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Jetzt wird es wild, Wild Gin aus dem Schwarzwald

Deutscher Gin. Wo bitteschön soll das noch hinführen? Kaum eine Woche vergeht in diesem Jahr indem nicht mindestens ein Brenner sich berufen fühlt, der Kategorie Gin seinen Stempel aufzudrücken.
Dass dabei nicht jedem Konzept ein gleicher Erfolg beschieden ist, liegt in der Natur der Sache. Die Mischung aus stimmigem Produkt, vernünftigem Marketing und glaubwürdiger Geschichte hinter dem Destillat muss passen, um mehr als Liebhaberprojekt zu werden.
Gegen den Strom
Fünf dieser Aspekte hat Mixology – Herausgeber Helmut Adam vor einigen Wochen in einem Artikel zusammengefasst, indem er Punkte anspricht, die deutsche Ginhersteller in den letzten Wochen und Monaten leicht überstrapaziert haben. Zeitgleich erreichte die Redaktion eine neue Flasche deutschen Gins und die muss es sich nun gefallen lassen, auf diese Punkte hin geprüft zu werden. Es versteht sich von selbst, dass man natürlich nicht überall Recht oder das letzte Wort haben muss.
Solides Handwerk statt Storytelling
Franz Wild, Destillateurmeister aus dem Schwarzwald, steckt hinter genanntem Gin der nach der Familie benannt ist. Wild Gin oder genauer: Schwarzwälder Wild Gin. Der erste Punkt der Liste, die Betonung der Regionalität, findet man also sofort wieder. Manuel Wild, verantwortlich für die Kommunikation der Brennerei, sieht den Verweis auf die Region aber als Qualitätsmerkmal. Die Marke „Schwarzwald“ hat großes Potenzial, vor allem in traditionellen Bereichen wie Handwerk und Destillation. Ob dies auch überregional so gesehen wird, muss man abwarten. Manuel Wild sieht setzt den künftigen Erfolg von deutschem Gin aber durchaus in Relation zu Produzenten aus dem Schwarzwald.
Einige Destillateure seien manchmal kreativer in der Erfindung einer Entstehungsgeschichte als bei der Entwicklung ihres Gins. Die Brennerei Wild hat zwar eine lange Tradition als Destillateure (seit 1855), aber man versucht nicht, mit im Keller gefundenen Rezepten für Aufsehen zu sorgen.
Für eine handvoll Kräuter
Eine ziemlich große Hand müsste man haben, um die Botanicals von Wild Gin greifen zu wollen. 65 verschiedene Aromageber sind es, die in ihrer Kombination den Geschmack des Gins ausmachen. Die Produktion gestaltet sich durch diese große Anzahl an Aromen aber als kleiner Kraftakt. Schließlich wirft man nicht alles zusammen, wartet, destilliert und hat einen Gin. Die Familie Wild mazeriert nahezu alle Botanicals unter den jeweils optimalen Bedingungen alleinstehend, und destilliert anschließend auch jedes Mazerat für sich. Manuel Wild erklärt dieses aufwendige Verfahren: „Der Effekt ist eine 100%ige Aromaausbeute. Alle Botanicals gemeinsam zu mazerieren und zu destillieren würde nicht funktionieren, da nur wenige Aromen wirklich herausstechen würden. So erreichen wir ein vielschichtiges Produkt. Komplex und ausgewogen.“
Dabei orientiert man sich durchaus an anderen Ginsorten und gibt dies auch gern zu. Der Nachbar Monkey 47 und Hendrick’s Gin sind Vorbilder in Sachen Komplexität und Aromavielfalt.
Komplex aber nicht klassisch
In der Verkostung erweist sich dieser eigene Anspruch allerdings als sehr hohe Hürde. Der Wacholder ist bestenfalls zu erahnen und wird überdeckt von Zitrusfrüchten, Beeren und Ingwerschärfe. Im zweiten Moment sind es die erdigen, harzigen Aromen die in den Vordergrund treten und wieder muss der Wacholder hintanstehen. Für sich gesehen ein rundes und ausgewogenes Destillat, an den ursprünglichen Eigenschaften eines Dry Gin zielt man aber doch recht deutlich vorbei.
Wer also nach komplexen Aromen und einem vielschichtigen Destillat sucht, der wird mit Wild Gin sicherlich glücklich. Wer einen klassischen, wacholderlastigen Gin für seinen Gin & Tonic sucht, ist bei den (englischen) Klassikern eventuell besser aufgehoben.
 

Credits

Foto: Schwarzwald via Shutterstock

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