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Zehn Dinge, die an der aktuellen Barszene nerven.

Zehn Dinge, die an der aktuellen Bar nerven

Eisklötze in Schalengläsern, Markenbotschafter ohne Plan und Barshows, die sich pausenlos selbst kopieren. Marco Beier hat so manches an der aktuellen Entwicklung der Bar auszusetzen. Also teilt er ein wenig aus.

Schlumpfhausen war gestern, als alles anfing und alles von allen geliebt wurde. Unser Autor betrachtet viele Entwicklungen und Tatsachen der Barszene mit Skepsis. Und warum damit hinterm Berg halten? In zehn Richtungen teilt er heute ein wenig aus.

#1

Eisklötze in Schalen

Jaja, schon gesagt. Letztes Heft, letzte Seite, klare Worte. Aber ich muss meinem Unmut hier einfach nochmal Luft machen: Was soll das?! Champagnerflöte mit Eiswürfel, Coupette mit Eisball oder Monstercube. Ja, sieht toll aus (wenn das Eis denn kristallklar ist). Aber gehört halt generell in andere Gläser. An die ganzen Social-Media-Manager in der Industrie: Habt ihr jemals aus einem Glas getrunken? Offensichtlich nicht, ansonsten würdet ihr das Ganze nicht so oft nachahmen und über eure Kanäle in die Welt pusten …

» Wer Spaß nur über Blödsinn vermitteln kann, macht was falsch. «  

#2

Markenbotschafter ohne Plan

Nachdem die großen, globalen Markenbotschafter mittlerweile weniger offensiv für ihre Marken auftreten, werfen viele Brands jetzt ganz viele „local BAs“ ins Becken. Allerdings wirkt es in den seltensten Fällen so, als seien die Kandidaten auf ihren neuen Job vorbereitet worden. Da kommen dann schon mal Fragen zum Arbeitsinhalt über Social Media. Und wirklich jeder einzelne Kundenbesuch wird via Facebook dokumentiert. Learning on the Job kann da auch schnell nach hinten losgehen.

#3

The Renaissance of Schrott

Make Kokoslikör great again. Chemische Melone is back. Künstliche Orangenliköre mit Farbstoff sind wieder der heiße Scheiß. Was?! Lautete das Credo der letzten Jahre nicht, dass wir unseren Gästen Qualität vermitteln und anbieten möchten? Kompromisslos? Wozu wurde die Plastikkirsche vergraben? Nur damit man den ganzen Schrott zehn Jahre später wieder ausbuddelt und mit „soll ja auch Spaß machen“ rechtfertigt? Unverständlich. Wer Spaß nur über Blödsinn vermitteln kann, macht was falsch.

#4

Social Media statt Arbeit am Gast

17 Insta-Posts pro Woche. Dazu ein professioneller Fotograf, der jeden Monat einen Tagessatz für seine Bilder verlangt, denen dann noch ein, zwei, drei Filter draufgehauen werden. Am Abend aber verkauft man dann Bier und Gin & Tonic, weil man eigentlich keine wirkliche Lust hat, sich mit dem Gast auseinanderzusetzen und ihm etwas zu empfehlen. Vielleicht stolpert er ja beim ersten Bier über den Instagram-Account und sucht sich dort was aus …

#5

„Das kannst du auch daheim …“

… nein, kannst du nicht! Du kannst dir zu Hause mit Sicherheit einen anständigen Gin & Tonic machen. Bestimmt auch einen guten Daiquiri oder Martini. Aber die Atmosphäre einer Bar kreieren? Musik, Licht, Stimmung, Interaktion mit anderen Menschen? Das ist es doch eigentlich, was eine gute Bar ausmacht. Wenn Du das auch zu Hause hinkriegst, solltest Du die Nutzung der Wohnung überdenken …

» Einfach nur langweilig. 90% der Barshows am Markt scheinen wie die gleiche Geschichte, bloß in anderen Farben bemalt.  «  

#6

Bewertungsportale und selbsternannte Tester

Die meisten Barbetreiber haben sicher schon folgende (oder ähnliche) Mail bekommen: „Hi, mein Name ist Bibi Bloxxberg und ich habe einen Gastro-Bewertungsblog. Ich habe dein tolles neues Lokal schon öfter gesehen und würde gerne auf meinem Blog darüber berichten.“ Recht schnell stellt sich dann heraus, dass man die Güte der Bewertung durch monetäre Zuwendung leicht verbessern kann. Aber Instagram kostet extra. Was ein Mist. Und wer als Blogger erfolglos ist, der macht den „Profitester“ bei Yelp und fabuliert über Dinge, von denen er keine Ahnung hat.

