Moderne Cocktailklassiker. Vom Londoner Bramble bis zur Tommy's Margarita.

Klassik 3.7.2011 2 comments

Angus Winchester fällt ein harsches Urteil über neue Cocktailkreationen und Signature Drinks. Trotz immer besserer Zutaten schaffen es nur die wenigsten vor seinen Augen Gnade zu finden und in den Olymp aufgenommen zu werden.

Zu den schönsten Seiten meines Jobs zählt die Entwicklung von Trainings und Präsentationen für Barshows und Ausbildungsveranstaltungen auf der ganzen Welt. Man lässt mir in der Vorbereitung völlig freie Hand und vertraut darauf, dass ich wahlweise mein Publikum mit interessanten und lehrreichen Themen inspiriere oder mit bewährtem Wissen bereichere. Wie ich mit der Zeit herausfand, liegt das Erfolgsgeheimnis einer solchen gelungenen Veranstaltung in exzellenter Recherche, weiser Auswahl und einer durchdachten Struktur, die für den richtigen Flow und einen spannenden Dialog sorgt. Mein Wunschpublikum hängt dabei nicht ergeben an meinen Lippen, sondern nimmt aktiv teil und konfrontiert mich auch schon mal mit Argumenten oder Aspekten, die ich nicht bedacht habe. Wenn die Veranstaltung dazu für Aufsehen in der Barwelt (oder zumindest im Publikum) sorgt, umso besser.

Anlass für unser Thema heute ist meine kürzlich gehaltene Rede auf dem Eröffnungsevent der Athens Bar Show mit dem Titel “Die Sieben Cocktail-Weltwunder“. In dieser Rede wollte ich demonstrieren, dass während meiner gesamten Zeit als Bartender nur etwa sieben Drinks erfunden wurden, die in die Riege der Klassiker aufstiegen oder das Potenzial dazu haben. Drinks, die jeder meiner Kollegen zu mixen weiß oder es in Zukunft wissen sollte. Erwartungsgemäß stieß ich damit diverse Leute vor den Kopf und ein paar heftige Diskussionen an.

Meine Theorie ist folgende: Vor 90 Jahren galten als echte Klassiker vollkommen andere Cocktails als vor 40 Jahren oder gar heute. Um die Jahrhundertwende mixte man Clover Club, Cobbler, Sazerac und Silver Fizz. 50 Jahre darauf standen Mojitos, Margaritas, Mai Tais und Bloody Marys auf jeder Cocktailkarte. Doch welche Drinks, die in den letzten 22 Jahren erfunden wurden (der persönlichen Einschätzung willen wähle ich als Ausgangsdatum den Beginn meines Bartenderdaseins), sind mehr als ein kurzer Hit und mausern sich zum Evergreen? Betrachten wir das wachsende Prestige der immer kreativeren Kunst des Mixens, die zunehmende Anzahl der Signature-Drinks und die immer größere Auswahl an Zutaten, dann müsste es da draußen eine ganze Menge hervorragender Cocktail-Newcomer geben… aber ist das auch so? An dieser Frage (und meinem Know-How als passionierter, weit gereister Bartender mit unzähligen neuen Drinks auf seinem Erfahrungskonto) orientieren sich meine Kriterien für einen Cocktail, der sich “Moderner Klassiker” nennen darf.

Zunächst sollte dem Drink eine praktische Seite zu Eigen sein. Seine international üblichen Zutaten sind leicht zu beschaffen. Zur praktischen Seite gehört auch sein einprägsamer und knackiger Name, der gut auszusprechen, über den Tresen zu rufen und zu behalten ist.

Zweitens schmeckt der angehende Klassiker natürlich großartig. Dazu kann das Mischverhältnis seiner Zutaten gut variiert werden, um verschiedenen Geschmäckern zu genügen. Auf jeden Fall beeindruckt der „Moderne Cocktailklassiker“ mit seinem erfrischend innovativen Geschmack, der entweder von einer erstmaligen Zutatenkombination oder einer neuen Zubereitungstechnik herrührt.

Drittens muss der Cocktail so beliebt sein, dass er nicht nur von Cocktailfans gern bestellt, sondern auch von anderen Bartendern kopiert wird – die beste Gegebenheit für seinen Siegeszug rund um den Globus. Wie vielen erfolgversprechenden Drinks wurde eine steile Karriere versagt, weil erfinderische Bartender ihr Rezept geheim hielten… Dabei gilt es als Ritterschlag, wenn Kollegen aus anderen Bars den neuen Cocktail so gut finden, dass sie ihren Stolz beiseitelegen und nach dem Rezept fragen.

Damit wären wir beim vierten Auswahlkriterium für den Cocktailklassiker: der perfekte Drink inspiriert Bartender dazu, das Rezept zu kopieren oder weiterzuentwickeln, wie es etwa mit dem Negroni, dem Manhattan und dem Old Fashioned geschah.

Mit diesen Prämissen im Hinterkopf präsentiere ich „Die Sieben Cocktail-Weltwunder“:

Bramble –  Dick Bradsell

Benton’s Old Fashioned –  Don Lee

Tommy’s Margarita –  Julio Bermejo

Penicillin Cocktail – Sam Ross

Sweet Heat –  Dave Nepove

Espresso Martini –  Dick Bradsell

Breakfast Martini –  Salvatore Calabrese

Für sieben Drinks entschied ich mich, weil damit erstens ein lässiger Titel für meine Rede  gewonnen war und ich zweitens davon überzeugt bin, dass in den letzten 25 Jahren weniger als zehn neue Drinks zu Klassikern avanciert sind und meinen Kriterien entsprechen. Zu den zahlreichen Gründen für diese dürftige Quote zählt fraglos der weit und gerade beim Bartender-Nachwuchs verbreitete Irrglaube, der Gast wolle einen total originellen It-Drink.  Ich habe berufsmäßig unzählige dieser It-Drinks gekostet, die, so schmackhaft sie auch sein mögen, relativ nichtssagend und schon allein der mangelnden Nachfrage wegen des Titels “Moderner Klassiker” nicht würdig waren. Meine Champion-Liste erweitern könnten dagegen der Chartreuse Swizzle, der in den USA immer populärer wird, und der in Europa beliebte Gin Basil Smash (obwohl ich mich frage, ob infolge der  Sagatiba-Tour von John Gakuru und dem Brazil Basil Smash hier nicht der Gin von Cachaca ersetzt wird… das wird sich mit der Zeit herausstellen).

Meine – definitiv nicht definitive – Nominierung der sieben modernen Cocktailklassiker und deren Auswahlkriterien können meine engagierten Kollegen gern zum Anlass nehmen, in Zukunft brandneue Erfolgscocktails zu kreieren, phänomenale Drinks von heute in die breite Öffentlichkeit hinein zu tragen und meine obige Auswahl tatkräftig zu unterstützen. Mir selbst bleibt wohl nichts anderes übrig, als meiner eigenen Devise zu folgen und selbst einen Klassiker zu erfinden! Bis dahin freue ich mich auf Protest, Kritik und Alternativvorschläge meiner geschätzten Leser.

[five-star-rating]

2 comments

  1. Fabian

    Schade, dass die Rezepte hier nicht zu finden sind.

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