Mixology: Magazin fur Barkultur

Bars im Ruhrgebiet

Bars 9.1.2009 2 comments

Von ursprünglich 26 Brauereien existiert heute in Dortmund nur noch eine. Dies bedeutet aber nicht, dass in Dortmund heute weniger Bier getrunken wird. Im Gegenteil. Bier ist das Getränk, das den Durst des Bergbaus und der Stahlindustrie stillte, den beiden Wirtschaftszweigen, die hier und in den anderen Städten des Ruhrgebietes über lange Zeit den Lebensrythmus und auch den Lebensstil der bevölkerungsreichsten Region Deutschlands bestimmten.

Der Cocktail dagegen hat hier wenig Tradition. Die Suche nach ihm führte uns wieder einmal vor Augen, wie sehr das Etikett Cocktailbar mittlerweile strapaziert wird. Denn der Cocktail ist, dem Wort nach, überall präsent in Dortmund, Essen, Bochum und Duisburg. Unzählige Gastronomiekonzepte schreiben Cocktailbar auf ihre Schilder. Doch kaum eines dieser Lokale wird dem Anspruch gerecht. Wenn sich heute jedes neue Thai- oder Indiarestaurant, das sich ein paar Flaschen und Shaker an den Biertresen stellt, Cocktailbar nennt, besteht die Gefahr, dass das Bewusstsein um die Qualität dieser Getränkeform in der Bevölkerung verpanscht wird. Es wird Zeit für eine Zertifizierung.

 

Dortmund

Eine Lokalität, die sich rein auf Cocktails fokussiert ist in Dortmund die Collins Bar. Anders als es der klassische Name verspricht, ist das Collins im Stil der 80er-Jahre eingerichtet. Palmenpanorama an der Wand, das Gefühl von Miami Vice und ein Strohdach über dem Tresen. Der junge Bartender mischte souverän den bestellten Gin Fizz. Der Cocktail kam in einem großen Becherglas und einem knallgelben Strohhalm mit Limettengarnitur. Als Eisform wurde leider zerstoßenes Eis gewählt. Die Süß-Sauer-Mischung war einwandfrei, aber der Gin nur ein schwacher Ruf aus tropischer Ferne. Die Spirituosenauswahl der Collins Bar ist ausgewogen, man findet hier auch ein, zwei seltenere Ginsorten.

Die nächste Station in Dortmund war die CU Bar, ein Restaurant- und Barkonzept. Eine große Essensauswahl mit amerikanischen und italienischen Gerichten und Sitznischen an der Bar und an den Wänden zeigen die American-Diner-Inspiration. Ohne Sport geht im Ruhrgebiet nichts, daher findet man hier, wie auch in fast allen anderen besichtigten Lokalen, große Flachbildschirme. Nette Akzente bilden in die Wände eingelassene Nischen, die mit Spirituosen und anderen Flaschen bestückt sind. Der Gin Fizz kam diesmal im Jack-Daniels-Tumbler und ebenfalls auf Crushed Ice. Dafür war der Bartender unglaublich präsent und verbreitete am Tresen eine positive Atmosphäre. Dieser Besuch war, trotz des nicht stimmigen Cocktails, eine der besten Erfahrungen im Ruhrgebiet.

Weiter Lokale die wir besuchten, besitzen zwar Cocktailkarten, aber beschäftigen Personal, das bei der Bestellung nach der Rezepturliste greifen muss. Fokussiertere Konzepte finden in Dortmund ohnehin meist nur am Wochenende statt, weshalb man vielleicht die Ortsschilder von Dortmund mit dem Zusatz "nur Freitag und Samstag" versehen sollte.

