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Zehn vergessene Cocktail-Perlen

Übersehene Cocktails aus unterschiedlichsten Quellen der Getränkekultur. Schmackhaft, wieder zeitgemäß und darüber hinaus: sehr unkompliziert zu mixen.

Jeder Bartender verfügt über eine Rezepte-Bibliothek des Vertrauens. Bewährte Nachschlagewerke, historische Reprints und kuriose Quellen für geheimnisvolle Inspiration. Selbst beim routinierten Umgang mit jenen Werken bleibt es nicht aus, dass einige Rezepturen übersehen werden oder in Vergessenheit geraten. Gerade heute dürfen etliche angestaubte Kreationen frisch durchgelüftet und mit neuem frischen Wind erfüllt werden. Zeitgemäße Zutaten machen es möglich. Neue Qualitäten von Likören, ein nie da gewesener Facettenreichtum an Wermut oder sogar hochwertige Varianten von Grenadine können zum Entstauben inspirieren.

Beispiel: Bronx Cocktail. Dieser Drink aus gleichen Teilen Gin, Wermut und Orangensaft ist in beinahe jedem Schulungs-Buch für das Mix-Handwerk aufgeführt. Auf aktuellen Cocktailkarten macht er sich rar. Das ist bedauerlich, verfügen wir doch aktuell über eine herausragende Gin-Auswahl und über eine bemerkenswerte Wermut-Bandbreite.

Eine Entdeckungsreise lohnt, wie diese zehn Beispiele von Rezepturen und ihren jeweiligen Quellen belegen.

1) Spy Girl

Das wundervolle Buch Highballs High Heels legt seinen Schwerpunkt auf die weibliche Seite der Cocktailkultur und verführt mit Kreationen wie “Shirley Temple’s evil twin”, oder “Eggnogg of the party goddess”.

Der Cocktail “Spy Girl” beleuchtet die weibliche Seite geheimnisvoller Agenten-Drinks und überlässt es dem jeweiligen 00X-Gast, gegebenenfalls eine geschüttelte oder gerührte Variante dieses bitter-süßen Schmeichlers zu ordern.

3 cl Gin (das Rezept empfiehlt Bombay Sapphire)

3 cl Lillet Blanc

1,5 cl Grapefruitsaft

1 Dash Campari

1 Dash süßer Wermut

Die Zutaten shaken, in ein vorgekühltes Martiniglas abseihen und mit einer Grapefruit-Zeste garnieren.

2) Sanctuary

Deutlich weniger weiblich erklärt das Savoy Cocktail Book die Geschichte des Sanctuary, eines Asylortes für Übeltäter auf der Flucht vor dem Gesetz. Der Savoy-Bezirk zählte zu den letzten zwölf Zufluchtsstätten in London, bevor ein Gesetz 1697 dieses Entrinnen vor der Strafverfolgung beendete. Die Savoy Bar widmet den Drink jenen Männern, die sich auf der Flucht vor ihrem Weibsvolk befinden.

6 cl Dubonnet

3 cl Amer Picon

3 cl Cointreau

Die Zutaten shaken und in eine vorgekühlte Cocktailschale abseihen.

3) Sifi

Cocktail-Wettbewerbe erleben in diesen Tagen eine hohe Wahrnehmung und bringen faszinierende Kreationen hervor. Wie ein Siegerdrink vor 80 Jahren aussah, verrät das Café Royal Cocktail Book aus London von 1937. Der Drink mit dem sonderbaren Titel wurde gemixt von einem Bartender mit dem Künstlernamen Romaine und siegte bei dem internationalen Cocktail Wettbewerb in Frankfurt am Main im Jahre 1934.

5 cl Dry Gin

3 cl Cointreau

1,5 cl frischer Zitronensaft

1 BL Grenadine

1 Eigelb

Der Drink wird geschüttelt. Die Rezeptur lässt die Darreichungsform offen, kommt aber in einem kleinen Tumbler oder einem Sour-Glas gut zur Geltung.

4) Sloppy Joe’s

Die legendäre Bar in Havanna feierte 2013 ihre Neueröffnung, nachdem sie beinahe ein halbes Jahrhundert geschlossen war. Zwei Rezepte tragen den Namen des schlampigen Josefs. Aus Florida kommt ein Imbiss, bestehend aus Hackfleischsoße auf einem Hamburgerbrötchen. Von Kuba kommt ein ernsthafter Drink, dessen Rezeptur sich im Reprint der Barkarte aus dem Jahre 1932 wiederfindet.

3 cl Cognac (das Rezept empfiehlt Martell VS)

3 cl Portwein

6 cl Ananassaft

Einige wenige Tropfen Grenadine und Curaçao

Shaken und in einem hohen, schlanken Glas servieren.

