Robert Parker ist Richter und Henker. Heute und Morgen.

Wein 10.12.2011

Robert Parker sagt der Welt, wie ihre Weine schmecken sollen. Gegen sein Monopol regt sich längst schon Gegenrede und Widerstand. Doch der Weinmarkt kennt keinen anderen Richter. Und Parkers Imperium baut sich dicke Mauern.

Wein ist heute Teil der Alltagskultur. Das war nicht immer so. Noch vor wenigen Jahren trank die Masse der Menschen bloß schlecht gepanschte Industrieplörre. Nur eine kulturbeflissene Minderheit genoss Wein von kleinen handverlesenen Winzern aus kontrollierten Anbaugebieten.

Weinkultur hinterließ folglich den Eindruck, Teil eines zeitlosen Snobismus zu sein. Einerseits verachtete man die Weinschwätzer, andererseits bewunderte man ihren stilsicheren Umgang mit dem besten Getränk der Welt.

Es waren junge Weinkritiker wie Robert Parker, die das schlürfende Bürgertum als nachplappernde Deppen entlarvte. Robert Parker beerdigte das unsinnige Geschwätz, als er sich zum Anwalt der getäuschten Konsumenten machte.

Der Wein-Ahmadinedschad

Robert Parker war also einst ein Revolutionär. Einer, der es besser wollte und dafür sorgte, dass es besser kam. Das war vor dreißig Jahren. Zwischenzeitlich ist viel Wein die Kehlen heruntergeronnen. Und Parker ist zum Ahmadineschad der Weinwirtschaft mutiert, zum keifenden Diktator, der seine Religion auf dem Rückzug weiß.

Heute hat Parker der Welt seinen Coca-Cola- Weingeschmack aufgezwungen. Fette, marmeladige, tanninreiche und fruchtig-alkoholische Weine. Manche dieser zahlreich vorhandenen Weine werden inzwischen gar nicht mehr gekauft, wenn Parker sie nicht mit mindestens neunzig Punkten ausstattet. Mit dieser Politik geht der Weinwelt die Vielfalt verloren, auch wenn Parkers Schergen alibihaft ein paar seltene Weine aus seltenen Trauben mit Lob überschütten. Wie etwa Blaufränkische aus dem Burgenland.

Ja, ich weiß, da hämmert die Polemik. Denn längst bleibt auch im System Parker nicht jeder Stein auf dem anderen. Den Erfolg autochthoner Weine haben Parker und seine Garde nicht kommen sehen. Also sind sie zurückgerudert. Und wieder vorgestoßen. Haben die Niederlage zum Sieg erklärt. Aber sie mussten auch erfahren, dass nicht jeder seltene Wein sich automatisch verkauft, nur weil Parker ihn mit einer hohen Punktezahl beglückt.

Jedes Jahr aufs Neue gibt es im Frühjahr im Bordeaux einen ersten Einblick auf die Weine des vergangenen Jahrgangs. Heuer also auf 2009, der ja ein Jahrhundertjahrgang gewesen sein soll.

Parker kam und kostete. Am Ende hatten 22 Bordeaux die Höchstwertung von 100 Punkten. Viele andere rangierten nur knapp dahinter. »Danke, Gott Parker, danke, dass du uns mit Licht überschüttest und unsere Finanzen sicherst«. Das werden viele Chateaubesitzer und Chateauverwalter ausgerufen haben. Denn die Zeiten sind hart, amerikanische und britische Händler wollen beim 2009er Bordeaux wegen der exorbitanten Preise auf die Bremse steigen. Da helfen China und Asien. Und auch ein bisschen noch Russland.

Ein russischer Händler erzählt mit größtem Unbehagen von den Neunzigerjahren, als er im Medoc wie Dreck behandelt wurde. Heute, so sagt er, kriecht man ihm in den Allerwertesten. Noch schlimmer beim Chinesen. Kotau brutal. Bitte kauft, kauft, was Parker sagt. Und sie tun´s.

Duldungsstarre ohne Konsequenzen

Das hat gewisse Parallelen mit dem herrschenden Finanzmarktkapitalismus, der – wie Parker – seit 20 Jahren unser Handeln diktiert und dabei offenbar große Verwerfungen anrichtet. Jeder kritisiert, keiner ändert. Duldungsstarre.

Parker ist heute mächtiger denn je. Er ist die einzig weltweit relevante Ratingagentur einer oft hoch verschuldeten Branche, die ihre Produktion immer schneller an die Leute bringen muss. Heute werden im Bordeaux ein Drittel mehr Flaschen produziert, als vor 1990. Die Weinbranche kämpft mit der Überproduktion. Es wird zu viel gekeltert. Und zu viel Gleiches in Flaschen gefüllt.

Aber anstatt Konsequenzen zu ziehen und die Produktion zu verringern, wird erweitert und vergrößert, als hätte das Morgen seine Glocken nicht bereits läuten lassen. Man weiß um die Fehler. Und lernt nicht draus. Denn es gibt Gott Parker, der vielleicht einen Weg aus dem Tal der Tränen kennt.

Das Erwachen wird mit jedem Monat der Verzögerung notwendiger Konsequenzen nur noch härter werden. Ihr Sterben kann Gott Parker nur verzögern.

Aber es ist nicht zu ändern: Parker bleibt Richter und Henker in einer Person. Bis aufweiteres.

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