehr schönes Alternativprodukt zu etablierten Amari oder Halbbitterlikören, und das zu einem absolut angemessenen Preis.

Amaro Di Angostura

Bereits seit rund einem Jahr gehört der neue Amaro Di Angostura in Übersee zum Portfolio des Rum- und Bitters-Riesen aus Trinidad. Dort konnte sich der Kräuterlikör, der an Rezeptskizzen des Gründersohnes Carlos Siegert sowie an den charakteristischen Aromatic Bitters aus dem Hause Angostura angelehnt ist, schnell eine anständige Fangemeinde unter den Bartendern erarbeiten – kein Wunder, erleben doch Amari, speziell in den Vereinigten Staaten, derzeit einen Popularitätsschub.

Die Nase gibt der Vorankündigung Recht: Der Amaro Di Angostura ist nah am gleichnamigen Bitters dran. Am deutlichsten treten Noten von Nelke, Paradieskörnern und Nelkenpfeffer hervor, dazu der unverkennbare Zimt-Ton. Gleichzeitig lässt der Likör der Nase dort mehr „Luft“, wo der Cocktail Bitters allzu streng wäre. Seine ganz eigene Typizität spielt der Amaro dann am Gaumen aus, wo er mit einer hervorragend balancierten Mischung aus Süße (vor allem Honig-artig), Krautigkeit und pflanzlichen Noten aus Galgant, Cassia und wieder viel Nelke punkten kann. Im Gegensatz zum zuvor verkosteten Bockfieber liegt er eher auf der trocken-medizinalen Seite mit weniger Fruchteinbindung. Ob als Digestif oder im Drink, der Amaro Di Angostura dürfte die sowieso lebendige Kategorie der Amari auch auf unserer Seite des Atlantik noch weiter aufwirbeln. Ein für Deutschland geltender Preis wurde bislang durch den Distributeur Seven Spirits noch nicht kommuniziert, in den USA geht der Amaro für rund 25 US-$ über den Ladentisch – eine auch für den hiesigen Markt realistische Prognose.

Kirk and Sweeney Rum 18 Years

Zur Klärung: Gebrannt wird der Kirk and Sweeney aus Melasse in der Dominikanischen Republik, und zwar im Auftrag des US-amerikanischen Produzenten 35 Maple Street. Dieser wiederum vertreibt mehrere Produkte (darunter eben den Kirk and Sweeney) innerhalb seiner „3 Badge“-Kollektion, die – kommen wir zum Schluss – neuerdings über das Bremer Spirituosen Contor (BSC) nach Deutschland importiert werden. Nun aber zum Rum selbst!

Der Kirk and Sweeny 18 Jahre überzeugt zunächst durch seinen wirklich einzigartigen Markenauftritt samt individueller, bauchiger Karaffe, Korkstopfen und eine edle Stoffversiegelung (die freilich nach dem ersten Öffnen fehlt). Dazu lockt er mit einer strahlenden Färbung von dunklem Bernstein.

Trotz des verhältnismäßig hohen Alters gibt der Rum nur sehr dezente Holznoten aus der verarbeiteten Eiche preis, dafür starke, sortentypische Anklänge von Vanille und Karamell. Nach einiger Zeit erweckt der Rum Assoziationen zu den typischen Noten eines PX-Sherry aus Rosinen, Mandeln sowie getrockneten Datteln und Feigen. Die daraus erwachenden Erwartungen einer gewissen Süße konterkariert der Kirk and Sweeney dann höchst elegant am Gaumen, indem er vor allem die feinen, trockenen Aromen von Mandel und Leder in den Vordergrund stellt. Dazu gesellen sich klare florale Spuren sowie etwas Muskatblüte. Wie schon in der letzten Verkostungsrunde wieder ein neuer Rum (wenn auch diesmal nur neu in der Verfügbarkeit), der nicht auf Zuckerzusatz, sondern vielmehr auf trockene Eleganz und Schlankheit setzt. Die Mixologen aus GSA werden es dem Kirk and Sweeney, erst recht angesichts des für sein Alter fairen Preises, danken.

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Credits

Foto: Bild via Sarah Liewehr

Comments (2)

  • DRAGONFLY

    Der Bitters (Singular).

    Manchmal provoziert euer trotteliger Schreibstil einen Schlag auf den Tresen mit dem Duden, oder auf den Hinterkopf.

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