Auf dem Gelände der ehemaligen Thier-Brauerei findet man die Liquid Lounge. Am Wochenende wird sie als eine Art Club-Bar mit lauter House-Musik bespielt. Die Bar ist wohlorganisiert, schenkt aber primär Longdrinks mit Energiegetränken und Bier aus, wie dies beim Besuch zu beobachten war. Die Atmosphäre ist nicht die einer klassischen Bar, das Personal aber gut organisiert, schnell und professionell. Der Daiquiri war trotz des Andrangs, der bei der Bestellung herrschte, eine runde Erfahrung, und kam im richtigen Glas. Allerdings hätte ich mit noch eine Limettenzeste zur Abrundung gewünscht.

Nebenan befindet sich das verwandte Mendoza, eine Art überdachte Beach Bar. Der Boden ist mit Sand bestreut und die Wände mit allerlei Surf- und Strandutensilien dekoriert. Der Daiquiri kam pappig und süß über den Tresen und brüstete sich mit dem künstlichen Geschmack von Convenience, mit dem wir ihn dann auch wohlweislich alleine stehen ließen. Diese Bar ist, auch wenn es die rund vier Meter hohen Regale mit Flaschen bis zur Decke anders verheißen, eher eine Feier-Lokalität denn eine Cocktailbar.

 

Duisburg

Dicht an dicht sitzt in der neu erschlossenen und bebauten Hafengegend von Duisburg, mit der man offenbar einen Wurf in Richtung Weltstadt landen will, die Konzeptgastronomie. Die Restaurants und Lounges sind am Wochenende brechend voll, dafür ist iim Zentrum offenbar viel vom alten Kneipencharme der Stadt verloren gegangen. Zu diesen Verlusten gehören, wie Ruhrpott-Kenner Jörg Kalinke vom Getränkeportal Drinkmix erklärt "urgemütliche Kneipen wie das Oma Kohl’s, wo die alte Wirtin jeden beim zweiten Besuch beim Namen kannte oder wie die Waschtrommel, eine Bar in einem Souterrain, die aus alten Waschtrommeln gestaltet wurde, auf denen man seine Cocktails schlürfte."

Die einzige wirkliche Bar Bar in Duisburg ist die Havanna Bar in der Musfeldstraße (oben im Bild). Im vorderen Bereich wartet hier in einem lang gezogenen rot-gelb gestrichenen Raum eine Tanzfläche auf Gäste, wir aber bevorzugten den Tresen. Auf die Bestellung des Test-Cocktails Daiquiri hin begann der Bartender sorgfältig Limettenstücke im Shaker anzupressen, die er dann mit den anderen Zutaten zusammen schüttelte. Das Ergebnis war ein wirklich guter Drink. Interessant war auch seine Wahl des Rums mit jamaikanischem Appleton Special. Ich persönlich teile diese Freiheit in der Interpretation des Daiquiri, die Kuba-Puristen auf die Barrikaden treibt. Die Kenntnis des Personals der inhabergeführten Bar wurde durch ein paar spannende Flaschen, von Green Chartreuse bis Rye Whisky, auf dem Rückbüfett untermauert.

 

Bochum

Kenntnis sucht man in der Stadt Bochum vergeblich. An der ballermannähnlichen Kortumstraße reiht sich wieder die erwähnte Konzeptgastronomie auf. Die dort durchgeführten Tests sind schon gar nicht mehr eine Erwähnung wert. Einzig das nahe gelegene Living Room und das Hemingways haben stilistisch einen höheren Anspruch. Das Living Room punktete zwar durch schönes Interieur und höflichen Service, rührte seinen Daiquiri aber leider wieder einmal mit Lime Cordial an. Das Hemingway wiederum bemühte sich, gleich beides, Cocktail und Service, auf allerniedrigstem Niveau anzubieten. Bei unseren Reisen sehen wir viel. Aber diese Bar bot wirklich das schlechteste Erlebnis seit Monaten.

