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Wiens neues Bar-Kompendium

Christof Habres hat noch immer den Mut zur Lücke. So ist die Premium Editiondes Wiener Bar-Buchs ein Versuch geworden, mit der wild wuchernden Szene Schritt zu halten. Und das in einer Stadt, in der Dynamik lange Zeit kein Markenzeichen darstellte.
Den Weltuntergang erlebe man am besten in Wien, da hier alles zehn Jahre später passiere. Diese Aussage gehört zu jenen Sätzen, die man an der Donau ungern, aber lange zu Recht hörte. Wer dennoch Avantgarde spielen wollte, wurde entweder abgestraft oder floh samt Idee anderswo hin.
Die Bars machten da lange keine Ausnahme, Konzepte wie ein echtes „Speak easy“ versteht der Wiener bis heute nicht. Geheime Bar, was soll das? Mit dem Soft Opening des „Roberto’s“ kurz nach dem Jahreswechsel setzte kürzlich allerdings ein wahrer Reigen an Neueröffnungen ein.
Bars auf dem Zenith
Nicht alle davon verdanken sich der listigen Marktforschung oder persönlichem Idealismus, Hotels im Fünf-Sterne-Segment haben eben schlicht auch eine Bar zu haben. Neu ist allerdings, dass es mittlerweile ebenso in den neuen Restaurants der Donaumetropole nicht mehr ohne einen Bartender von Rang zu gehen scheint.
Ob „Flatscher’s“ – mit Gin & Tonic-Schwerpunkt – , ob der im November eröffnete neue „Da Vinci Club“, mit dem zuletzt als Consultant und Cocktail-Caterer tätigen Patrick Burger als Barchef: der Stellenwert der Bar scheint auf dem Zenith zu sein. Wenn sich ein Medium wie dieses darüber freut und ihm gar selektive Wahrnehmung unterstellt wird, ist das selbstverständlich.
Schwarz-Weiß sind nur die Fotos
Doch nun gibt es zu dem verrückten Jahr 2014, in dem Mutige sogar die Selbständigkeit mit einem Berufsbild namens „Bar Consultant“ versuchten, auch eine schriftliche Unterlage. Sie hält fest, was in den letzten vier Jahren in der österreichischen Hauptstadt alles passiert ist.
Denn so lange liegt die Erstauflage des „Wiener Barbuchs“ zurück. Autor war damals wie heute Christof Habres, der auch die elegante und an Charles Schumanns Barbücher angelehnte Optik beibehalten hat.
Entsprechend ist der Umfang der „Premium Edition“, wie die neue Version heißt, angewachsen: Statt 192 Seiten gibt es jetzt 224, der Serviceteil mit allen Adressen bleibt aber ebenso gewahrt, wie die stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Fotos. Von Georg Aichmayr (Bar al Shabu) bis Kan Zuo (The Sign Lounge) werden die Bartender hier zeitlos portraitiert.
Hält man sich einfach an die Fakten, dann stehen aktuell mindestens zehn Bareröffnungen in der am schnellsten wachsenden deutschsprachigen Stadt zu Buche. Dass die am sehnlichsten erwartete, die der „Tür 7“, noch immer nicht dabei ist, verdankt sich der Bremskraft der Anrainer, denen man von der neuen Dynamik noch nichts erzählt haben dürfte.
Wobei, so versichert Geri Kozbach-Tsai, der Estrich bereits verlegt sei und es sich nur noch um Tage handele, ehe sein Barwohnzimmer endlich aufmacht. Elegant hat Autor Habres dieses Faktum noch in seine Neuausgabe gepresst. Bei Markus Philipp, der die Albertina Passage verließ, reichte es hingegen nur noch zur Fußnote am Ende einer Hommage an die unterirdische Bar bei der Oper.

Signatures und Schnurren
Was das Buch über eine reine Bestandsaufnahme, an der jedes gedruckte Medium nur scheitern kann, hinaushebt, sind zwei Konstanten der Habres’schen Bücher: Zum einen wären das die Rezepturen der diversen Signature Drinks. Will man wissen, was in Wien getrunken wird, dann hat man hier eine gute Übersicht.
Verdienstvoller aber ist – auch aus Sicht der Nicht-Österreicher – seine Bargeschichte der Stadt. Die „Marietta“ des Kabarettisten Gerhard Bronner, die „Bohéme-Bar“ beim Stephansdom, aber auch der viel jüngere Szenetreffpunkt „Vanilla“ finden sich auf den anregenden Seiten über die Vergangenheit des Cocktailtrinkens in Wien.
Dass sich auch der Sprachgebrauch ändert, zeigt das Verschwinden des Kapitels über „Künstlerbars“ in der neuen Auflage. Heute schätzt man die Kunst der Mixologen, nicht mehr den Rückzugsort für die Kreativen in einer ansonsten grauen Stadt. Und, um nicht nur von Wien zu sprechen, sei ein Berliner zitiert: „…und das ist gut so“.
Christof Habres, „Wiener Barbuch“ (Premium Edition), Metroverlag, ISBN 978-399300-196-4

Credits

Foto: Wiener Barbuch

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