#7

Barshows

Langweilig. Einfach nur langweilig. 90% der Barshows am Markt scheinen wie die gleiche Geschichte, bloß in anderen Farben bemalt. 37 neue Gins stellen sich vor, die großen Player spielen Copy & Paste mit den Ideen der anderen Märkte und nebenbei referieren auf den Bühnen seit 15 Jahren gefühlt die immergleichen Personen über immergleiche Themen. Mit den immergleichen Witzen. Dabei ist unsere Szene so lebendig wie nie. Da könnte man ein wenig mehr Mut erwarten und hin und wieder mal was Neues bringen.

#8

Hausregeln

OK. Eigentlich aus der Kategorie der alten Hüte und beinahe erledigt. Aber man findet sie noch immer. „Wer in dieser Bar trinken möchte, sollte dieses und jenes tun und dies und das lassen.“ Im Ernst? Zweifelst Du so sehr an Deiner eigenen Bar, dass Du glaubst, die Etikette nicht durch Atmosphäre transportieren zu können? Und scheust Du Dich so sehr vor dem Gespräch mit ignoranten Gästen, dass du die erste Seite deiner Karte mit Regeln verschandelst?

#9

Startender und Franchise Bars

Puh, hier schlittere ich über dünnes Eis. Natürlich verfolgen wir alle die globalen Starbartender, die in jeder zweiten Metropole eine neue Bar eröffnen und ihre Drinkkonzepte um den gesamten Globus spinnen. Aber Moment mal: Macht das wirklich eine Bar aus? Und macht es sie gut? Ist eine Bar nicht noch viel mehr als ein Restaurant auch immer abhängig von ihrer Stadt und ihrem Stadtteil, wo die Locals einen großen Teil der Atmosphäre ausmachen? Solche Dinge lassen sich nicht x-beliebig in andere Städte, Länder und Kontinente verpflanzen.

#10

Der „neue“ Sales-Rep…

Du hast das Glück, für die Spirituosenmarke Deines Herzens arbeiten zu dürfen – Gratulation! Nur zwei kurze Tipps für die, die es vielleicht noch nicht wissen: Per Telefon lassen sich Termine vereinbaren. Und wenn Du am Samstagabend in einer Bar feststellst, dass deine Marke nicht im Regal steht, und Du versuchst, das stante pede zu ändern, dann ist die Chance recht hoch, dass Du nie gelistet wirst. Und bitte: Schlecht über andere Marken zu sprechen, macht die Deine nie besser.

Der vorliegende Artikel erschien ursprünglich in der Ausgabe 2/2019 von MIXOLOGY, dem Magazin für Barkultur.

Credits

Foto: ©Editienne

Comments (1)

  • Max Illich

    Chapeau. Ich bin auch der Meinung, dass in vielen Bars der Gegenwart,-und der Zukunft, sowie bei deren Akteuren sich eine große Portion Erdung einstellen sollte.
    Ich finde bei den heutigen Bars immer mehr Kommunikationsstätten mit gastronomischen Angebot vor, oder fühle mich bei der künstlerischen Gestaltung von Drinks an Gourmet-Restaurants erinnert. Ich vermisse immer mehr typische Barkeeper-Tugenden, wie:
    A Bartender is a Person who enjoys the Company of others, endeavors to solve problems, listen to the woes of the world, sympathizes with the mistreated, laughs with the Comedians, cheers up with the down hearts, and generally controls the Atmosphere at the Bar.

    A Bartender is the Manager of moods, the Master of Mixology.

    Diese Tugenden, gepaart mit neuzeitlichen Arbeitsmethoden und kreativem Geist würde ich mir mehr von exzellenten, langlebigen Bars und Kollegen wünschen.

    Max Illich – „Bartenders“ Crailsheim

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