 

Essen

Auch in Essen gestaltete sich die Suche nach Bars schwierig. Zwar gibt es in der Innenstadt und vor allem auf der Rüttenscheider Straße viele Gastronomiebetriebe, aber sie behandeln fast alle Cocktails maximal als Nebenprodukt. Aus diesem Grund steuerten wir hier auch eine Hotelbar an, die uns empfohlen worden war. Jimmy’s Bar im Mövenpick Hotel ist einem britischen Club nachempfunden. Dunkle Holverkleidung an den Wänden, dicke Polster auf schwerem Mobiliar. Die höfliche und sehr freundliche Bartenderin presste für den bestellten Daiquiri mit der Hand eine Limette aus, was nach der künstlich schmeckenden Durststrecke in so vielen Bars Entzücken auslöste. Allerdings servierte sie den Cocktail dann leider im Becherglas auf Crushed Ice und mit körnigem Rohrzucker.

Der Höhepunkt der Suche nach dem Cocktail im Ruhrgebiet war das Daktari (unten im Bild). Dieser kleinen Bar, deren Interieur aus einem gemütlichem Mischmasch aus Tiki, Afrikahaus und Strandhütte besteht, eilt ein schon fast legendärer Ruf voraus. Eine halbe Stunde nach Öffnungszeit waren bereits alle Plätze belegt. Der Traum eines jeden Barbetreibers! Die Cocktails kommen in wahren Vasen zum Gast, behängt mit opulenten Garnituren und allerlei Gimmicks wie Gummitieren und Leuchtarmbändern. Letztere finden sich schnell an den Armen der Gäste wieder. Ein wahrhaft anwendungsfreudiger Genuss. Der bestellte Daiquiri war ebenfalls in eine riesige Cocktailschale gefüllt und offenbar im Blender zubereitet worden. Die generöse Mischung schwamm in Crushed Ice und hätte auch zwei Trinkern genügt. Die Sitznachbarn erzählten, dass sie regelmäßig mit Freunden die 50km von ihrem Wohnort nach Essen fahren würden, nur um ins Daktari zu gehen. Eine Bar, die so eine Stammkundschaft besitzt, macht alles richtig!

Wer den Vortrag von Angus Winchester über die Notwendigkeit von Spaß in und an der Bar auf dem Bar Convent Berlin 2007 verfolgt hat, findet im Daktari die Umsetzung. Hier geht es nicht um Sazerac, Martinez oder andere intellektuelle Drinks, hier geht es um Spaß. Und vermutlich kann auch nur das Ruhrgebiet eine solche Bar hervorbringen. Bei all der Mühsal, die das Verkosten verpanschter und falscher Mixturen auf dieser Tour mit sich brachte, haben uns Bars wie das Daktari und das Havana in Duisburg wieder versöhnt.

 

Das Ruhrgebiet ist, bis auf wenige Hot-Spots wie zum Beispiel das Daktari oder das Havanna, eher ein Entwicklungsgebiet und Cocktailprovinz. Die Gäste suchen nach guten Bars und Kneipen mit individuellen Ideen, die auch ins Ruhrgebiet passen, und finden sie meist nicht.
Jörg Kalinke, Betreiber von Drinkmix.de in Duisburg

 

 

Adressen und Links:

CU, Kampstrasse 41, 44137 Dortmund
>> www.cu-bar.de

Collins Bar, Kuckelke 10, 44135 Dortmund
>> www.collinsclub.de

Liquid Lounge, Martinstrasse 10, 44137 Dortmund
>> www.liquid-lounge.info

Mendoza, Martinstrasse 10a, 44137 Dortmund
>> www.mendoza-do.de

Havanna Bar, Musfeldstrasse 26, 47051 Duisburg
>> www.havanna-duisburg.de

Der Livingroom, Luisenstrasse 9-13, 44787 Bochum
>> www.livingroom-bochum.de

Hemingways, Konrad-Adenauer-Platz 1, 44787 Bochum

Daktari, Juliusstrasse 4, 45128 Essen
>> www.daktari-cocktailbar.de

Jimmy’s Bar im Mövenpick Hotel, Am Handelshof 2, 45127 Essen
>> www.moevenpick-hotels.com


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Erschienen in Mixology Issue 5/2008.

Autor: Helmut Adam
Fotos: Astrid Piethan

 

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