5) Élégant

Colin Peter Field verfasste ein herrlich illustriertes Buch über die Cocktailgeschichte im Pariser Ritz. Er vermerkt darin die Anekdote über die Freundschaft des Hoteliers César Ritz mit der Familie Lapostolle. Ritz soll den Rat erteilt haben, den Orangenlikör des Unternehmens “Grand Marnier” zu taufen. Der Drink aus dem Jahr 1933 ist tatsächlich ein sehr eleganter Twist eines Medium Martinis.

5 cl Gin

4 cl trockener Wermut

1 cl Grand Marnier

Kalt rühren und in einem Martiniglas servieren.

6) Rocky Mountain Sneezer

Dichter und ihre Drinks, ein Evergreen. Ein Großenkel des Schriftstellers Charles Dickens sammelte facettenreiche Getränkeanekdoten seines Vorfahren und überlieferte diese im Büchlein Drinking with Dickens. Während eines USA-Aufenthaltes litt der Londoner an einer bösen Erkältung und erhielt ein heilsames Elixier von seinem Vermieter. Passend für die kalte Jahreszeit.

6 cl Rum

6 cl Brandy

Saft einer Zitrone

Zwei Dashes Angostura Bitters

Eine Handvoll frischer Schnee, bevorzugt von den Rocky Mountains.

7) Aperol Fragola

Für etwas mehr Sommer in das winterliche Glas kommt dieser fruchtig-erfrischende Drink infrage. Die Zeitschrift Elle betrieb früher ein hervorragendes gastronomisches Magazin namens Elle Bistro. 2003 erschien eine schöne Sammlung von Rezepten, präsentiert von Holger Keller, dem damaligen Chef der Falk’s Bar im Bayerischen Hof in München. Darunter diese Ein-Glas-Bowle.

2 cl Dry Gin (das Rezept empfiehlt Bombay Sapphire)

5 cl Aperol

2 cl Zitronensaft

1 cl Erdbeermark

1 Spritzer Mandelsirup

Deko: 1 Erdbeere und 1 Zweig Minze

Kräftig shaken oder im Blender mischen. Auf zwei bis drei Eiswürfel in ein Weinglas geben. Das Grün der Erdbeere wird durch Minzblättchen ersetzt und auf den Glasrand gesteckt.

8) Elder Fashioned

American Whiskey ist im Trend und beweist herrliche Kombinationsmöglichkeiten, beispielsweise mit Birne. Oder mit Holunder, wie Simon Difford bereits 2006 erkannte. Für die Ausgabe #7 seines Diffordsguide kreierte er diesen prachtvollen Twist eines Old Fashioned.

6 cl Bourbon (das Rezept empfiehlt Buffalo Trace)

2 cl Holunderlikör (das Rezept empfiehlt St. Germain)

1 Dash Orange Bitters (das Rezept empfiehlt Fee Brothers)

Rühren und in einem Tumbler auf Eis servieren. Garnitur: Orangenzeste.

9) Creole Scream

Für diesen Drink ging die komplette Bareinrichtung im Hôtel de Paris in Monaco zu Bruch. Zumindest für die Krimi-Fernsehserie Die Zwei, welche Anfang der 1970er-Jahre entstand und Tony Curtis und Roger Moore als ungleiches Playboy- und Ermittler-Duo präsentierte. Die Serie kommt in der deutschsprachigen Synchronisation um Längen unterhaltsamer daher als das Original. In der allerersten Folge prügeln sich die beiden um die Rezeptur des Drinks. Es geht dabei um die Olive.

6 cl weißer Rum, kubanischer Stil (der Autor empfiehlt Bacardi Superior 44,5 %)

3 cl trockener Wermut

2 Dashes Angostura

1 BL Grenadine

Garnitur: 1 Olive = Britische Version, 2 Oliven = US-Version

10) Death in the Gulf Stream (auch: Ernest Hemingway’s Reviver)

Die durstige Seite des Schriftstellers Ernest Hemingway beinhaltet deutlich mehr als nur Daiquiri und Mojito. Auch Genever lag dem Pulitzer- und Nobel-Preisträger am Herzen, wie ein Rezept aus seiner Feder, wohl aus dem Jahr 1937, beweist. Charles H. Baker notiert die Vorgaben Hemingways in dem Buch A Gentleman’s Companion:

Man nehme einen hohen, schlanken Tumbler, fülle ihn mit fein zerstoßenem Eis. Die Trümmer mit vier kräftigen Spritzern Angostura lila einfärben, den Saft und die zerdrückte Schale einer grünen Limette zufügen. Das Glas dann beinahe bis oben hin mit Holland Gin füllen. Kein Zucker, kein Trallala. Stark und bitter. Wir brauchen keinen Zucker in einem Death in the Gulf Stream, jedenfalls nicht mehr als einen Teelöffel. Er ist wiederbelebend und erfrischend; kühl das Blut und inspiriert ein erneutes Interesse an Essen, Begleitung und dem Leben. Na Bitte!

Dieser Text erschien erstmals in der MIXOLOGY 2/2015.

Credits

Foto: Schatz via Shutterstock

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